LICHT IN DIE BLACKBOX ABSCHIEBUNG

MILTIADIS OULIOS HIELT IM DORTMUNDER SCHAUSPIELHAUS SEINEN VORTRAG ZUR EUROPÄISCHEN ABSCHIEBEPOLITIK

Miltiadis Oulios
Miltiadis Oulios

„Seitdem ich denken kann, höre ich in Diskussionen immer wieder, wir werden von Flüchtlingen überrannt. Also ich wurde bisher noch nicht überrannt.“ Am Dienstagabend hielt der Düsseldorfer Autor Miltiadis Oulios in der Jungen Oper beim Dortmunder Schauspielhaus seinen Vortrag BLACKBOX ABSCHIEBUNG. Die Veranstaltung – gemeinsam organisiert vom Schauspiel Dortmund und bodo e.V., unterstützt von Pro Asyl und European Homecare, warf Licht auf die Theorie und Gesetzeslage der europäischen Abschiebepolitik. Entlang von Einzelschicksalen wurde ihre praktische Anwendung vermittelt. Als besondere Gäste waren auch etwa fünfzehn Asylsuchende aus der Lütgendortmunder Siedlung Grevendicks Feld, wo die Stadt Dortmund derzeit Flüchtlinge unterbringt,  mit einem Bus zum Schauspielhaus gebracht worden.

Bevor der Vortrag begann, mussten sich die EU-Bürger unter den Besuchern als Teil einer Performance einer Einlasskontrolle unterziehen: „Über welche Route sind Sie heute ins Schauspiel gekommen? Warum sind Sie heute Abend nicht zuhause geblieben? Haben Sie vor, später wieder nach Hause zu gelangen? Sind sie homosexuell? Falls ja, können Sie das belegen?“ – eine abgemilderte Variante der Befragung, die Flüchtlinge über sich ergehen lassen müssen. Entwickelt wurde dieser Performance von Jean Peters, Mitglied der Aktionskunstgruppe Peng Collectivesowie mit den drei Ensemblemitgliedern Uwe Schmieder, Julia Schubert und Peer Oscar Musinowski.

Ein Sachbearbeiter (aka Jean Peters vom Peng Collective) bearbeitet den Aufenthaltsantrag eines EU-Bürgers.
Ein Sachbearbeiter (aka Jean Peters vom Peng Collective) bearbeitet den Aufenthaltsantrag eines EU-Bürgers.

Wer keinen Personalausweis dabei hatte oder während der Befragung aufmuckte, musste in einen spärlich mit Plastikstühlen angedeuteten Wartesaal und hoffen, dass ein Sachbearbeiter sich seiner erbarmt. Erst nachdem der Fragebogen vollständig ausgefüllt war und die entsprechenden Formulare gestempelt waren, konnte man die Außengrenzen des Stadttheaters hin zur Veranstaltung passieren. „Wir wollten damit zeigen, wie es sich anfühlt, sich für seine Mobilität rechtfertigen zu müssen“, so Jean Peters.

Dieses Gewähren der Mobilität war dann auch ein Kernanliegen des Vortrags von Miltiadis Oulios. Er argumentiert, dass ein Problem in der Flüchtlingspolitik die Trennung zwischen der Auffassung von Menschenrechten und Bürgerrechten sei. Flüchtlingsheime garantierten, so Oulios im Rekurs auf den italienischen Philosophen Giorgio Agamben, lediglich das nackte Überleben der Bewohner. Es seien Institutionen, die gerade so die erforderlichen Lebensbedingungen, das Existenzminimum, befriedigen. Flüchtlinge können Menschenrechte genießen, jedoch ohne Anspruch auf Bürgerrechte – also das Recht auf politische oder gesellschaftliche Partizipation, das Recht auf Freiheit und Mobilität – werden ihnen nicht gewährt. In seiner Utopie sind Flüchtlinge die neuen Protagonisten eines Kosmopolitismus – einer Welt ohne Grenzen und ohne Grenzpolitik. „Kosmopolitismus besteht heute darin, dass Rechte praktiziert und geschaffen werden, die über nationale Grenzen hinweg gelten. Dazu gehört das Recht, seinen Ort wählen zu können und nicht abgeschoben zu werden.“ In den Menschenrechten sei das Recht auf Auswanderung bereits von Beginn an verankert – der Haken ist: das Recht auf Einwanderung fehlt.

Oulios plädierte dafür, dass sich Flüchtlinge und auch Sympathisanten einer liberaleren Flüchtlingspolitik mehr als politische Subjekte statt als Objekte begreifen müssten. Der Themenkomplex müsse entemotionalisiert werden – weg von den ewiggleichen Nachrichtenbildern gekenterter Boote, patrouillierender Grenzbeamter oder trauriger Flüchtlinge in trist-grauen Erstaufnahmeeinrichtungen. Hin zu mehr Protest – wie zum Beispiel das Flüchtlingscamp, das im Herbst 2012 auf dem Pariser Platz in Berlin aufgeschlagen wurde. Dort, durch diesen spontan und eigens organisierten Protest, wurde mehr politische Resonanz geschaffen als durch die vielen, in ihrer Narration identischen Medienbeiträge und Diskussionsrunden.

Von links nach rechts: Said Arab (Dolmetscher, European Homecare), Bastian Pütter (bodo) und Autor Miltiades Oulios.
Von links nach rechts: Said Arab (Dolmetscher, European Homecare), Bastian Pütter (bodo) und Autor Miltiadis Oulios. (Fotos: Laura Sander und Matthias Seier)

Sicherlich für viele eine streitbare These und es gab in der darauffolgenden Diskussion (moderiert von Bastian Pütter, bodo e.V.) mindestens genauso viel Pro wie Contra. Der Vortrag sowie die Diskussion wurden von Said Arab, einem Mitarbeiter von European Homecare, simultan für die meist syrischen Flüchtlinge auf Arabisch gedolmetscht.

Der Abend machte deutlich, dass es falsch ist, die Flüchtlinge selbst in der Flüchtlingsdebatte an der Peripherie des Diskurses auftauchen zu lassen – meist dann lediglich als zu bemitleidende Akteure, die brav Antworten auf bereits vorformulierte Fragen geben dürfen. Man muss ihnen zuhören, wenn sie ihre Stimmen erheben – und gerade ein Ort wie das Schauspielhaus muss ihnen dazu auch eine Gelegenheit bieten. Die Diskussion am Dienstag darf da bloß der Anfang bleiben.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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