Alle Beiträge von Thorsten Bihegue

Über Thorsten Bihegue

Thorsten Bihegue studierte Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim, sowie Performance Writing am Dartington College of Arts in England. Gemeinsam mit der Dramatikerin Abi Basch gründete er 2005 das Theaterkollektiv kInDeRdEuTsCh PrOjEkTs. Gastauftritte führten sie zu Festivals nach Bangkok, St. Petersburg und Austin. In zahlreichen freien Theaterproduktionen wirkte er als Schauspieler, Autor und Musiker mit. Von 2010 bis 2012 war er Dramaturg am Theater Rudolstadt. Seit 2012 springt er regelmäßig als Dramaturg am Schauspiel Dortmund ein und führt gemeinsam mit Alexander Kerlin Regie beim Dortmunder Sprechchor.

WER SCHÖN IST, BRAUCHT NICHT AUCH NOCH GUT ZU SEIN

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„Schönheit ist ein Skandal“, schreibt der Autor Ulrich Renz in seinem Buch Schönheit. Eine Wissenschaft für sich. Die Schönheit Dorian Grays ist ein Skandal – denn sie altert nicht. Sein innigster Wunsch, das Bildnis, das sein Malerfreund Basil von ihm geschaffen hat, möge an seiner statt alt und runzlig werden, geht in Erfüllung. Mit der gesellschaftlichen Bevorteilung, die ihm ob seiner ewigen Jugend und Schönheit allenthalben entgegengebracht wird, verfällt jedoch sein moralisches Bewusstsein und führt ihn in ein geheimes Leben, beherrscht von Sünde und Verbrechen. Die Folgen trägt allein sein Bildnis, es mutiert in eine groteske, blutgetränkte Fratze. Nur er selbst bleibt äußerlich verschont, bleibt scheinbar ewig jung, schön und begehrenswert. WER SCHÖN IST, BRAUCHT NICHT AUCH NOCH GUT ZU SEIN weiterlesen

DIE WILDEN SIND LOS!

Am Wochenende gab es ein feuriges Premieren-Stelldichein am Schauspiel Dortmund zu bewundern. In „Szenen einer Ehe“ verwandelte die Regisseurin Claudia Bauer unser Ensemble in ein wildgewordenes Rudel, das den Lebenswunsch nach einer harmonischen Ehe genüsslich zerfleischt. In „Nosferatu“ erinnerte uns Jörg Buttgereit an das ureigene Verlangen, die Fantasiewelt in ein lustvolles Horrorkabinett zu tauchen. Und just brüte ich über der Textfassung unserer Punk-Operette „Häuptling Abendwind“, in der eine Horde Kannibalen einen musikalisch-karnivorischen Festschmaus zubereitet. Die legendäre Ruhrpott-Punkband Die Kassierer wird diesen Abend live begleiten – ungestüm und laut natürlich! Sind die Errungenschaften unserer Zivilisation also in Gefahr? Steckt unter dem Deckmantel der Kultiviertheit allzeit das unbändige Tier? Steppt da der Bär?

Gehen wir nicht gerade ins Theater, um uns besonders kultiviert zu zeigen? Mit dem Gläschen Sekt in der einen Hand und der brandaktuellen Zeitdiagnose auf dem Zeigefinger der anderen Hand reflektieren wir die Abgründe des Menschseins – aber bitte distinguiert und distanziert. Oder steckt der wahre Spaß am Theaterbesuch nicht viel eher darin, dem schändlichen Drachen ins Maul zu schauen, dem Leviathan auf den schäbigen Essteller zu gucken? – Schließlich kennen wir die darauf lauernden ungesunden Ingredienzien nur all zu genau…

Also wenn das nächste Mal auf der Bühne ein großes, wildes – wenn auch bloß symbolisches – Menschenfressen stattfindet, denke ich einfach an die Worte des Ethnologen Claude Lévi-Strauss: „Wenn bestimmte Zeremonien bei ganz verschiedenen Völkern immer wiederkehren, dann muss es sich um etwas handeln, was nicht vollkommen absurd ist.“ Egal ob Kannibalen, Vampire oder Ehebrecher die Szene bevölkern, der „wilde“, im Mythos verankerte Mensch versucht doch stets, die gleichen Fragen zu beantworten wie der „zivilisierte“ Mensch.

 

Veröffentlicht am 3. Dezember 2014 in den Ruhr Nachrichten.

 

DIE KASSIERER – WAS IST DAS EIGENTLICH?

Ein in Vorfreude auf HÄUPTLING ABENDWIND getunkter Konzertbericht aus dem FZW mit den KASSIERERN DIE KASSIERER – WAS IST DAS EIGENTLICH? weiterlesen

DER SCHREIBTISCH DES DRAMATURGEN #2

Über allem angehäuften Theorie- und Praxisgedöns, das sich auf dem Schreibtisch eines Pseudodramaturgen scharrt, thront Richard Clayderman, dessen Namen ich an dieser Stelle richtig schreiben kann, da das Plattencover mit den “Träumereien am Klavier“ direkt vor meiner Nase steht. Meinen Schreibtisch ziert ein Haufen wie hingeworfen anmutender Liebhaberdevotionalien, also Amateurschätze. Diese Ordnung repräsentiert auch jenen Schreibtisch, der tagtäglich meine eigenen vier Wände aus dem Reich der Geometrie verbannt. Ich brauche das. Gedanken entstehen ja auch nicht aus penibel gestapelten Erinnerungskatalogen… Außerdem hatte schon Heraklit, einige kulturellen Lichtjahre vor unserer sogenannten Jetztzeit, dekretiert: „Die schönste Weltordnung ist wie ein aufs Geratewohl hingeschütteter Kehrichthaufen.“ DER SCHREIBTISCH DES DRAMATURGEN #2 weiterlesen

ENDSPIEL OHNE ENDE – EIN LEBEN IM LOOP

Uhren laufen im Loop, Zahnräder laufen im Loop
Leute laufen nach Uhren, sind im Loop gefangen!

Bas Böttcher ENDSPIEL OHNE ENDE – EIN LEBEN IM LOOP weiterlesen

ENDSPIEL

Ein Stück in einem Akt von Samuel Beckett
Deutsch von Elmar Tophoven

Endspiel

Dieser Klassiker des Absurden Theaters strahlt bis in unsere Gegenwart: In Wolfram Lotz’ Einige Nachrichten an das All begegneten wir Hamm und Clovs geistigen Enkeln Lum und Purl wieder. Mitsamt Kostümen und Bühnenbild sind die beiden Schauspieler Frank Genser und Uwe Schmieder direkt von der Leinwand aus jener Inszenierung in Becketts Endspiel hineingepurzelt. Während die beiden in Wolfram Lotz’ Theaterstück noch aus sicherer Entfernung mit der Endzeit-Poesie Becketts spielen und diese mit neuen Sinnvorstellungen füllen konnten, müssen sie sich nun der qualvollen Leere stellen, die hinter jedem Wort, hinter jedem gemeinsamen Gespräch und jedwedem zwischenmenschlichen Miteinander unerbittlich lauert.

„Ich will Poesie in das Drama bringen, eine Poesie, die das Nichts durchschritten hat und in einem neuen Raum einen neuen Anfang findet.“  (Samuel Beckett)

Samuel Becketts weltberühmtes Schauspiel über Hamm und seinen Diener Clov: ein clowneskes Gespann am Ende der Zeit. Der eine ist blind und kann nicht laufen, der andere kann sehen, aber nicht sitzen. Ersterer sieht die Welt durch die Augen des anderen und dieser mit dem Fernrohr durch die Fenster die Außenwelt: auf der einen Seite die menschenleere Landschaft, auf der anderen Seite das unendlich graue Meer. Aufeinander angewiesen, haben sie nichts Besseres zu tun, als sich wieder und wieder zu streiten und gegenseitig aufs Korn zu nehmen: geistreich, bissig, intelligent.

DER PROZESS – EINE BLOSSSTELLUNG IM OBEREN SCHAMBEREICH

Nach dem gleichnamigen Roman von Franz Kafka
In einer Bearbeitung von Thorsten Bihegue und Carlos Manuel DER PROZESS – EINE BLOSSSTELLUNG IM OBEREN SCHAMBEREICH weiterlesen

JEDER KOMMT IN DEN WIGWAM, DEN ER VERDIENT!

Eine kleine Pilgerreise durch den Theateralltag mit Wenzel Storch JEDER KOMMT IN DEN WIGWAM, DEN ER VERDIENT! weiterlesen

KOMM IN MEINEN WIGWAM

Eine Pilgerreise in die wunderbare Welt der katholischen Aufklärungs- und Anstandsliteratur von Wenzel Storch

Heinrich Fischer

Kaplan Buffo, der älteste Kaplan des Bistums, unternimmt mit seinen kleinen Freunden eine Pilgerreise in die wunderbare Welt der christlichen Sexualmystik. Er führt sie auf eine blühende Wiese voll schwellender Stengel und nickender Kelche und macht sie – beim Mondschein am Lagerfeuer – mit dem „Wunderbau“ ihres Leibes vertraut. Gemeinsam vertieft man sich in die Klassiker der römisch-katholischen Sexliteratur, doch damit nicht genug: Unterwegs begegnet man Heuschrecken, Krokodilen und Ordensschwestern, und die Messbuben stoßen auf eine geheimnisvolle Filmdose, die aus den Geheimarchiven der Augsburger Puppenkiste stammt.

Jana Katharina Lawrence Nonnen: Dortmunder Sprechchor

Das Stück erinnert – mit einer Fülle von Originalzitaten – an die Blütezeit der katholischen Aufklärungs- und Anstandsliteratur. Im Mittelpunkt steht das Werk des Päpstlichen Ehrenprälat Berthold Lutz (1923 – 2013), der – heute längst vergessen – als Oswalt Kolle der katholischen Sexuallehre gelten darf. Lutz schuf unterhaltsame Coming-of-Age-Geschichten wie DIE LEUCHTENDE STRASSE und DAS HEIMLICHE KÖNIGREICH, daneben entstanden Benimm- und Trimm-Dich-Fibeln wie FRECHDACHS LERNT ANSTAND und PETER LEGT DIE LATTE HÖHER – Werke, die ihre kleinen Leser verzauberten und die Fachwelt begeisterten.

Bowling for Wenzel Storch

DAS GOTTVERDAMMT PRÄCHTIGE, UMWERFEND KOMISCHE, ELENDIGLICH POETISCHE GESAMTWERK DES WENZEL STORCH, schwärmt der Kritiker Georg Seeßlen in DIE ZEIT von Storchs einzigartigem anarchisch-surrealistischem Kosmos. Mit Filmen wie SOMMER DER LIEBE (1992) und DIE REISE INS GLÜCK (2004) gilt Storch vielen als der deutsche Terry Gilliam. Nun hat er für das Schauspiel Dortmund sein erstes Theaterstück geschrieben und inszeniert. Darin entführt er uns auf eine Reise in die wundersamen Abgründe der christlichen Sexualmystik und zitiert originalgetreu aus zahlreichen verträumten Aufklärungsbüchern voll unbewusster Ferkeleien, die in den 1950er und 60er Jahren Riesenauflagen erzielten, heute jedoch der Amtskirche höchst peinlich sind.

Blumen: Dortmunder Sprechchor

Freuen Sie sich auf Perlen der Sakro-Pop-Musik, von Pater Perne bis Angeloy, wobei auch Heino und die Kastelruther Spatzen nicht fehlen dürfen. Umrankt von üppig knospenden Gärten voll schwellender Stengel und Kelche. Freuen Sie sich auf tanzende Nonnen, fleißige Messdiener und einen weisen Kaplan, sowie auf einen längst als verschollen geglaubten römisch-katholischen Propagandafilm der Augsburger Puppenkiste.