Alle Beiträge von Michael Eickhoff

Über Michael Eickhoff

Michael Eickhoff, 1972 in Göttingen geboren, studierte Geschichtswissenschaft, Germanistik, Romanistik und Philosophie in Bielefeld und Paris. Während seines Studiums arbeitete er u.a. am Deutschen Literaturarchiv Marbach, am Institut Mémoires de l‘Édition Contemporaine in Paris sowie an der Universität Bielefeld (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft und Fakultät für Geschichtswissenschaft). Seine Arbeit am Theater begann er am Theater Bielefeld, noch als Regieassistent, später als Produktionsleiter. Der Wechsel in die Dramaturgie führte ihn für kurze Zeit an das Berliner Ensemble, gastweise an das Staatstheater Wiesbaden und von 2003 bis 2009 an das Theater Bonn, wo er mit zahlreichen Regisseuren Inszenierungen, Projekte, Szenische Lesungen etc. realisierte. Seit der Spielzeit 2010/11 ist Michael Eickhoff Chefdramaturg am Schauspiel Dortmund und Lehrbeauftragter an der Folkwang-Hochschule Essen (Studiengang Schauspiel Bochum). Er ist Mitglied der „dramaturgischen Gesellschaft“.

DER 9.11. HIER UND DORT

stbDer 9. November, ein Tag voller historischer Brüche. Amerika erwacht am 9. November 2016 in einer anderen Welt. Ob das Datum der US-Wahl in die Geschichte eingehen wird, weil es den politisch institutionalisierten Rückfall – oder Neubeginn – in eine Zeit der nationalistischen, chauvinistischen und rassistischten Politik der Ausgrenzung, Abschiebung und Entrechtung markiert, werden die Monate nach der Amtseinführung Donald Trumps zeigen.

Vielleicht markiert aber auch ein anderes Datum den „amerikanischen 9. November“: Vielleicht der Tag, an dem „TRUMP“ auf die Tür der muslimischen Studenten-Gemeinschaft an der New York University gekritzelt wird? Vielleicht der Tag, an dem Unbekannte einen Spielplatz in New York, dem verstorbenen (jüdischen) Beastie Boys-Mitglied Adam Yauch gewidmet, mit Hakenkreuzen und Trump-Parolen beschmieren? Vielleicht der Tag, an dem auf CNN zur besten Sendezeit die Banderole zu lesen steht: „Alt-Right Founder Questions If Jews Are People“ (i.e. „Der rechtsradikale Gründer der Alt-Right fragt, ob Juden wirklich Menschen sind“).

Die These, dass sich der Faschismus normalisiere und dass dies auch in Deutschland der Fall sei, findet ihre Begründung und ihren Ausdruck in einem Tweet zum Beispiel von Deutschlandradio Kultur: „Trump-Unterstützer mit Hitlergruß – was will die Alt-Right-Bewegung?“ Ist das jetzt purer Euphemismus oder einfach nur verantwortungslos?

Verantwortungslos und nicht zu verstehen ist in jedem Fall, dass es am „deutschen 9. November“, der seit 1938 als Gedenktag für die Nazi-Novemberprogrome in unseren Geschichtsbüchern steht, in Dortmund nicht gelingt, würdig an die von Faschischten ermordeten Juden zu erinnern. Am Denkmal für die einstige Dorstfelder Synagoge am Wilhelmsplatz „gelang“ es Dortmunder Nazis zum wiederholten Male, die Ansprachen aus Politik und Jüdischer Gemeinde durch lautstarke Rufe zu stören.

Geschichte vergeht nie, sagen die einen. Geschichte vergeht, wenn wir uns ihrer nicht mehr erinnern, sagen die anderen. Am 9. November diesen Jahres kehrt sie mit doppelter Macht zurück. Und zeigt uns einmal mehr, wie fragil die öffentliche Sprache ist, wie zerbrechlich unsere politische Ordnung…

Ursprünglich erschienen am 23.11.2016 in den Dortmunder Ruhr Nachrichten.

 

DAS ABENTEUER AUF DER SUCHE NACH DER WAHRHEIT

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Neue Wege sind der Schlüssel zu Veränderung. Ob als Flüchtling auf der Reise, Reporter auf der Jagd nach Fakten oder als Theaterschaff ender im Prozess, Geschichten auf die Bühne zu tragen. Das Stück Die schwarze Flotte ist erzählter Journalismus, eine erlebbare Reportage in gespielter Wirklichkeit. Über ein halbes Jahr hat das Reporterteam von CORRECTIV im internationalen Sumpf von Reedereien, Briefkastenfirmen, Waffen-, Drogen- und Menschenschmugglern recherchiert.
Welche Herausforderung es war, den Stoff in ein Theaterstück zu wandeln, welche Möglichkeiten und Chancen diese Liaison aus Journalismus und Bühnenkunst bietet, erklären Regisseur Kay Voges, die Autorin Anne-Kathrin Schulz und der Schauspieler Andreas Beck im Gespräch mit dem Chefdramaturgen Michael Eickhoff.

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GEÄCHTET – WORUM GEHT’S?

New York. Ein Apartment in der Upper East Side. Emily und ihr Mann Amir haben seine Kollegin Jory und deren Mann Isaac zum Dinner eingeladen. Alle vier sind gebildet, wortgewandt, geben sich aufgeklärt und kultiviert; ausnahmslos Umstände, die – ihr überproportionales Einkommen eingerechnet – einen Konflikt um Religion unwahrscheinlich erscheinen lassen. Doch der Firnis ist dünn: Hinter den vier schimmernden Biographien stecken verschiedene Geschichten vom Ankommen in einer Einwanderungs-Gesellschaft, die den Aufstieg eines Jeden gegen Leistung verspricht. Da ist Amir, erfolgreicher Anwalt für Wirtschaftsrecht, der sich als pakistanischstämmiger Muslim von seiner Religion losgesagt hat. Seine Frau Emily, weiß und protestantisch, ist eine von islamischer Kunst inspirierte Malerin und steht kurz vor dem Durchbruch – den sie Isaac, einem der wichtigsten Kuratoren der New Yorker Kunst-Szene, verdanken könnte. Isaac ist amerikanischer Jude und mit Jory, einer afroamerikanischen Juristin und Kollegin von Amir verheiratet. Berufl iches und Privates vermengen sich bei Salat und Brot und Wein – bis die Rede auf 9/11 kommt und von dort auf den Islam und Religion, später Iran und Israel, Ahmadinedschad und Netanjahu, Migration und Terrorismus. Themen, die den Figuren allesamt Bekenntnisse abfordern und Streit über vergessen geglaubte oder versteckte Ressentiments entfachen. Am Ende ist, wie in jedem guten Boulevard-Stück, nichts mehr wie es war… GEÄCHTET – WORUM GEHT’S? weiterlesen

5 FRAGEN AN KAY VOGES ZU „GEÄCHTET“ VON AYAD AKHTAR

Der Text der zweiten Premiere im Megastore, unserer Ausweichspielstätte in Dortmund-Hörde, stammt von Ayad Akhtar, einem pakistanisch-amerikanischen Autor aus New York. Sein Stück „Geächtet“ (Disgraced) ist 2012 uraufgeführt und hat 2013 den renommierten Pulitzer-Preis gewonnen. Worum geht’s?

Im Zentrum des Stücks steht eine New Yorker Dinner-Party: Zwei Paare treffen sich, alles ist sehr distinguiert, man kennt die feinen Unterschiede. Alle vier haben gutdotierte Jobs und pflegen einen ähnlichen Lebensstil. Ihr Witz ist schnell und scharf. Man versteht sich, Ironie und Sarkasmus gehören zum guten Ton. Ihr Parlieren geht so lange gut – so lange sie ihr Gespräch nicht auf das Thema Religion führt. Denn das ist das besondere: die Konstellation der beiden Paare. Emily und Amir sind seit Jahren verheiratet; sie – jung, weiß, christlich geprägt – ist eine aufstrebende Malerin mit einem erklärten Faible für islamische Kunst und steht kurz vor ihrer Entdeckung. Ihr Mann Amir ist amerikanischer Muslim, seine Eltern stammen aus Pakistan – bei seinem Arbeitgeber, einer erfolgreichen jüdischen Anwaltkanzlei, hat er allerdings einen geänderten Nachnamen angegeben: „Kapoor“ klinge unverdächtiger als sein wahrer Nachname „Abdullah“, so fand er bei der Einstellung. Aber noch viel mehr: Seit Jahren versucht Amir, die Spuren seiner Religion und die islamischen Wurzeln in sich auszumerzen – er ist Apostat, hat dem Islam abgeschworen, ja, hasst ihn regelrecht. Jory und Isaac sind das zweite Paar: Sie, Afroamerikanerin, vielleicht aus der Bronx, arbeitet mit Amir in derselben Kanzlei und ist hinter dessen Rücken befördert worden. Ihr Mann Isaac ist einer der einflussreichsten Kuratoren der New Yorker Kunstszene – und Jude. Kurz: alle großen monotheistischen Religionen sitzen an einem Tisch. Jetzt stößt man an auf Emilys Erfolg, den sie Isaac zu verdanken hat: Sie ist mit einigen ihrer Bilder in die nächste wichtige New Yorker Ausstellung aufgenommen worden. 5 FRAGEN AN KAY VOGES ZU „GEÄCHTET“ VON AYAD AKHTAR weiterlesen

ZWISCHEN PRÄGUNG UND PROJEKTION

Einige Gedanken zu Bühnen- und Kostümbild von Ayad Akhtars „Geächtet“ in der Dortmunder Inszenierung

Ayad Akhtar siedelt das Abenddinner der beiden befreundeten Paare im vornehmsten Viertel New Yorks an, der Upper East Side. In unmittelbarer Nähe liegt auch das „Whitney Museum of American Art“, an dem Isaac als Kurator arbeitet. Das „Whitney“, wie es im Stück heißt, beheimatet eine der wichtigsten Sammlungen amerikanischer Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, u.a. auch Werke von Jasper Johns (* 1930). Jasper Johns gilt ähnlich wie Robert Rauschenberg als eine Art Bindeglied zwischen den abstrakten Expressionisten und der amerikanischen Pop-Art. ZWISCHEN PRÄGUNG UND PROJEKTION weiterlesen

WIE NAH WAR DER VERFASSUNGSSCHUTZ DEN NSU-MÖRDERN?

Exemplarisch für diese Frage steht der Fall des Verfassungsschützers Andreas Temme, auch namentlich im Text von Elfriede Jelinek genannt, der am 6. April 2006 zum Zeitpunkt des Mordes an Halit Yozgat in dessen Kasseler Internet-Café war – aber bis heute vorgibt, den schallgedämpften Schuss und auch das Nachladen der Pistole nicht gehört, den niedergeschossenen Mann hinter seinem Tresen nicht gesehen zu haben.
Über diesen Fall, der die Nähe des Verfassungsschutzes zum NSU-Komplex zeigt, berichten Stefan Aust, Per Hinrichs, Dirk Laabs.
Den ausführlichen Artikel, erschienen am 11.11.2015 in „Die Welt“ finden Sie hier.

Das schweigende MŠdchen

 

PROTOKOLL 51. VERHANDLUNGSTAG

Protokoll 51. Verhandlungstag (5. November 2013)

im NSU-Prozess vor dem OLG in München

(Auszüge, Protokoll erstellt am 08.11.2013_www.nsu-watch.info) PROTOKOLL 51. VERHANDLUNGSTAG weiterlesen

JELINEK IM MEGASTORE

Hass wird mit SS geschrieben. Zwischen 2000 und 2006 ermordeten Unbekannte neun türkischstämmige Männer in verschiedenen Großstädten. Überall fielen sie den Kugeln aus immer der gleichen Pistole zum Opfer; doch weder in Nürnberg, noch in München oder Hamburg, noch in Rostock, Kassel oder Dortmund wurden die offensichtlichen Parallelen zu einem Verdacht gemünzt, der die Täter auch nur annähernd in den Fokus genommen hätte. Stattdessen stigmatisierten die Ermittlungen im kriminellen Drogenmilieu oder Vermutungen auf Morde aus Eifersucht die Opfer postum und ihre Familien gleich mit. Erst als am 4. November 2011 die beiden Rechtsextremen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in ihrem Wohnmobil in Eisenach vermutlich Selbstmord begingen, erst als sich Beate Zschäpe wenige Tage später der Polizei stellte, konnten die neun Morde und darüber hinaus mehrere Banküberfälle, vier Sprengstoffanschläge und der Mord an einer Polizistin als Serie verstanden werden – verübt von Mitgliedern der rechtsextremen terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). JELINEK IM MEGASTORE weiterlesen

2099

(Einige Gedanken zum Ansatz der Inszenierung)

Das erste Theaterstück des Zentrums für Politische Schönheit stellt vier Philosophen vom Ende des 21. Jahrhunderts auf eine Theaterbühne des Jahres 2015. Menschen vom Beginn des Jahrhunderts sehen sich Menschen vom Ende des Jahrhunderts gegenüber. In dieser Gegenüberstellung fliegt der Funke einer historischen Kraft: Menschen, die sich gerade erst aufmachen, ihr politisches Wollen im 21. Jahrhundert zu erforschen, werden auf der Bühne des Schauspiels Dortmund mit dem Urteil konfrontiert, das sich die Nachwelt über sie gebildet hat. Eine Theater-Zeitreise, die allen Beteiligten – sowohl auf, vor, neben und hinter der Bühne – buchstäblich alles abverlangt. Die Philosophen aus dem Jahre 2099 versuchen dabei, die Geschichte des 21. Jahrhundert umzuschreiben und das Schicksal zu korrigieren. Von dieser Überzeugung sind sie alle getragen – Natur würfelt nicht, aber die Geschichte würfelt. Das Publikum muss handeln, bevor es zu spät ist. 2099 weiterlesen

WORTE HELFEN NICHT, SONDERN TATEN

An einem Dienstagmorgen im Juni auf einem muslimischen Friedhof in Berlin. Aufgeworfene Erde. Zwei Särge werden hinabgelassen – ein großer und ein kleiner für eine Mutter und ihr zweijähriges Kind. Eine kleine Trauergemeinde spricht mit dem Imam das islamische Totengebet. Zahlreiche Journalisten umringen das Grab. Davor auf rotem Teppich mehrere Reihen leere Stühle. Doch die geladenen Trauergäste sind nicht erschienen: Angela Merkel, Thomas de Mazière und viele andere. Ein privater Moment, der Öffentlichkeit sucht… WORTE HELFEN NICHT, SONDERN TATEN weiterlesen

WÜNSCHE, LIEBE, LÜGEN

Nicht zu übersehen, nicht zu verdrängen derzeit: Weihnachten steht vor der Tür. Wir schenken uns was, hoffen auf Erfüllendes und tauschen allenthalben Grüße, Geschenke, Wünsche.

Ob unter all den dahingesagten Wünschen jetzt im Dezember jene nach Toleranz und Frieden noch Konjunktur haben? Wenn sie sich auf die große Politik beziehen – wer weiß? Ich würde mir wünschen, diese Wünsche könnten voll Selbstbewusstsein und Mut auf einen Passus des Matthäus-Evangeliums gedacht sein: „Jesus Christus spricht: Wer einen Fremden aufnimmt, der in Not ist, der nimmt mich auf; wer einen Fremden, der Hilfe braucht, zurückweist, der weist mich zurück.“ Voll Scham können wir derzeit erkennen, wie begrenzt die Macht unserer Wünsche ist – angesichts von PEGIDA in Dresden, Dügida in Düsseldorf und HoGeSa in Köln, angesichts einer menschenfeindlichen Asylpolitik einer Koalition, deren hälftiger Part das Adjektiv „christlich“ in ihrem Namen zu führen sich nicht schämt. Allein, es liegt in unserer Hand, unseren Wünschen auch Taten Folgen zu lassen… WÜNSCHE, LIEBE, LÜGEN weiterlesen