Alle Beiträge von Matthias Seier

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

INTERVIEW: Wie werden Parallelwelten möglich?

DIE PARALLELWELT

Am 15. September wird zwischen dem Schauspiel Dortmund und dem Berliner Ensemble eine Uraufführung stattfinden, die es so noch nicht gegeben hat. Auf zwei Bühnen, die 420 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt liegen, findet zeitgleich ein einziges Stück statt: Zwei identische Bühnenwelten, jeder Schauspieler und jede Schauspielerin hat einen “Zwilling” im anderen Theater.
Verbunden sind die Bühnen via Glasfaser, Bildschirm und Lautsprecher – und so können die Ensembles miteinander spielen und sprechen. Die Textgrundlage für Die Parallelwelt ist wie schon so häufig in den letzten Jahren (z.B. in Die Borderline Prozession) eine Textcollage, die Kay Voges im Autorenkollektiv mit der Schauspielerin Eva Verena Müller und dem Dramaturgen Alexander Kerlin geschrieben hat.

Doch wie gelingt dieses große Vorhaben überhaupt technisch? Von welchen Datenmengen reden wir? Und bekommt man von der großen Distanz nach Berlin als Zuschauer etwas mit?

Das fragen wir Dominik Bay, als Experte für die lichtschnelle Versendung von Daten und als Netzwerk-Ingenieur weltweit tätig. Erste Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Dortmund im Rahmen von „Crashtest Nordstadt“ – seitdem immer wieder auf, neben oder unter der Bühne am Start, wenn in der analogen Welt Raum und Zeit überwunden werden müssen.


Ganz grob formuliert: wie funktioniert die Simultan-Theateraufführung technisch überhaupt, wie geht sowas? Letztlich ist es nichts anderes als eine Liveschalte im TV, jedoch mit einem besonders kritischen Punkt der Interaktionsfähigkeit. Für eine flüssige Interaktion darf die Zeitverzögerung nicht zu hoch sein. Üblicherweise fällt man sich ab 100 Millisekunden (ms) ins Wort, die Reaktionszeit eines Menschen liegt im Schnitt bei 250ms, visuelle Reize können jedoch schon innerhalb von 13ms wahrgenommen werden. Da wir auf der Bühne sowohl visuelle als auch akustische Latenz haben, muss beides perfekt passen. Schauspieler orientieren sich nicht nur an Gehörtem, sondern auch an Bewegungen oder Mimik. Nachrichtensprecher müssen das nicht.

Wird es eine für das Publikum bemerkbare Rückkopplung oder Zeitverzögerung geben? Es kann im Fehlerfall eine Zeitverzögerung geben, die man als Zuschauer vermutlich nicht bemerken wird. Schauspieler, die das Stück perfekt in- und auswendig kennen, werden aber vermutlich merken, wenn etwas später kommt als sonst üblich. Der Übertragungsweg hat eine Länge von ca. 597km und damit eine Latenz je Richtung von 2.99ms. Da wir noch diverse Effekte kompensieren muessen, kommen noch ca. 0.41ms hinzu. Damit sind wir bei 3.4ms – das betrifft jedoch nur das Lichtsignal. Die angeschlossenen Netzwerkgeräte werden weitere 1.5ms hinzufügen, damit sind wir bei 4.9ms je Richtung. Um das Bild auf die Leinwand oder den Bildschirm zu bringen, benötigen wir im Schnitt weitere 9ms – damit haben wir 13.9ms je Richtung – und noch ca. 11ms Puffer bis zu unserer selbst gesetzten Obergrenze von 25ms.

Derzeit bastelst und verkabelst du viel am Berliner Ensemble und am Schauspiel Dortmund miteinander und steigst sogar auf deren Häuserdacher. Was genau machst du? Der Dortmunder Teil war eigentlich ziemlich einfach. Zum Glück sind wir wieder im Schauspielhaus in der Innenstadt, und nicht mehr im abgelegenen Megastore. Daher haben wir Zugriff auf Glasfaserinfrastruktur, die das Schauspielhaus mit den Geräten im Rechenzentrum im Osten von Dortmund verbindet. Und dann sind wir schon fast an der „Rennstrecke“ nach Berlin, einmal an der B236 hoch und es geht auf eine Glasfaserleitung, die etwa parallel zur A2 verläuft. Dort endet das Kabel in einem engmaschigeren Stadt-Netzwerk mit mehr Wegen. Zum Glück war die Wahl des Providers einfach, da es im Berliner Ensemble schon einen Glasfaseranschluss gibt. Bei diesem Provider versuchen wir gerade einen Weg zu finden, der möglichst wenige weitere Verbindungsarbeiten innerhalb der Stadt erfordert, das ist nicht immer ganz einfach. Eine Alternative war daher, eine Richtfunkverbindung aufzubauen. Leider war das Thema ziemlich schnell erledigt, da die hohen Gebäude am Potsdamer Platz zwischen dem Rechenzentrum und dem Berliner Ensemble stehen. Ohne Sichtverbindung können wir da leider nichts machen. Die andere Möglichkeit: das Signal am Schöneberger Gasometer umlenken. Das ist jedoch weit weg und denkmalgeschützt.

Wie funktioniert der Datentransfer über Glasfaser-Leitungen von Berlin nach Dortmund und zurück? Bei jedem der verschiedenen Netzbetreiber mieten wir eine Wellenlänge auf den Glasfaserleitungen an. Das ist eine Farbe, die dann nur von uns verwendet wird. Auf dieser Wellenlänge außerhalb des Sichtbereichs des menschlichen Auges können wir dann unseren Daten in Lichtpulse mit dieser Farbe umwandeln, und die wird dann von den Providern durchgelassen. Damit wir nur unsere Farbe benutzen können und auch die anderen Nutzer nicht stören, sind an unserem Leitungsanfang und Ende entsprechende Filter installiert. Wie ein Brillenglas, welches nur für eine bestimmte Farbe durchlässig ist. Danach geht es mit vielen anderen Signalen auf ein Prisma, und dann auf die Glasfaserleitung.


Die Parallelwelt

Premiere: 15. September 2018 (ausverkauft).

Weitere Termine: 20./26. September, 28./31. Oktober, 16 November,…

Probenfotos: Birgit Hupfeld.

„Momente der Unsterblichkeit“

Momente der Unsterblichkeit

Ab dem 19. April ist unser Ensemble-Mitglied Marlena Keil als Magd Zerline im Studio zu erleben! Die legendäre Erzählung von Hermann Broch als packender Theater-Soloabend.
Die Magd Zerline hält Rückschau auf ihr Leben, das sie im Dienst einer Baronin verbracht hat: eine Lebensbeichte voller Sehnsucht nach einer erfüllten Liebe, die sie glaubte, im Liebhaber ihrer Herrschaft zu finden. Sehnsucht, Begehren und Schmerz mischen sich mit Neid, Stolz und Heimtücke an diesem sommerlichen Nachmittag, der zuletzt im Anzetteln eines Mordprozesses gipfelt.

Ein Gespräch mit Marlena Keil und dem Regisseur des Abends, Matthias Rippert.

Alle Termine und Tickets. „Momente der Unsterblichkeit“ weiterlesen

AUFREGUNG FÜR ALLE.

AUFREGUNG FÜR ALLE

Das ewige Feedback der Empörung – in Utzbach und im Netz

Essay zum „Theatermacher“ von Matthias Seier


Kritiker gibt es, deren jeder vermeint, bei ihm stände es, was gut und was schlecht sein solle; indem er seine Kindertrompete für die Posaune der Fama hält.

Artur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena, 1851


I. Die Geschichte einer Empörung

Im Sommer 1972 wurde bei den Salzburger Festspielen das Theaterstück Der Ignorant und der Wahnsinnige von Thomas Bernhard uraufgeführt. Dessen Regisseur Claus Peymann bestand in der letzten Szene auf absolute Finsternis. Auch das Notlicht müsse gelöscht werden. Während es bei der Generalprobe tatsächlich stockfinster war, hielten die Feuerwehr sowie die Festspielleitung diese Idee bei einer tatsächlichen Aufführung aus Brandschutzgründen für nicht hinnehmbar. Am Premierenabend kam es also hinter den Kulissen zu einem handgreiflichen Kampf um den Notbeleuchtungsschalter. Zur zweiten Aufführung kündigten die Schauspieler an, nicht mehr zu spielen, falls das Notlicht nicht gelöscht werde. Und zur dritten Aufführung kam es nicht mehr, weil die Festspielleitung daraufhin alle weiteren Vorstellungen des Stücks absagte. Der sogenannte Notlichtskandal war geboren. Thomas Bernhard, Claus Peymann und sein Team wurden von Presse und Zuschauern beschimpft und aufgefordert, das Land zu verlassen, wenn man sich nicht an dessen Gesetze halten wolle. Bernhard selbst schrieb dazu bloß: „Eine Gesellschaft, die zwei Minuten Finsternis nicht erträgt, kommt ohne mein Schauspiel aus.“ AUFREGUNG FÜR ALLE. weiterlesen

IRREN IST MENSCHLICH? – MEMORY ALPHA

Uraufführung

MEMORY ALPHA ODER DIE ZEIT DER AUGENZEUGEN

von Anne-Kathrin Schulz

Mit: Christian Freund, Caroline Hanke, Uwe Schmieder und Friederike Tiefenbacher

Regie: Ed. Hauswirth | Bühne und Graphic Art: Susanne Priebs | Kostüme: Vanessa Rust | Film-Still-Photography: Laura N. Junghanns | Video-Operator: Julia Gründer | Musik: Sebastian Spielvogel | Licht: Sibylle Stuck | Ton: Gertfried Lammersdorf, Chris Sauer | Engineering: Lucas Pleß

Premiere am 6. April 2018 im Studio / Schauspiel Dortmund
Aufführungsdauer: 95 Minuten


Termine und Tickets


Caroline Hanke, Friederike Tiefenbacher, Uwe Schmieder

 

Bereits 2020 will die chinesische Regierung ein landesweites Scoring-System in Betrieb nehmen, das das Verhalten jedes Bürgers elektronisch speichert und bewertet. Jede/r in China wird dann mit einem Punktestand durchs Leben gehen, der seine/ihre Reputation widerspiegeln soll. Dieser „social score“ wird permanent aktualisiert: Der Mensch kann Punkte und damit Privilegien gewinnen, aber auch verlieren – je nachdem, was man online und offline so tut. Technologisch ist das kein Problem. Daten vonOnline-Plattformen können genauso einfließen wie die Meldungen von Mitbürgern – und alles Mögliche kann von Interesse sein: Z.B. wie gut man seine Arbeit macht, was man einkauft, wie schnell man seine Rechnungen bezahlt, welche Seiten man im Internet liest oder auch wie oft man bei Rot über die Straße geht. Die Vision: Die Schaffung eines elektronischen Gedächtnisses, mit dessen Hilfe die Bürger dazu erzogen werden sollen, bessere Menschen zu werden. Denn ein niedriger Punktestand kann unangenehme Konsequenzen haben…

Uwe Schmieder
Christian Freund, Friederike Tiefenbacher

 

Der Mensch, das Gedächtnis und ein Autounfall, der die Zeit auf den Kopf stellt: Dr. Gerd Stein, Leiter des renommierten Instituts für Digitalität und Gedächtnis, wird auf einer Brüsseler Straße von einem Auto zerquetscht, kurz nachdem er im Europaparlament öffentlich vor der geplanten chinesischen Super-SCHUFA gewarnt hat. Wer saß hinterm Lenkrad? Stein begibt sich auf Spurensuche rückwärts durch die Zeit. Knapp zwei Monate zuvor hatte seine Frau, die Gedächtnis-Forscherin Johanna Kleinert, mit der natürlichen Fehleranfälligkeit des menschlichen Gedächtnisses experimentiert:

Im Rahmen einer epochalen False-Memory-Studie hackte Kleinert das Gedächtnis ihres Probanden Sebastian Grünfeld – und zwar so, dass dieser sich nun hochpräzise an ein Erlebnis erinnert, welches es nie gegeben hat. Und dann ist da noch Steins Schwester Charlotte – eine von 57 weltweit bekannten Menschen, die schwer vergessen können…

Caroline Hanke

 

Das menschliche Gehirn ist die komplexeste Struktur im uns bekannten Universum. Doch wie gut und sicher kann es Erinnerungen abspeichern – und was bedeutet das für unser Gefühl von Vergangenheit, Identität und für unsere Definition vom Menschsein? Wie werden die Fehleranfälligkeit des menschlichen Gedächtnisses und die wahnsinnigen Kapazitäten von elektronischen Gedächtnissen aufeinander treffen? Wird es bald eine Zeit geben, in der der Satz „Irren ist menschlich“ nicht mehr gilt?

Friederike Tiefenbacher, Uwe Schmieder, Caroline Hanke, Christian Freund

 


 


Regisseur Ed. Hauswirth ist Gründungsmitglied und künstlerischer Leiter des Theater im Bahnhof. Die freie Grazer Gruppe versteht sich als zeitgenössisches Volkstheater, das sich seit seinen Anfängen mit europäischer Identität auseinandersetzt. Das TiB kombiniert Unterhaltung mit unkonventionellen Formen, bewegt sich vom Bekannten ins Unbekannte, sucht mögliche und unmögliche Spielräume. Der 1965 in der Steiermark geborene Regisseur inszenierte u.a. Drei Schwestern von Anton Tschechow, Graz fliegt (Eröffnung der Kulturhauptstadt Europas Graz 2003), Burgtheater von Elfriede Jelinek, Europa, Europa und Warmanziehen.

Am Schauspiel Dortmund gab er 2016 sein Debüt mit der hoch gelobten Stückentwicklung Die Liebe in Zeiten der Glasfaser. Ein Stück Skype, gefolgt von Triumph der Freiheit nach Joël Pommerat.

Autorin Anne-Kathrin Schulz studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. 2001 wurde ihr Stück Unter Land am Jungen Theater Göttingen uraufgeführt, 2003 dann Silly Songs am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Ebenfalls 2003 entstand nach ihrer Kurzgeschichte Bericht vom Rand der Festung der Kurzfilm Nobody Kers (Regie: Philipp Reuter, Ruhrgebietspreis 2003). Seit 2000 auch Arbeit als Dramaturgin, z.B. am Schauspiel Bochum, dem Deutschen Theater Berlin und (seit 2010) am Schauspiel Dortmund, wo sie z. B. Mike Daiseys Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs und TRUMP ins Deutsche übersetzte sowie Co-Autorin von DIE SHOW war. 2016 wurde Die Schwarze Flotte in der Regie von Kay Voges uraufgeführt.


Weiterführende Informationen:

Einige Presseberichte zum geplanten chinesischen Social Score System

 

Zwei Vorträge vom letztjährigen Chaos Communication Congress

Katika Kühnreich: „Gamified Control? China’s Social Credit Systems“:

 

Tijmen Schep: „ Social Cooling – big data’s unintended side effect

Pressebericht zum trügerischen Gedächtnis

“Erinnern ist auch erfinden” (Deutschlandfunk Kultur, 9.12.2016)


 

ANDREAS BECK ÜBER „DER THEATERMACHER“

„Das Stück ist im besten Sinne zeitlos.“

Am 30. Dezember öffnet sich der Vorhang für den „Theatermacher“: Thomas Bernhards legendäre Komödie über den größenwahnsinnigen Staatsschauspieler Bruscon, der im kleinen Dörfchen Utzbach sein eigenes Stück zur Aufführung bringen will. Andreas Beck spielt in Kay Voges‘ Inszenierung den selbstverliebten und an der Welt verzweifelnden Bruscon. Ein Gespräch.


Andreas Beck als Bruscon

Was macht den „Theatermacher“ zu einer Komödie? Und was zu einer Tragödie? Eigentlich muss man da direkt die Hauptfigur des Stücks, den Theatermacher Bruscon, zitieren: Es handelt sich bei seinem Stück „Das Rad der Geschichte“, das er aufführen möchte, um eine „Komödie, die eigentlich eine Tragödie ist, wie Sie dann sehen werden.“ Und genauso ist es auch bei Bernhards Stück: Es sind komödienhafte Figuren, die aber am Ende scheitern und dadurch in einer Tragödie enden. Und das ist wiederum auch das Interessante und Komische daran. Es ist eben nicht bloß eine pure Komödie im klassischen Sinne. „Romeo und Julia“ gilt ja beispielsweise auch als Komödie, und doch liegen am Ende die Hauptfiguren tot beieinander. Das passiert ja beim „Theatermacher“ zum Glück nicht.

Inwieweit kannst du dich manchmal selber mit Bruscon identifizieren? Macht dir das Kollegen-Quälen auf der Bühne Spaß? Nein, natürlich nicht. Aber ich kann manche Haltungen von Bruscon verstehen: zum Beispiel die Behinderung des Theaterbetriebs durch überpenible Brandschutzmaßnahmen. Aber dieses Gottähnliche von Bruscon, der ja Autor, Regisseur und Hauptdarsteller seines eigenen Stückes ist und sich nur von Dilettanten umgeben fühlt, kann ich nicht nachvollziehen. Für mich ist Theater ein Teamsport. Man ist immer nur genauso gut oder schlecht wie alle, die auf der Bühne stehen. Es gibt eine Abhängigkeit zwischen den Leuten. Und da wäre man schlecht beraten, Kollegen zu dissen oder gegen die Wand zu spielen.

Und gerade dieser Widerspruch befeuert ja viele der komischen Stellen des Stückes. Man sieht Bruscon, der sich selbst als Genie einschätzt und doch bloß eine scheiternde Figur ist. Ja, auf jeden Fall. Es ist auch eine Figur, die vermeintlich kurz vor ihrem Lebensende steht oder zumindest eine gewisse Lebensmüdigkeit in sich trägt. Eine Figur, die scheinbar jahrzehntelang wie Don Quichotte gegen Windmühlen ankämpfte und es einfach leid ist. Das merkt man auch: das ständige Sich-Hinterfragen, warum man überhaupt noch Theater machen muss. Gerade als Schauspieler stellt man sich diese Fragen mitunter auch immer öfter, je älter man wird.

Anders als viele andere Bernhard-Stücke ist der Theatermacher weiterhin ein Evergreen im besten Sinne, der immer mal wieder auf den Spielplänen der Theater erscheint. Woran könnte das liegen, was glaubst du? Weil dieser Text im besten Sinne zeitlos ist. Genauso wie auch Theater zeitlos ist: zwar befindet es sich in einer ständigen Veränderung, doch das Grund-Vehikel und –Gerippe bleibt ja immer auch dasselbe. Und dadurch bleibt es aktuell, während andere Bernhard-Stücke wie Vor dem Ruhestand oder Heldenplatz mehr auf damalige gesellschaftliche Akteure und Stimmungen bezogen und deshalb ein wenig aus der Zeit gefallen sind. Hier beim Theatermacher ist das nicht der Fall.

Der berühmte Thomas Bernhard-Stil hat ja auch seine Tücken: das atemlose Wiederholen, das Umkreisen von Themen hin zu einem oft überraschenden Schmerzpunkt. Wie war es für dich, diesen Text zu proben? Das Schöne an dem Text ist, dass er mehrere Qualitäten besitzt. Schon beim Lesen bekommt man Lust, ihn zu sprechen. Wenn man ihn dann spricht, erfreut  man sich daran und wenn man ihn dann hört, dann freut man sich noch umso mehr. Denn der Text ist allein durch seine Form so bezaubernd. Wir haben zwar diese ganzen Klassiker – Schiller, Goethe, Kleist und so weiter – aber dann hört es auch rasch auf. Es gibt all diese „Dichter und Denker“, aber die Dramatik ist doch nicht so beschlagen mit großen Sprachkünstlern. Und dann sind es ja oft auch Übersetzungen, mit denen wir leben müssen: ich beneide englischsprachige Schauspieler für die originalen Shakespeare-Texte, aber wer weiß, vielleicht fluchen die ja insgeheim auch über dessen alte Sprache. Aber nochmal zurück zu Bernhard: so ein kunstvoller Stil findet sich selten. Jetzt bei unserer Werner Schwab-Inszenierung „ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM“ ist es ähnlich – zwar ganz anders, aber auch völlig künstlerisch. Das macht auch die Freude an meinem Beruf aus, dass man verschiedenste Sprachformen sprechen und spielen kann: ob nun amerikanische Alltags-Fuck Off-Sprache bei Mike Daisey, bishin zur Hochkultur von Bernhard oder Schwab.

Christian Freund und Andreas Beck

Der Theatermacher ist ja eine der vier Wiedereröffnungs-Premieren des Schauspielhauses und auch der deutlichste Kommentar zu dieser Wiedereröffnung. Die Problematik mit all den Brandschutz-Gesetzen findet sich ja original im Bernhard-Text, aber dennoch ist das Stück auch selbstironischer wie kritischer Kommentar über Theatermachen und Theatermacher in Dortmund. Wie gehst du unter dem Gesichtspunkt an die Premiere heran? Freust du dich auf Reaktionen? Naja, ich freue mich natürlich, wieder auf der Bühne zu stehen, auf der man engagiert wurde, und für das Publikum zu spielen, das unser Publikum ist. Ich hoffe, dass sie mit uns genauso diesen Weg gehen und sich genauso freuen, wieder auf den roten Sesseln in gewohnter Umgebung zu sitzen. Es ist ein bisschen so wie Weihnachten: man kommt heim zur Familie, alle sehen sich wieder. So eine Stimmung ist es eher für mich. Die thematische Ebene kommt dann eher durch die Inszenierung und das mitdenkende Publikum. Es ist also nicht so, dass ich mich nun diebisch auf Reaktionen freue.  


Der Theatermacher in der Regie von Kay Voges feiert am 3. März Premiere!

Fotos: Birgit Hupfeld

NEU IM ENSEMBLE: ALEXANDRA SINELNIKOVA

„Ich habe hier das Gefühl, man ist sehr beieinander.“

Neu im Ensemble: Alexandra Sinelnikova

Unsere Ensemble-Neuzugänge im Interview


Zu Beginn der Saison 2017/18 gibt es neue Gesichter am Schauspiel Dortmund zu entdecken: Die Schauspieler Alexandra Sinelnikova und Christian Freund kommen neu ins Ensemble. Beide sind Absolventen der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig und waren zuletzt zwei Jahre am Schauspielstudio in Dresden. Hier im Blog stellen wir Alexandra und Christian mit Interviews vor.
Alexandra Sinelnikova wurde 1994 in Sankt Petersburg geboren, emigrierte 1996 mit ihrer Familie nach Deutschland und wuchs zweisprachig in Berlin auf. Ab 2013 studierte sie an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig, ab 2015 war sie festes Mitglied des Schauspielstudios Dresden. Seit dieser Spielzeit ist sie fest im Dortmunder Schauspiel-Ensemble.
Alexandra Sinelnikova

 


Seit einigen Wochen lebst du nun in Dortmund – was ist dein erster Eindruck, wie wirkt die Stadt auf dich? Ich hatte vorher keinen wirklichen Begriff von dieser Stadt, ich war damals zu meinem Vorsprechen zum ersten Mal hier. Mittlerweile hatte ich ein bisschen Zeit, Dortmund kennenzulernen und mir fällt eine gewisse Alltags-Grundherzlichkeit auf. Leute auf der Straße schauen sich beispielsweise noch in die Augen. Das finde ich wirklich klasse, denn solche Interaktionen im Alltag sind so wichtig, um ein Gefühl für eine Stadt zu bekommen.

Du hast gemeinsam mit dem weiteren neuen Ensemblemitglied Christian Freund bei uns vorgesprochen, hattest vorher gemeinsam mit ihm studiert und bist nun auch gemeinsam mit ihm übernommen worden. Wie war das Vorsprechen? Wir beide waren natürlich total nervös. Wir hatten vorher in Dresden gemeinsam eine Szene erarbeitet und dann in Neuss beim zentralen Vorsprechen gezeigt, woraufhin wir hierhin eingeladen wurden. Wir hatten zu Beginn totale Probleme bei dieser Szene und bekamen die nicht wirklich entwickelt. Aber kurz vor unserem Abschlussvorsprechen haben wir geschafft, loszulassen, einfach zu spielen und aufeinander zu vertrauen. Und das hat großen Spaß gemacht. Wir haben es gemeinsam gerockt. Wenn man einen Spielpartner hat, auf den man sich verlässt, kann alles Mögliche passieren. Alles ist offen, es wird spannend. Das nimmt einem viel Druck ab.

Erinnerst du dich noch daran, wo du warst, als du den Anruf aus Dortmund erhalten hast, dass du Ensemble-Mitglied werden wirst? Klar. Ich war zuhause in meiner Wohnung und beim Anruf dachte ich mir, ich möchte mir dieses Gefühl für die Zukunft speichern. Ich möchte dieses Glücksgefühl abrufen können. Ich habe mich natürlich unsagbar gefreut und war total neben der Spur. Und tatsächlich hatte ich nach dem Telefonat Angst, dass ich da irgendwas falsch verstanden habe: „Ist das jetzt wirklich passiert?“ Lustigerweise ging es Christian nach dem Anruf genauso.

Wie bist du zum Theater gekommen? War es ein jahrelanger Traum, eine Empfehlung oder bist du irgendwie ins Schauspielen reingerutscht? Als Kind bin ich mit meiner Familie aus Russland nach Deutschland emigriert, was ja immer eine gewisse Form von Entwurzelung mit sich bringt. Als wir dann damals in Osnabrück ankamen, war es eine der ersten Entscheidungen meiner Eltern, mich in einer russisch-jüdischen Kindertheatergruppe anzumelden. Diese Gruppe hat mir so eine Art von Erdung, von Heimat gegeben und seitdem habe ich Theater auch nicht mehr wirklich hinterfragt. Es war klar, dass ich mich darin wohlfühle. Später in der Schule ging es dann auch in eine französischsprachige Gruppe, mit der wir auch zahlreiche Gastspiele in Europa hatten. Das war wirklich cool und hat mich in dem Wunsch bestärkt, hauptberuflich Schauspielerin zu werden.

Hast du Lieblingsautoren im Theater? Oder Traumrollen, die du gern spielen würdest? Ich liebe George Tabori! An der Schauspielschule habe ich ein Stück von ihm gesehen und war begeistert von seinem schwarzen, bitterbösen Humor. Später habe ich dann im Schauspielstudio in Dresden einen Monolog aus seinem Stück „Peep Show“ gespielt, was mir ungeheuer viel Spaß machte. Tabori trifft bei mir eine ganz spezielle Humor-Ader, voller Schmerz und voller Leichtigkeit. Und wenn wir schon bei Humor sind, schwärme ich sehr für die Filme der Coen-Brüder.

Im Megastore spieltest du noch in den letzten Aufführungen der BORDERLINE PROZESSION. Findest du es schade, dass du nur noch den Endspurt des Megastores miterlebt hast? Ich weiß es nicht genau. Es ist auf jeden Fall sehr cool, dass ich es noch miterleben konnte. Ich merke schon, dass der Megastore für das Ensemble und die Mitarbeiter ein großes, mitunter schweres Ding war. Dementsprechend cool ist es auch, in der Borderline Prozession zu sein. Aber ich freue mich immer auf Neues und somit sehr auf das Schauspielhaus in der Innenstadt.

Hast du schon deine neuen Ensemble-Kollegen kennenlernen können?  Christian Freund hatte schon das Glück, mit dem Ensemble zusammen Die Wiedervereinigung der beiden Koreas zu proben und zu spielen. Ich bin noch gerade total in der Anfangsphase. Aber ich erlebe die anderen Schauspieler und Schauspielerinnen hier als sehr herzlich, freundlich, offenherzig. Ich kriege das Gefühl, dass ich hier ganz gut reinpasse und freue mich auch total, bei Proben einfach zuzuschauen. Ich habe hier das Gefühl, man ist sehr beieinander. Und das ist klasse.


Alexandra Sinelnikova ist ab Dezember in den Schauspiel-Premieren „Biedermann und die Brandstifter / Fahrenheit 451“ (Regie: Gordon Kämmerer, ab 16.12) und „Der Theatermacher“ (Regie: Kay Voges, ab 30.12.) zu sehen.

KLEINES WHO IS WHO DES TRUMPISMUS

Wie wurde Donald Trump zu dem, wer und was er ist? Und wie wurde unsere politische Landschaft zu der, die sie ist? Das Stück „TRUMP“ von Mike Daisey versucht, einzelne Aspekte Trumps in den Blick zu nehmen – durch biografische und historische Anekdoten, durch eigene Theorien und Praxisbeispiele. Dabei stets im Text vorhanden: ein kraftvoller Zorn, eine analytische Schärfe und ein schlagfertiger Humor.

Die Figuren, die im Text auftauchen, sind zahlreich. Deshalb wollen wir hier im Blog Hintergrundinfos zu diesen im Text auftauchenden Unterstützern, Wegbereitern und Phänomenen Trumps liefern.


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„ICH BIN ZURZEIT ABSOLUT TRUMP-SÜCHTIG“

„Ich bin zurzeit absolut Trump-süchtig“

5 Fragen an TRUMP-Regisseur Marcus Lobbes

Marcus Lobbes arbeitet seit 1995 als Regisseur und Ausstatter in Musik- und Sprechtheater mit über 60 Produktionen in über 20 Städten. (Foto: privat) 

Eine der Herausforderungen bestand darin, dass dieser Text von Mike Daisey natürlich aus einem amerikanischen Blickwinkel für amerikanisches Publikum geschrieben wurde – also voller Anspielungen und Insider, mit denen nicht jeder hier so vertraut sein könnte. Wie hast du versucht, diesen Text auch für ein europäisches, für ein deutsches Publikum zu öffnen? Wie sehr musstest du Kompromisse eingehen?

Zum Glück haben wir eine hervorragende Übersetzung von meinen zwei großartigen Mitarbeitern bekommen. Wir haben dann bei der Erstellung der Spielfassung stets das deutsche Publikum im Blick gehabt, und so manche uns eher fremde Themen oder Anspielungen im Text nicht übernommen. Zum anderen bin ich persönlich kein besonderer Freund des „Erklärbär“-Theaters. Wenn sich eine Menschenmenge von 100 Menschen versammelt, dann gibt es genug Allgemeinwissen im Publikum, dass der eine mal das eine und der andere das andere erkennt und versteht. Und solange man quasi die „Big Points“ des Abends nicht versemmelt, ist das letztlich für einen Abend auch gar nicht so überlebensnotwendig, dass man jedes Motiv und jeden Witz in der Gänze versteht. Außerdem – und das ist ja auch der Grund für unsere Bühneneinrichtung – ist es nicht bloß eine reine Hörveranstaltung, in der man dem Autoren sehr konzentriert zwei Stunden lang dabei zuhören muss, wie er durch die eigene Kultur mäandert. Stattdessen wird man hier ja direkt anmoderiert und man bekommt auch viel Hilfestellung durch Andreas Beck und Bettina Lieder, die das Publikum durch den Abend führen – nicht nur wörtlich, sondern auch szenisch. Und das war auch einer meiner ersten Grundinstinkte: Es muss schon sein, dass man die Zuschauer an die Hand nimmt, damit sie den ganzen Weg des Stücks und des Themas mitgehen können.

Ich hatte bei Proben mit Testpublikum auch immer das schöne Gefühl, dass sich die Zuschauerschaft nach einer Weile auch wirklich als Gemeinschaft versteht: man ist kollektiv dazu eingeladen, sich 90 Minuten lang Gedanken über Trump und die Lage zu machen – ausgehend von den beiden Schauspielern, die einem dabei an die Hand nehmen. Das ist ein schönes Gefühl angesichts der Apathie und Resignation, die einem allerorten zurzeit entgegenweht.

Ein entscheidender Faktor an der Bühne ist, dass man sich hier nicht im Dunkeln empört – also wie heute im Netz, allein mit seiner Wut, ohne dass es jemand mitbekommt. Und zum anderen amüsiert man sich auch nicht im Dunkeln – wenn man über einen Gag des Abends lacht, kriegen es die anderen Zuschauer auch direkt mit. Und das schafft natürlich immer erstmal eine Art von gemeinschaftlichem Verständnis. Obwohl wir natürlich nicht stets davon ausgehen können, dass wir eine politisch amorphe Masse im Publikum haben – bestimmt werden diverse Ansichten im Raum herrschen. Sicherlich werden auch Menschen kommen, die nicht gegen Trump und trumpistisches Gedankengut sind – vermutlich werden sie nicht viele sein, aber es wird sie geben. Und da finde ich diese fast antike Situation, in der man sich gemeinschaftlich orientiert, weitaus spannender und fruchtvoller als das Zurückziehen in ein dunkles Erdloch, aus dem man nachschaut, wo die Sonne scheint.

Hast du persönlich mittlerweile einen medialen Umgang mit Trump gefunden, der akzeptabel ist? Ich denke mir ständig: „Ok, die Scheißschlagzeile ignoriere ich jetzt, sonst werde ich wahnsinnig.“ Und dann fragt man sich, ob Ignorieren die Lösung ist. Und dann denkt man: Das könnte ja aber auch bloß wieder eine Nebelkerze sein. Und dann denkt man: Aber auch Nebelkerzen können wichtig sein. Und dann, und dann, und dann… es ist ein endloser Feedback-Loop. 

Ich bin gespannt, wie es auf lange Sicht bei mir sein wird, auch nach den Proben für TRUMP. Denn zurzeit bin ich absolut trump-süchtig. Das erste, was ich morgens mache, ist das Einschalten von Nachrichtensendern  – welchen Irrsinn gibt es heute wieder? Und ich gehe mittlerweile auch direkt davon aus, dass es Irrsinn sein wird. Als neulich nach der ersten Rede vor den beiden Häusern im Kongress Kommentatoren anmerkten, dass Trump sich erstmals präsidentiell und würdevoll verhalten habe, dann war ich in dem Fall fast schon enttäuscht, dass es keine neuen Skandale und Beklopptheiten gab. Und dennoch gab es in dieser Rede ja laut Journalisten 51 Lügen in 61 Minuten – das ist auch für Trump ein ordentlicher Schnitt. Die Trump-Abnutzungserscheinungen spüre ich zurzeit bei mir eher im Comedy-Bereich. Ich fand das erste „America First – Europe Second“-Video noch lustig, aber mittlerweile gibt es ja vierzig davon! Die schau ich mir nicht mehr an, die klick ich einfach sofort weg. Neulich sah ich auch eine Kabarettsendung im Fernsehen, mit Dieter Nuhr und Konsorten. Nach wohl fünf Minuten Vortrag über Trump musste ich abschalten. So witzig fand ich es dann auch wieder nicht.

Im Vorfeld deiner Inszenierung wurden wir öfters von Journalisten und Zuschauern gefragt, ob Bettina die Rolle von Hillary oder Melania Trump und Andreas die Rolle von Trump spielen wird. Es gibt also zurzeit diesen Wunsch, Trump darstellbar zu machen. Aber auch bei den sehr beliebten Parodien – beispielsweise bei Saturday Night Live – äußert sich Kritik: indem man diese Menschen wie Stephen Bannon zu Comedy-Figuren überhöht, verstelle sich der Blick auf ihre wahre, echte, eigene Meinung und ihr Handeln.

In den letzten zwei Jahrzehnten gab es auch im Theater immer mehr Erwartungsdruck von außen. Hier ist die Erwartungshaltung nämlich erstmal, dass wir Teil der Unterhaltungsindustrie sind. Dass natürlich etwas Lustiges hier vorkommen wird. Dass man gemeinschaftlich rausgehen und befreiend „Ach ja, die blöden Amis!“ lachen kann. Dabei würde aber völlig in den Hintergrund treten, wie dem Zuschauer selbst es mit diesem Thema geht, wie es uns als Gesellschaft in der Gegenwart damit ergeht. Und da haben wir doch ganz ernste Probleme – auch anhand dieses Texts. Natürlich nehmen wir das Publikum an die Hand und verschrecken es auch nicht, man soll ja auch lachen am Abend, doch die Botschaft zum Schluss ist mindestens so düster wie der Abend „hell“ hier am Haus düster ist.

Die Hälfte der Leute meint derzeit, Amerika ist Trump hündisch ergeben. Und die andere Hälfte meint: Leute, der wird kein Jahr durchhalten, der wird zurücktreten müssen oder so. Was siehst du in den nächsten Monaten oder Jahren, wenn du in deine persönliche Zauberkugel guckst?

Die Hoffnung ist ja stets, dass Schreckensgestalten bald wieder von uns weichen. Doch so ein Impeachment-Verfahren – also dass man dem Präsidenten das Vertrauen entzieht und er zum Rücktritt gezwungen wird – besitzt derzeit enorm wenige Chancen. Und da stellt sich wieder die Frage der Gewöhnung: Es müsste ein noch unfassbarerer Skandal geschehen als es schon dutzende unfassbare Skandale gab – und da bin ich extrem pessimistisch! Ich kann mir einfach kein Szenario mehr vorstellen, außer er klaut vielleicht die Löffel aus der Kantine. Dass jetzt der nächste Bundesminister, Jeff Sessions, bei der Befragung unter Eid gelogen hat – was soll man da noch sagen? Wenn das alles so ohne Weiteres durchgewunken werden kann, dann wird es einfach so weitergehen. Und eventuell sogar schlimmer werden.

DIE BILDER DES VERSCHWUNDENEN WESENS

„die bilder des verschwundenen wesens“

eine kleine kulturgeschichte der toten in der fotografie


du schnell vergehendes daguerrotyp in meinen langsamer vergehenden händen
rainer maria rilke: jugendbildnis meines vaters, 1888

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BORDERLINE PROZESSION GOES THEATERTREFFEN!

 

Wir freuen uns sehr: Das Schauspiel Dortmund ist mit DIE BORDERLINE PROZESSION von Kay Voges, Dirk Baumann und Alexander Kerlin (Regie: Kay Voges) zum 54. Berliner Theatertreffen eingeladen! Die Mitglieder der Theatertreffen-Jury haben aus 377 Inszenierungen die „10 bemerkenswertesten Inszenierungen“ ausgewählt. Das Theatertreffen findet vom 5. bis zum 21. Mai in Berlin statt.

In der Begründung der Theatertreffen-Jury heißt es:

Eine Musik-, Kunst-, Theater- und Filminstallation: philosophisches Totaltheater. Kay Voges vermisst die heutige Welt als rasend Bilder ausspeiende Maschinerie und lotet ihre Auswirkungen auf moderne Bewusstseinszustände aus. Die Zuschauer*innen haben unterschiedliche Einblicke in den gewaltigen 10-Zimmer-Gebäudekomplex in gediegenem Retro-Mittelstands-Schick. Sie sehen atmosphärische Stillleben, inspiriert von Künstlern wie Edward Hopper oder Gregory Crewdson, können sich geistig selbst bedienen aus dem darüber laufenden Musik-Medley und Zitatengewitter. Um sie herum kreist eine Prozession aus 23 Darsteller*innen mit Weihrauch und Gesang, als wolle man die irre gewordenen Weltgeister bannen. Bald wird der zunächst banale Alltag zur Festung gegen eine zusehends eskalierende Krise, die das behagliche Drinnen und den Firnis der Zivilisation durchbricht. „Borderline Prozession“ ist eine Reflexion über den Terror der gleichzeitigen Ereignisse, die wir uns süchtig permanent medial zuführen. Eine Meditation zur allgemeinen Weltverwirrung.

Die Inszenierung von Schauspiel-Intendant Kay Voges ist die insgesamt dritte Einladung nach Berlin für das Schauspiel Dortmund. Annegret Ritzel war 1988 mit Platonov dabei, und zuletzt war Michael Simons Black Rider 1995 nominiert. Nach 22 Jahren nimmt das Schauspiel Dortmund nun wieder am renommierten Berliner Theatertreffen teil. Es ist die erste Einladung für Kay Voges.

 

 

„WIRKLICH JEDER MENSCH IST FOTOGEN“

wirklich jeder mensch ist fotogen

marcel schaar über die fotografie bei „hell „und in seinem leben


Marcel Schaar, Fotograf aus Hamburg. Aufträge u.a. für die Commerzbank, Mercedes und Adidas. Persönlichkeiten wie Johannes Heesters, Andrea Petkovic und die Deutsche Fußballnationalmannschaft ließen sich von ihm ablichten und seine Arbeiten für die Hamburger Philharmoniker und das Konzerthaus Dortmund sorgten für Aufsehen. Seit 2007 beschäftigt er sich im „Polanerd“-Projekt künstlerisch mit der Polaroid-Fotografie. Bei hell / ein Augenblick steht er als vielleicht erster Live-Fotograf der Theatergeschichte auf der Bühne. Seine Werke sind in zahlreichen Ausstellungen zu sehen und wurden mit einer Vielzahl an Preisen und Auszeichnungen prämiert.


Was ist dein Job bei „hell“?

Das Fotografieren – erstmals auf der Bühne. Anfangs fühlte ich mich dabei verloren, schließlich bin ich kein Schauspieler. Wie verhalte ich mich? Aber mittlerweile habe ich von Kay und den Schauspielern ein bisschen Nachhilfe im Fach „Körperspannung“ bekommen. Die Präsenz eines Regisseurs, der zwischendurch Ansagen macht oder sich bestimmte Motive wünscht, ist für mich produktiv. Kay lässt mich da ja auch machen. Wir erarbeiten den Abend schließlich alle zusammen. „WIRKLICH JEDER MENSCH IST FOTOGEN“ weiterlesen

„EINE ERSCHRECKENDE UNBEDARFTHEIT“

„Eine erschreckende Unbedarftheit“

Furcht und Hoffnung in Deutschland: Ich bin das Volk

Die Regisseurin Wiebke Rüter über Rechtspopulismus in Deutschland und ihre Collage von zwei Stücken des Volkstheater-Autors Franz Xaver Kroetz, die im Dezember im Megastore Premiere feiert: „Ich bin das Volk“ von 1993 und „Furcht und Hoffnung in Deutschland“ von 1983.

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