Alle Beiträge von Matthias Seier

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

NEU IM ENSEMBLE: ALEXANDRA SINELNIKOVA

„Ich habe hier das Gefühl, man ist sehr beieinander.“

Neu im Ensemble: Alexandra Sinelnikova

Unsere Ensemble-Neuzugänge im Interview


Zu Beginn der Saison 2017/18 gibt es neue Gesichter am Schauspiel Dortmund zu entdecken: Die Schauspieler Alexandra Sinelnikova und Christian Freund kommen neu ins Ensemble. Beide sind Absolventen der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig und waren zuletzt zwei Jahre am Schauspielstudio in Dresden. Hier im Blog stellen wir Alexandra und Christian mit Interviews vor.
Alexandra Sinelnikova wurde 1994 in Sankt Petersburg geboren, emigrierte 1996 mit ihrer Familie nach Deutschland und wuchs zweisprachig in Berlin auf. Ab 2013 studierte sie an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig, ab 2015 war sie festes Mitglied des Schauspielstudios Dresden. Seit dieser Spielzeit ist sie fest im Dortmunder Schauspiel-Ensemble.
Alexandra Sinelnikova

 


Seit einigen Wochen lebst du nun in Dortmund – was ist dein erster Eindruck, wie wirkt die Stadt auf dich? Ich hatte vorher keinen wirklichen Begriff von dieser Stadt, ich war damals zu meinem Vorsprechen zum ersten Mal hier. Mittlerweile hatte ich ein bisschen Zeit, Dortmund kennenzulernen und mir fällt eine gewisse Alltags-Grundherzlichkeit auf. Leute auf der Straße schauen sich beispielsweise noch in die Augen. Das finde ich wirklich klasse, denn solche Interaktionen im Alltag sind so wichtig, um ein Gefühl für eine Stadt zu bekommen.

Du hast gemeinsam mit dem weiteren neuen Ensemblemitglied Christian Freund bei uns vorgesprochen, hattest vorher gemeinsam mit ihm studiert und bist nun auch gemeinsam mit ihm übernommen worden. Wie war das Vorsprechen? Wir beide waren natürlich total nervös. Wir hatten vorher in Dresden gemeinsam eine Szene erarbeitet und dann in Neuss beim zentralen Vorsprechen gezeigt, woraufhin wir hierhin eingeladen wurden. Wir hatten zu Beginn totale Probleme bei dieser Szene und bekamen die nicht wirklich entwickelt. Aber kurz vor unserem Abschlussvorsprechen haben wir geschafft, loszulassen, einfach zu spielen und aufeinander zu vertrauen. Und das hat großen Spaß gemacht. Wir haben es gemeinsam gerockt. Wenn man einen Spielpartner hat, auf den man sich verlässt, kann alles Mögliche passieren. Alles ist offen, es wird spannend. Das nimmt einem viel Druck ab.

Erinnerst du dich noch daran, wo du warst, als du den Anruf aus Dortmund erhalten hast, dass du Ensemble-Mitglied werden wirst? Klar. Ich war zuhause in meiner Wohnung und beim Anruf dachte ich mir, ich möchte mir dieses Gefühl für die Zukunft speichern. Ich möchte dieses Glücksgefühl abrufen können. Ich habe mich natürlich unsagbar gefreut und war total neben der Spur. Und tatsächlich hatte ich nach dem Telefonat Angst, dass ich da irgendwas falsch verstanden habe: „Ist das jetzt wirklich passiert?“ Lustigerweise ging es Christian nach dem Anruf genauso.

Wie bist du zum Theater gekommen? War es ein jahrelanger Traum, eine Empfehlung oder bist du irgendwie ins Schauspielen reingerutscht? Als Kind bin ich mit meiner Familie aus Russland nach Deutschland emigriert, was ja immer eine gewisse Form von Entwurzelung mit sich bringt. Als wir dann damals in Osnabrück ankamen, war es eine der ersten Entscheidungen meiner Eltern, mich in einer russisch-jüdischen Kindertheatergruppe anzumelden. Diese Gruppe hat mir so eine Art von Erdung, von Heimat gegeben und seitdem habe ich Theater auch nicht mehr wirklich hinterfragt. Es war klar, dass ich mich darin wohlfühle. Später in der Schule ging es dann auch in eine französischsprachige Gruppe, mit der wir auch zahlreiche Gastspiele in Europa hatten. Das war wirklich cool und hat mich in dem Wunsch bestärkt, hauptberuflich Schauspielerin zu werden.

Hast du Lieblingsautoren im Theater? Oder Traumrollen, die du gern spielen würdest? Ich liebe George Tabori! An der Schauspielschule habe ich ein Stück von ihm gesehen und war begeistert von seinem schwarzen, bitterbösen Humor. Später habe ich dann im Schauspielstudio in Dresden einen Monolog aus seinem Stück „Peep Show“ gespielt, was mir ungeheuer viel Spaß machte. Tabori trifft bei mir eine ganz spezielle Humor-Ader, voller Schmerz und voller Leichtigkeit. Und wenn wir schon bei Humor sind, schwärme ich sehr für die Filme der Coen-Brüder.

Im Megastore spieltest du noch in den letzten Aufführungen der BORDERLINE PROZESSION. Findest du es schade, dass du nur noch den Endspurt des Megastores miterlebt hast? Ich weiß es nicht genau. Es ist auf jeden Fall sehr cool, dass ich es noch miterleben konnte. Ich merke schon, dass der Megastore für das Ensemble und die Mitarbeiter ein großes, mitunter schweres Ding war. Dementsprechend cool ist es auch, in der Borderline Prozession zu sein. Aber ich freue mich immer auf Neues und somit sehr auf das Schauspielhaus in der Innenstadt.

Hast du schon deine neuen Ensemble-Kollegen kennenlernen können?  Christian Freund hatte schon das Glück, mit dem Ensemble zusammen Die Wiedervereinigung der beiden Koreas zu proben und zu spielen. Ich bin noch gerade total in der Anfangsphase. Aber ich erlebe die anderen Schauspieler und Schauspielerinnen hier als sehr herzlich, freundlich, offenherzig. Ich kriege das Gefühl, dass ich hier ganz gut reinpasse und freue mich auch total, bei Proben einfach zuzuschauen. Ich habe hier das Gefühl, man ist sehr beieinander. Und das ist klasse.


Alexandra Sinelnikova ist ab Dezember in den Schauspiel-Premieren „Biedermann und die Brandstifter / Fahrenheit 451“ (Regie: Gordon Kämmerer, ab 16.12) und „Der Theatermacher“ (Regie: Kay Voges, ab 30.12.) zu sehen.

KLEINES WHO IS WHO DES TRUMPISMUS

Wie wurde Donald Trump zu dem, wer und was er ist? Und wie wurde unsere politische Landschaft zu der, die sie ist? Das Stück „TRUMP“ von Mike Daisey versucht, einzelne Aspekte Trumps in den Blick zu nehmen – durch biografische und historische Anekdoten, durch eigene Theorien und Praxisbeispiele. Dabei stets im Text vorhanden: ein kraftvoller Zorn, eine analytische Schärfe und ein schlagfertiger Humor.

Die Figuren, die im Text auftauchen, sind zahlreich. Deshalb wollen wir hier im Blog Hintergrundinfos zu diesen im Text auftauchenden Unterstützern, Wegbereitern und Phänomenen Trumps liefern.


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„ICH BIN ZURZEIT ABSOLUT TRUMP-SÜCHTIG“

„Ich bin zurzeit absolut Trump-süchtig“

5 Fragen an TRUMP-Regisseur Marcus Lobbes

Marcus Lobbes arbeitet seit 1995 als Regisseur und Ausstatter in Musik- und Sprechtheater mit über 60 Produktionen in über 20 Städten. (Foto: privat) 

Eine der Herausforderungen bestand darin, dass dieser Text von Mike Daisey natürlich aus einem amerikanischen Blickwinkel für amerikanisches Publikum geschrieben wurde – also voller Anspielungen und Insider, mit denen nicht jeder hier so vertraut sein könnte. Wie hast du versucht, diesen Text auch für ein europäisches, für ein deutsches Publikum zu öffnen? Wie sehr musstest du Kompromisse eingehen?

Zum Glück haben wir eine hervorragende Übersetzung von meinen zwei großartigen Mitarbeitern bekommen. Wir haben dann bei der Erstellung der Spielfassung stets das deutsche Publikum im Blick gehabt, und so manche uns eher fremde Themen oder Anspielungen im Text nicht übernommen. Zum anderen bin ich persönlich kein besonderer Freund des „Erklärbär“-Theaters. Wenn sich eine Menschenmenge von 100 Menschen versammelt, dann gibt es genug Allgemeinwissen im Publikum, dass der eine mal das eine und der andere das andere erkennt und versteht. Und solange man quasi die „Big Points“ des Abends nicht versemmelt, ist das letztlich für einen Abend auch gar nicht so überlebensnotwendig, dass man jedes Motiv und jeden Witz in der Gänze versteht. Außerdem – und das ist ja auch der Grund für unsere Bühneneinrichtung – ist es nicht bloß eine reine Hörveranstaltung, in der man dem Autoren sehr konzentriert zwei Stunden lang dabei zuhören muss, wie er durch die eigene Kultur mäandert. Stattdessen wird man hier ja direkt anmoderiert und man bekommt auch viel Hilfestellung durch Andreas Beck und Bettina Lieder, die das Publikum durch den Abend führen – nicht nur wörtlich, sondern auch szenisch. Und das war auch einer meiner ersten Grundinstinkte: Es muss schon sein, dass man die Zuschauer an die Hand nimmt, damit sie den ganzen Weg des Stücks und des Themas mitgehen können.

Ich hatte bei Proben mit Testpublikum auch immer das schöne Gefühl, dass sich die Zuschauerschaft nach einer Weile auch wirklich als Gemeinschaft versteht: man ist kollektiv dazu eingeladen, sich 90 Minuten lang Gedanken über Trump und die Lage zu machen – ausgehend von den beiden Schauspielern, die einem dabei an die Hand nehmen. Das ist ein schönes Gefühl angesichts der Apathie und Resignation, die einem allerorten zurzeit entgegenweht.

Ein entscheidender Faktor an der Bühne ist, dass man sich hier nicht im Dunkeln empört – also wie heute im Netz, allein mit seiner Wut, ohne dass es jemand mitbekommt. Und zum anderen amüsiert man sich auch nicht im Dunkeln – wenn man über einen Gag des Abends lacht, kriegen es die anderen Zuschauer auch direkt mit. Und das schafft natürlich immer erstmal eine Art von gemeinschaftlichem Verständnis. Obwohl wir natürlich nicht stets davon ausgehen können, dass wir eine politisch amorphe Masse im Publikum haben – bestimmt werden diverse Ansichten im Raum herrschen. Sicherlich werden auch Menschen kommen, die nicht gegen Trump und trumpistisches Gedankengut sind – vermutlich werden sie nicht viele sein, aber es wird sie geben. Und da finde ich diese fast antike Situation, in der man sich gemeinschaftlich orientiert, weitaus spannender und fruchtvoller als das Zurückziehen in ein dunkles Erdloch, aus dem man nachschaut, wo die Sonne scheint.

Hast du persönlich mittlerweile einen medialen Umgang mit Trump gefunden, der akzeptabel ist? Ich denke mir ständig: „Ok, die Scheißschlagzeile ignoriere ich jetzt, sonst werde ich wahnsinnig.“ Und dann fragt man sich, ob Ignorieren die Lösung ist. Und dann denkt man: Das könnte ja aber auch bloß wieder eine Nebelkerze sein. Und dann denkt man: Aber auch Nebelkerzen können wichtig sein. Und dann, und dann, und dann… es ist ein endloser Feedback-Loop. 

Ich bin gespannt, wie es auf lange Sicht bei mir sein wird, auch nach den Proben für TRUMP. Denn zurzeit bin ich absolut trump-süchtig. Das erste, was ich morgens mache, ist das Einschalten von Nachrichtensendern  – welchen Irrsinn gibt es heute wieder? Und ich gehe mittlerweile auch direkt davon aus, dass es Irrsinn sein wird. Als neulich nach der ersten Rede vor den beiden Häusern im Kongress Kommentatoren anmerkten, dass Trump sich erstmals präsidentiell und würdevoll verhalten habe, dann war ich in dem Fall fast schon enttäuscht, dass es keine neuen Skandale und Beklopptheiten gab. Und dennoch gab es in dieser Rede ja laut Journalisten 51 Lügen in 61 Minuten – das ist auch für Trump ein ordentlicher Schnitt. Die Trump-Abnutzungserscheinungen spüre ich zurzeit bei mir eher im Comedy-Bereich. Ich fand das erste „America First – Europe Second“-Video noch lustig, aber mittlerweile gibt es ja vierzig davon! Die schau ich mir nicht mehr an, die klick ich einfach sofort weg. Neulich sah ich auch eine Kabarettsendung im Fernsehen, mit Dieter Nuhr und Konsorten. Nach wohl fünf Minuten Vortrag über Trump musste ich abschalten. So witzig fand ich es dann auch wieder nicht.

Im Vorfeld deiner Inszenierung wurden wir öfters von Journalisten und Zuschauern gefragt, ob Bettina die Rolle von Hillary oder Melania Trump und Andreas die Rolle von Trump spielen wird. Es gibt also zurzeit diesen Wunsch, Trump darstellbar zu machen. Aber auch bei den sehr beliebten Parodien – beispielsweise bei Saturday Night Live – äußert sich Kritik: indem man diese Menschen wie Stephen Bannon zu Comedy-Figuren überhöht, verstelle sich der Blick auf ihre wahre, echte, eigene Meinung und ihr Handeln.

In den letzten zwei Jahrzehnten gab es auch im Theater immer mehr Erwartungsdruck von außen. Hier ist die Erwartungshaltung nämlich erstmal, dass wir Teil der Unterhaltungsindustrie sind. Dass natürlich etwas Lustiges hier vorkommen wird. Dass man gemeinschaftlich rausgehen und befreiend „Ach ja, die blöden Amis!“ lachen kann. Dabei würde aber völlig in den Hintergrund treten, wie dem Zuschauer selbst es mit diesem Thema geht, wie es uns als Gesellschaft in der Gegenwart damit ergeht. Und da haben wir doch ganz ernste Probleme – auch anhand dieses Texts. Natürlich nehmen wir das Publikum an die Hand und verschrecken es auch nicht, man soll ja auch lachen am Abend, doch die Botschaft zum Schluss ist mindestens so düster wie der Abend „hell“ hier am Haus düster ist.

Die Hälfte der Leute meint derzeit, Amerika ist Trump hündisch ergeben. Und die andere Hälfte meint: Leute, der wird kein Jahr durchhalten, der wird zurücktreten müssen oder so. Was siehst du in den nächsten Monaten oder Jahren, wenn du in deine persönliche Zauberkugel guckst?

Die Hoffnung ist ja stets, dass Schreckensgestalten bald wieder von uns weichen. Doch so ein Impeachment-Verfahren – also dass man dem Präsidenten das Vertrauen entzieht und er zum Rücktritt gezwungen wird – besitzt derzeit enorm wenige Chancen. Und da stellt sich wieder die Frage der Gewöhnung: Es müsste ein noch unfassbarerer Skandal geschehen als es schon dutzende unfassbare Skandale gab – und da bin ich extrem pessimistisch! Ich kann mir einfach kein Szenario mehr vorstellen, außer er klaut vielleicht die Löffel aus der Kantine. Dass jetzt der nächste Bundesminister, Jeff Sessions, bei der Befragung unter Eid gelogen hat – was soll man da noch sagen? Wenn das alles so ohne Weiteres durchgewunken werden kann, dann wird es einfach so weitergehen. Und eventuell sogar schlimmer werden.

DIE BILDER DES VERSCHWUNDENEN WESENS

„die bilder des verschwundenen wesens“

eine kleine kulturgeschichte der toten in der fotografie


du schnell vergehendes daguerrotyp in meinen langsamer vergehenden händen
rainer maria rilke: jugendbildnis meines vaters, 1888

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BORDERLINE PROZESSION GOES THEATERTREFFEN!

 

Wir freuen uns sehr: Das Schauspiel Dortmund ist mit DIE BORDERLINE PROZESSION von Kay Voges, Dirk Baumann und Alexander Kerlin (Regie: Kay Voges) zum 54. Berliner Theatertreffen eingeladen! Die Mitglieder der Theatertreffen-Jury haben aus 377 Inszenierungen die „10 bemerkenswertesten Inszenierungen“ ausgewählt. Das Theatertreffen findet vom 5. bis zum 21. Mai in Berlin statt.

In der Begründung der Theatertreffen-Jury heißt es:

Eine Musik-, Kunst-, Theater- und Filminstallation: philosophisches Totaltheater. Kay Voges vermisst die heutige Welt als rasend Bilder ausspeiende Maschinerie und lotet ihre Auswirkungen auf moderne Bewusstseinszustände aus. Die Zuschauer*innen haben unterschiedliche Einblicke in den gewaltigen 10-Zimmer-Gebäudekomplex in gediegenem Retro-Mittelstands-Schick. Sie sehen atmosphärische Stillleben, inspiriert von Künstlern wie Edward Hopper oder Gregory Crewdson, können sich geistig selbst bedienen aus dem darüber laufenden Musik-Medley und Zitatengewitter. Um sie herum kreist eine Prozession aus 23 Darsteller*innen mit Weihrauch und Gesang, als wolle man die irre gewordenen Weltgeister bannen. Bald wird der zunächst banale Alltag zur Festung gegen eine zusehends eskalierende Krise, die das behagliche Drinnen und den Firnis der Zivilisation durchbricht. „Borderline Prozession“ ist eine Reflexion über den Terror der gleichzeitigen Ereignisse, die wir uns süchtig permanent medial zuführen. Eine Meditation zur allgemeinen Weltverwirrung.

Die Inszenierung von Schauspiel-Intendant Kay Voges ist die insgesamt dritte Einladung nach Berlin für das Schauspiel Dortmund. Annegret Ritzel war 1988 mit Platonov dabei, und zuletzt war Michael Simons Black Rider 1995 nominiert. Nach 22 Jahren nimmt das Schauspiel Dortmund nun wieder am renommierten Berliner Theatertreffen teil. Es ist die erste Einladung für Kay Voges.

 

 

„WIRKLICH JEDER MENSCH IST FOTOGEN“

wirklich jeder mensch ist fotogen

marcel schaar über die fotografie bei „hell „und in seinem leben


Marcel Schaar, Fotograf aus Hamburg. Aufträge u.a. für die Commerzbank, Mercedes und Adidas. Persönlichkeiten wie Johannes Heesters, Andrea Petkovic und die Deutsche Fußballnationalmannschaft ließen sich von ihm ablichten und seine Arbeiten für die Hamburger Philharmoniker und das Konzerthaus Dortmund sorgten für Aufsehen. Seit 2007 beschäftigt er sich im „Polanerd“-Projekt künstlerisch mit der Polaroid-Fotografie. Bei hell / ein Augenblick steht er als vielleicht erster Live-Fotograf der Theatergeschichte auf der Bühne. Seine Werke sind in zahlreichen Ausstellungen zu sehen und wurden mit einer Vielzahl an Preisen und Auszeichnungen prämiert.


Was ist dein Job bei „hell“?

Das Fotografieren – erstmals auf der Bühne. Anfangs fühlte ich mich dabei verloren, schließlich bin ich kein Schauspieler. Wie verhalte ich mich? Aber mittlerweile habe ich von Kay und den Schauspielern ein bisschen Nachhilfe im Fach „Körperspannung“ bekommen. Die Präsenz eines Regisseurs, der zwischendurch Ansagen macht oder sich bestimmte Motive wünscht, ist für mich produktiv. Kay lässt mich da ja auch machen. Wir erarbeiten den Abend schließlich alle zusammen. „WIRKLICH JEDER MENSCH IST FOTOGEN“ weiterlesen

„EINE ERSCHRECKENDE UNBEDARFTHEIT“

„Eine erschreckende Unbedarftheit“

Furcht und Hoffnung in Deutschland: Ich bin das Volk

Die Regisseurin Wiebke Rüter über Rechtspopulismus in Deutschland und ihre Collage von zwei Stücken des Volkstheater-Autors Franz Xaver Kroetz, die im Dezember im Megastore Premiere feiert: „Ich bin das Volk“ von 1993 und „Furcht und Hoffnung in Deutschland“ von 1983.

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„AUCH EIN BISSCHEN URSCHREI-THERAPIE“: TOMMY FINKE ÜBER DAS MUNDORGEL PROJECT

Seit 2015 wird im Schauspiel Dortmund gemeinsam Liedgut ge- und zerschmettert: das MUNDORGEL PROJECT von und mit Tommy Finke und Band ist längst zur Kult-Reihe  geworden. Das Konzept ist dabei simpel: das bekannte Liederbuch „Die Mundorgel“ wird im Institut oder der Megabar dem ultimativen Live-Test unterzogen – mithilfe der Band, des mitsingwilligen Publikums und Special Guests!

Am Samstag feiert das Mundorgel Project Jubiläum: zum zehnten Mal wird dann gemeinsam gejammt und gesungen. Anlässlich des Mundorgel Projects #10 hier ein paar Fragen an Tommy Finke.


„AUCH EIN BISSCHEN URSCHREI-THERAPIE“: TOMMY FINKE ÜBER DAS MUNDORGEL PROJECT weiterlesen

„BOB DYLAN? TOTAL GROSSARTIG! UND TOTAL SCHEISSE!“

„Für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition“ erhält Bob Dylan nach Jahren der emsigen Spekulationen endlich den Literaturnobelpreis. Ein Mensch, zu dessen Werk beinahe jeder eine Meinung hat.

Wir sprechen mit dem Musikalischen Leiter des Schauspiels, Tommy Finke, über sein schwieriges Verhältnis zu Bob Dylan und warum Bob Dylan auch noch nach dem Dritten Weltkrieg hilfreich sein wird.


Tommy Finke, geboren 1981 in Bochum, ist Sänger und Musiker in den Genres Indie, Alternative und Pop und Komponist für Elektronische Musik/Computermusik und Theatermusik. Seit 2015 ist er Musikalischer Leiter am Schauspiel und hat bis dato keinen Literaturnobelpreis erhalten (Stand: Oktober 2016).


Tommy, Bob Dylan erhält den diesjährigen Literaturnobelpreis. Wie ist dein Verhältnis zu Bob Dylan?

Ich finde Bob Dylan total großartig und ich finde Bob Dylan auch total scheiße. Er hat ja während seiner Karriere schon so viele Gesichter gehabt und Rollen gespielt, dass es nicht den „einen“ Bob Dylan gibt, sondern quasi mehrere verschiedene. Diese ganze Bob Dylan-Manie existiert ja deshalb, weil wir alle mehr oder weniger mit ihm aufgewachsen sind. Der war ja nie weg. Und am Tag, an dem Bob Dylan stirbt, werde ich nicht zur Arbeit kommen, sondern mein Handy ausschalten und mir seinen ganzen Kram nochmal anhören. Ich meine, so wie das Jahr 2016 bisher verlaufen ist… naja… der Mann ist ja schließlich 75… „BOB DYLAN? TOTAL GROSSARTIG! UND TOTAL SCHEISSE!“ weiterlesen

„KEIN GESICHERTER GRUND UNTER DEN FÜSSEN“ – HANS HÜTT IM INTERVIEW

Autor Hans Hütt über revolutionäres Sprechen, Triumph der Freiheit #1 und den Versuch, die Gefahren der Zeit zu überbrüllen


Hans Hütt ist rhetorischer Berater sowie Autor, u.a. für FAZ, Freitag, taz und ZEIT. 2014 erhielt er für den Essay Angst vor der Gleichheit den Michael-Althen-Preis für Kritik.

Auf Einladung des Schauspiel Dortmund begleitete er die Proben von „Triumph der Freiheit #1“.


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Hans Hütt

Sie haben das Stück gelesen. Ganz platt gefragt, worum geht es?

Es ist auf jeden Fall kein Historiendrama. Ich würde das Stück als „Palimpsest“ beschreiben. Ein Palimpsest ist eine alte Textstelle, die abgeschabt, gereinigt und dann mit einem anderen Text überschrieben wurde. Der alte, überschriebene Text schimmert immer noch leicht durch, die Vergangenheit bleibt sichtbar. So ist es auch bei Triumph der Freiheit #1. Durch dieses Stück schimmert eine politische Gattungsgeschichte, in der alle Revolutionen und Konterrevolutionen seit 1789 übereinander geschichtet sind. Man hört Echos aller Niederlagen und Aufstände im Zeitalter der Moderne. „KEIN GESICHERTER GRUND UNTER DEN FÜSSEN“ – HANS HÜTT IM INTERVIEW weiterlesen

ES SPUKT UND BRODELT

stbSie werden es zweifellos bereits mitbekommen haben: Diese eine Parteivorsitzende gab neulich einer großen Zeitung ein Interview. Und darin forderte sie, das Wort „völkisch“ wieder in den deutschen Wortschatz zu integrieren. Ein Adjektiv, in dem die Vorstellung eines Volkes als geschlossener, gesunder Volkskörper widerhallt.

Worte haben stets einen Unterbau, der beim Sprechen mittransportiert wird. In ihnen spuken die Geister der Vergangenheit und brodeln die Hoffnungen einer Zukunft. Unkontrollierbar. Doch man kann Begriffe nicht leeren, man kann sie nicht überweißen und mit einem schönen Blumenmuster neutapezieren. Wer so etwas in der Öffentlichkeit behauptet, dem geht es nicht nur um das Wort selbst. Er oder sie lotet aus, wie sehr man Geschichte relativieren oder gar auslöschen kann. Er oder sie verfolgt damit sehr wahrscheinlich eine Ideologie. ES SPUKT UND BRODELT weiterlesen

„HAT SICH SCHON MAL JEMAND IM BÜHNENBILD VERLAUFEN?“

Auf Einladung des Schauspiel Dortmund haben sich zwölf Dramaturgie-Student*innen der Hessischen Theaterakademie in Frankfurt / Goethe-Universität die Borderline Prozession angeschaut. Ihr Arbeitsauftrag nach dem Besuch: Stellt vierzig Fragen an das Stück. Es entstand ein einzigartiger Fragenkatalog über die Inszenierung, aber auch über Theater, Kunst, das Leben an sich.

Eine Auswahl der schönsten, klügsten, kritischten und humorvollsten Fragen zeigen wir hier.

„HAT SICH SCHON MAL JEMAND IM BÜHNENBILD VERLAUFEN?“ weiterlesen