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Über Dirk Baumann

Dirk Baumann ist seit der Spielzeit 2013/14 Dramaturg am Schauspiel Dortmund. Während des Studiums assistierte und hospitierte er u.a. am Burgtheater Wien, dem Theater an der Parkaue Berlin und am Staatstheater Kassel. Im Anschluss an sein Studium arbeitete er als Assistent und Dramaturg am Maxim Gorki Theater Berlin und der Komischen Oper Berlin, u.a. mit Armin Petras und Sebastian Baumgarten. Daneben entstanden in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Anja Gronau und der Theatergruppe PortFolio Inc. mehrere Inszenierungen und Stückentwicklungen am Berliner Theater unterm Dach, zuletzt "Untertan. Wir sind dein Volk". Es folgte ein Engagement als Regieassistent und Dramaturg am Deutschen Nationaltheater Weimar, hier entstand auch seine erste eigene Inszenierung "Kein Ort. Nirgends" nach Christa Wolf. In Dortmund arbeitet er u.a. regelmäßig mit den Regisseuren Claudia Bauer, Sascha Hawemann und Kay Voges zusammen. Außerdem initiierte er mit der Theaterpädagogin Sarah Jasinszczak die Reihe "Herbstakademie" für Jugendliche von 14 bis 21 Jahren.

EIN ZUTIEFST BERÜHRENDES GEFÜGE AUS MUSIK UND TEXT

Maria Helgath im Gespräch mit Dirk Baumann

Maria Helgath (Sängerin)
Bettina Lieder
Frank Genser
T.D. Finck von Finckenstein (musikalische Leitung)
Petra Riesenweber (Piano)
Robin Grunwald (Sänger)

Maria Helgath steht im Schauspiel Dortmund in Claudia Bauers Inszenierung von „Schöpfung“ als Solistin auf der Bühne. Auf Grundlage von Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ erzählt der Abend von den Chancen und Risiken der technologischen Entwicklung rund um Künstliche Intelligenz und humanoide Roboter und stellt die provokante Frage: Wenn der biologische Mensch selbst zum Schöpfer wird, wer sind dann Adam und Eva? Die Sprechtexte sind neu hinzugekommen und von Regieteam und Ensemble gemeinsam entwickelt worden. Im Interview mit Dramaturg Dirk Baumann erzählt Maria Helgath unter anderem, warum der Abend unbedingt etwas für Haydn-Fans ist. Die ungewöhnliche Kooperation aus Sprech- uns Musiktheater steht noch bis zum Ende der Spielzeit auf dem Spielplan.

„Die Schöpfung“ gehört ja zu den bekanntesten Oratorien überhaupt. Was ist für dich der Unterschied zwischen der Schöpfung im Schauspiel und Dortmund und der Partie in einer klassischen konzertanten Aufführung?
 
Im Konzertbereich liegt der Fokus auf der Musik. D.h. man versucht als Sänger und Musiker alles, alle Bilder, alle Emotionen akustisch entstehen zu lassen. Natürlich gibt es oft auch Rollen, die man als Sänger auf musikalischer Ebene interpretiert und mit denen man Geschichten erzählt. Haydn hat in der „Schöpfung“ sehr lautmalerisch komponiert: der Adler schwingt sich zum Beispiel in aufsteigenden Linien von der unteren Mittellage nach oben in luftige Tonhöhen oder die Tauben girren durch kleine Triller. Das wird in unserer Version in Dortmund in großen Teilen aufgebrochen bzw. in einen neuen Kontext gesetzt. Zwar wird der Klavierauszug teilweise am Cembalo im Original gespielt, der Klang wird durch das Arrangement von T.D. Finck von Finckenstein aber so verfremdet oder mit elektronischen Sounds unterlegt, dass bestimmte Details sehr eindringlich vor Augen geführt werden. Oder wir singen Arien zwar wie im Original, wiederholen aber dann eine Stelle absurd oft oder machen ein Rezitativ, das eigentlich einen reinen Erzählcharakter hat, zu einer Art Arie. Manches hat T. D. Finck von Finckenstein auch komplett umarrangiert, die Essenz eines Stückes herausgegriffen, neu interpretiert, in einen neuen Zusammenhang gesetzt, wodurch man es natürlich völlig anders hört! In der klassischen konzertanten Aufführung würde niemals ein Ausschnitt von vier Takten aus einem Terzett xmal wiederholt und über einen elektronischen Beat gesetzt werden, aber genau diese Herangehensweise ist besonders bei „Schöpfung“ im Schauspiel. Oft löst die Musik den nächsten thematischen Schritt aus, manchmal fungiert sie als eine Art Soundtrack zum Bühnengeschehen und oft bildet sich aus Musik und Text ein zutiefst berührendes und aufrüttelndes Gefüge, das die einzelnen Bestandteile in ganz neue Dimensionen treibt und den Zuschauer sehr herausfordert, wirklich hinzusehen und hinzuhören.

„Der Mensch in seiner Unvollkommenheit will eigentlich nur lieben und geliebt werden.“

Würdest du sagen, dass die Inszenierung auch etwas für Haydn-Fans ist?
 
Unbedingt! Ich glaube, wer wirklich Haydn-Fan ist, ist offen und neugierig. Haydn hat humorvoll und optimistisch komponiert, dem versuchen wir auch am Schauspiel Dortmund gerecht zu werden, hier allerdings im krassen Kontrast zu den Sprechtexten. Haydn beschreibt in seiner Komposition eine schöne, intakte, gesunde, vollkommene Schöpfung, doch was haben wir, was hat der Mensch daraus gemacht? Wie nutzen wir unsere menschliche Schöpferkraft, die Haydn sehr lautmalerisch und musikalisch wunderschön in den Szenen um Adam und Eva beschreibt? Also gut, mal abgesehen davon, dass ich als Frau des 21. Jahrhunderts etwas mit dem Rollenverständnis des 18. Jahrhunderts zu kämpfen habe. Aber auch das dreht sich im Schauspiel, die Maschine ist geschaffen, um dem Menschen zu dienen – und überflügelt ihn letztendlich. Der Mensch in seiner Unvollkommenheit versucht Gutes und Nützliches zu schaffen, will eigentlich nur lieben und geliebt werden, wie Haydn das ja auch komponiert hat, und scheitert immer wieder auf verschiedensten Ebenen. Ich denke, wer mit offenen Ohren und Augen in die Vorstellung geht, kann sehr viel mitnehmen, man wird mit seinen eigenen Sichtweisen konfrontiert, auf musikalischer wie auf weltanschaulicher Ebene. Für mich als Zuschauer ist ein Theaterabend – egal in welchem Genre – immer dann besonders wertvoll, wenn ich das Theater mit einem anderen Blick auf die Welt verlasse, als ich es betreten habe. Und ich finde, unsere „Schöpfung“ hat das Zeug dazu, für viele ein solcher Abend zu sein.

Bettina Lieder
Sänger: Ulrich Cordes, Maria Helgath, Robin Grunwald
Petra Riesenweber (Piano)

„Schöpfung“ erzählt von der Möglichkeit der Schöpfung eines neuen, künstlichen Menschen durch den biologischen Menschen selbst. Ist das ein Thema, mit dem du etwas anfangen kannst? 
 
Absolut, das beschäftigt und berührt mich sehr. Ich stand vielen technologischen Neuerungen lange skeptisch gegenüber, habe mich beispielsweise gegen die Preisgabe meiner Daten gewehrt usw. und irgendwann gemerkt, dass der ständige und konsequente Kampf dagegen auch in eine Art Vereinsamung führt. Neue Technologien, künstliche Intelligenz sind nicht per se schlecht, im Gegenteil, wir Menschen erschaffen laufend Unglaubliches, allein die Fortschritte im medizinischen Sektor sind gigantisch. Aber ich gebe zu, eine Form von Angst vor der mittlerweile völlig unkontrollierbaren Ebene der Algorithmen zu haben, vor Künstlicher Intelligenz, die uns längst überholt hat und die wir uns teilweise zunutze machen können, die aber auch Dimensionen angenommen hat, die unser aller Vorstellungskraft übersteigt. Die Texte von Stanislaw Lem im Stück haben mich sehr zum Nachdenken angeregt und ich finde es unglaublich spannend und wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

„Ich genieße es sehr, wenn man bei Proben ausprobieren darf.“

Du hast eine Ausbildung als Sängerin und als Schauspielerin. Inwiefern hilft dir das bei der Arbeit? Gibt es etwas, was du lieber machst?
 
Ja, das hilft mir oft. Wenn man sich in den verschiedenen Welten Musiktheater, Schauspiel und Konzert bewegt, lernt man verschiedene Arbeits- und Herangehensweisen, wie man sich einem Stoff, einer Thematik, einer Stilistik nähert. Und da befruchtet sich natürlich alles gegenseitig! Ich nähere mich beispielsweise Operncharakteren, aber auch klassischen Liedern oder Konzertpartien gern aus schauspielerischer Sicht. Ich achte also nicht nur auf Stimmklang und Phrasierung – wobei das natürlich auch sehr wichtig ist! Umgekehrt sind Schauspieltexte auch oft eine Form von Musik: Da gibt es Rhythmen und Wortklänge, die eine Figur charakterisieren. Was ich lieber mache, Schauspiel oder Gesang, kann ich gar nicht sagen, das hängt sehr von der Partie und der Rolle ab. Zum Beispiel empfinde ich es als sehr erfüllend „Schlafe, mein Liebster“ aus dem Weihnachtsoratorium von Bach zu singen – zu erleben, wie jede Note eine Liebeserklärung von Maria bzw. Bach an das schlafende Kind, an Jesus ist. Da braucht’s sonst nichts, alles passiert in der Musik. Und am nächsten Tag stehe ich dann vielleicht in einer Schauspielrolle auf der Bühne mit unglaublich vielen Schichten, Farben, Facetten, und auch das ist erfüllend! Also, ich kann nur sagen, dass ich die Vielfalt in der ich arbeiten darf, sehr genieße!

Ensemble

Wie war die Zusammenarbeit mit Tommy Finke und der Regisseurin Claudia Bauer?
 
Ich habe jeden Tag der Probenzeit wirklich genossen. Tommy und Claudia sind beide unglaublich kreative, energetische und geradlinige Menschen, es hat großen Spaß gemacht, die Musik aufzubrechen und Dinge gemeinsam entstehen zu lassen. Es gab bei keiner Probe den Zwang perfekt sein zu müssen, was leider bei musikalischen Produktionen oft der Fall ist, wodurch oft Leistungsdruck entsteht und kreatives Arbeiten sehr eingeschränkt wird. Ich genieße es sehr, wenn man bei Proben ausprobieren darf, auch mal Dinge daneben gehen dürfen, um dann zu entstehen und sich zu entwickeln. Das bietet Raum zur Entfaltung und den haben uns Tommy und Claudia geboten. Dass in den Endprobenwochen noch ganz viel entsteht, umgestellt wird, extra geprobt wird, kenne ich von vielen Schauspielproduktionen, deshalb musste ich mich da nicht umstellen. Ich mag an Claudia sehr, dass sie bis zum Schluss um das Produkt kämpft und wenn ihr zum Beispiel der Schluss nach der Generalprobe nicht gefällt, wird er eben nochmal umgebaut und neu strukturiert! Diese Leidenschaft und Bedingungslosigkeit für die Sache und die Beteiligten finde ich super.

„Ich fühle mich dem Ensemble sehr zugehörig, wir spielen und gestalten das Stück gemeinsam.“

Bei „Schöpfung“ ist kein Orchester mit dabei – hat das Auswirkungen auf die Art, wie du singst?
 
Nein, es macht stimmtechnisch keinen Unterschied. In der Oper muss man stimmlich über den Orchestergraben kommen, da braucht es manchmal „ein paar Gramm mehr“ auf der Stimme, aber Haydn hat sehr sängerfreundlich geschrieben, sowohl mit Orchester als auch in unserem Fall mit Cembalo oder Synthesizer-Sounds ist die Stimme immer sehr präsent. Damit wir über die elektronischen Sounds hörbar sind, werden wir verstärkt, wir müssen also nicht brüllen und können ganz „normal“ singen.

Ensemble

Wie war die Zusammenarbeit mit den Schauspieler*innen für dich?
 
Super! Ich finde das Ensemble am Dortmunder Haus wirklich spitze, sowohl künstlerisch als auch menschlich. Manchmal fand ich’s schade, auf der Bühne nicht mehr Teil der Spielgeschehens sein zu können, wir drei Sänger sind im Stück als „Künstliche-Intelligenz-Sänger“ in der großen Maschinerie der KIs eine eigene Spezies und auch räumlich die meiste Zeit von den „KI-Schauspielern“ getrennt. Aber ich fühle mich dem Ensemble sehr zugehörig, wir spielen und gestalten das Stück gemeinsam, jeder in seiner Profession (diesmal bin ich einfach Sängerin) und spätestens wenn wir von der Bühne gehen ist die Trennung sowieso aufgehoben.

Termine:

20.5., 18 Uhr, 2., 22.6., 4., 12.7., jeweils 19:30 Uhr im Schauspielhaus

EINE ANDERE PERSPEKTIVE AUF ZEIT UND GESELLSCHAFT

Regisseurin Laura N. Junghanns im Interview mit Dirk Baumann über ihre Inszenierung von Virginia Woolfs „Orlando“

Laura N. Junghanns; Foto: Dirk Vogel

Virginia Woolfs „Orlando“ erschien 1928. Was hat Dich an dem Stoff interessiert?

Mich interessiert die Breite der Geschichte, die Themen wie Herkunft, Geschlecht, Geschlechterrollen, Sexualitäten beinhaltet in einem so reichen Material, das einen Bogen über knapp 350 Jahre spannt. Und damit viele Epochen und soziale und gesellschaftliche Hintergründe abdeckt, die Spiegelpunkte zur Jetztzeit sind.

Du hast die Fassung des Stücks selbst erarbeitet – worauf kam es Dir dabei an?

Grundsätzlich halte ich es immer für sinnvoll, viel zu recherchieren: Beim Orlando-Stoff ist neben der Handlungsebene des Romans die „Sidestory“ interessant, die Entstehungsgeschichte des Buches. Virginia Woolf hat „Orlando“ ja geschrieben, um sich mit ihrer damaligen Liebhaberin Vita Sackville-West auseinanderzusetzen und es ihr zu widmen – einer Zeitgenossin Woolfs und ebenfalls Autorin. Tatsächlich habe ich erst einmal breit recherchiert, angefangen bei Virginia Woolfs Leben und Werk bis zum Briefwechsel zwischen Virginia Woolf und Vita Sackville-West. Im zweiten Schritt habe ich dann das Buch selbst genommen und jeden Satz markiert, der mich interessiert hat. Das war dann mein Material für die eigentliche Arbeit an der Stückfassung. Ich halte es für unabdingbar, erst eine genaue Analyse des Materials vorzunehmen, um ausgehend davon eine bzw. meine „Übersetzung“ aus Metaphern, Bildern oder schlichtweg Emotionen zu finden. Es geht mir dabei nicht um ein „Reenactment“ des Buches, denn der Roman bleibt der Roman und soll es auch bleiben, sondern um eine szenisch erfahrbare Umsetzung, die über die Buchseiten hinausgehen und die Phantasie beflügeln kann. Oder, um es mit Virginia Woolfs Worten zu sagen: „Das einzig aufregende Leben ist das der Phantasie.“ Ein Tagebucheintrag vom 21. April 1928, d.h. genau aus der Phase zwischen dem ersten Wort von Orlando und der Veröffentlichung im Herbst 1928.

„Das einzig aufregende Leben ist das der Phantasie.“
Virginia Woolf

Insgesamt gab es bestimmt zehn verschiedene Stände der Textfassung, von denen ich drei mit meinem Kreativteam gemeinsam durchgesprochen habe (in erster Linie die Band AniYo kore, sowie die Bühnenbildnerin Maria Eberhardt, die Kostümbildnerin Natalia Nordheimer und der Dramaturg Dirk Baumann). Die endgültige Probenfassung entstand tatsächlich erst nach der ersten Probenwoche, nachdem ich die Stimmen der Schauspieler*innen gehört hatte.

Friederike Tiefenbacher
Marlena Keil
Ekkehard Freye

Das Verhältnis von Fiktion und Realität spielt in Deiner Inszenierung eine besondere Rolle – kannst Du das näher erläutern?

Zwischen den beiden Polen Fiktion und Realität entsteht viel Raum für Phantasie, für die Zuschauer wie auch für mich. Im besten Falle entstehen sogar Freiräume, um sich selbst und die eigenen Rollenbilder in Frage zu stellen. Auf der Bühne stehen einerseits die Hauptfiguren aus dem Roman „Orlando“, andererseits ist u.a. aber auch Virginia Woolf als Figur zu sehen.

Du sagst, in „Orlando“ geht es um Fragen von Identität, Geschlecht und äußeren Zuschreibungen. Jetzt ist der Roman aus dem Jahr 1928 – war Virginia Woolf in ihrem Denken ihrer Zeit voraus?

Nein, ich glaube nicht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war ohnehin viel los in der Welt, Vieles war im Umbruch. In Argentinien beispielsweise gab es eine starke feministische Bewegung, schon 1910 fand der erste Internationale Frauenkongress in Buenos Aires statt. Es ist davon auszugehen, dass Virginia Woolf die Entwicklungen kannte, verfolgte und dass sie davon auch in ihrem Schreiben beeinflusst wurde. Etwa zur gleichen Zeit wie „Orlando“ erschien ein Buch namens „Quell der Einsamkeit“ der Autorin Radclyffe Hall. Dieses Buch sorgte für mit den ersten großen literarischen Skandal, weil darin erstmals eine lesbische Beziehung beschrieben wurde. Das führte zum Verbot des Buchs – auch wenn nach heutigen Maßstäben alles sehr blumig und neblig beschrieben war –, aber auch dazu, dass sich Verleger und Schriftsteller zusammenschlossen, um gegen das Verbot zu demonstrieren. Wenn man vor diesem Hintergrund „Orlando“ betrachtet, gibt es ausgenommen vom Geschlechter-Wechsel eigentlich gar keine Schilderung einer homosexuellen Begegnung. In dem Sinne war sie ihrer Zeit also keineswegs voraus, sondern hat den Zeitgeist genau getroffen.

Ekkehard Freye

Wie kamst Du darauf, mit der Dortmunder Band aniYo kore zusammenzuarbeiten?

Ich habe die Band in Dortmund bei den Petra-Meurer-Theatertagen getroffen, da war ich mit meiner freien Company „KimchiBrot Connection“ eingeladen. Die beiden haben im Rahmen der Preisverleihung ein Konzert gespielt. Eigentlich hatte ich mit der Company ausgemacht, dass wir im Anschluss an die Veranstaltung mit Leuten „socialisen“, die unsere Performance vielleicht als Gastspiel einladen könnten. Nach dem Konzert habe ich meine Kollegen dann aber direkt stehen lassen und gesagt: „Sorry, ich bin da heute raus, ich muss unbedingt diese Band anfragen, ich muss mit denen ‚Orlando’ machen.“ Zum einen haben sie mich mit ihrem Sound umgehauen und ihrer wahnsinnigen, theatralen Präsenz. Damals bestand ihr Setup nur aus Gitarre, Bass und Gesang, aber selbst damit haben sie den ganzen Raum gefüllt. Zum anderen glaube ich, dass die lokale Verwurzelung eines Stadttheaters eine große Stärke sein kann. Natürlich kenne ich auch tolle Musiker aus Köln oder Berlin, aber wenn man so einen Pool an Kreativität auch hier in Dortmund findet, dann ist das wesentlich besser angebunden.

aniYo kore (Live-Musik)

Das Spannende am Geschlechtswandel ist der gleichzeitige Perspektivwechsel auf eine Gesellschaft und auf eine Zeit.

Orlando wechselt im Roman das Geschlecht – welche Bedeutung hatte diese Tatsache für Dich während der Arbeit am Stück? Hatte das z.B. Auswirkungen auf die Besetzung?

Das Spannende am Geschlechtswandel ist der gleichzeitige Perspektivwechsel auf eine Gesellschaft und auf eine Zeit. Natürlich habe ich darüber nachgedacht, aber es war mir schnell klar, dass die Rolle von einer Frau gespielt werden sollte – weil die Sekundärgeschichte, die reale Folie vor der Virginia Woolf schreibt, eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen ist. Und natürlich haben wir uns Gedanken darum gemacht, was es heißt, heute queer zu sein, was dieser Begriff bezeichnet, was queeres Theater ist, was Geschlechterrollen sind. Momentan bin ich persönlich an dem Punkt angelangt, dass ich im Theater jenseits von theoretischen Debatten und Aufforderungen eine gelebte kreative Selbstverständlichkeit etablieren möchte, in der Frauen Männer spielen und Männer Frauen. Das ist jetzt nichts Neues, aber so werden Geschlechterrollen automatisch aufgebrochen. Und so ist es auch in der Inszenierung: Viele der weiblichen Nebenfiguren werden von einem Mann gespielt, viele männliche von einer Frau, ohne dass das kommentiert wird. Allein darüber kann ein anderer Resonanzraum für solch einen Satz aus „Orlando“ geschaffen werden: „In jedem Menschen ereignet sich das Schwanken zwischen den Geschlechtern.“

Im besten Fall lernen wir Geschlecht als Reihe von Kontinuitäten zu denken.

Geschlecht ist für die meisten Menschen eine zentrale Kategorie, über die sie andere und sich selbst identifizieren. Sollte man Deiner Meinung nach öfter mal hinterfragen, wo das eigentlich herkommt und was das für die eigene Identität bedeutet?

Im besten Fall lernen wir Geschlecht nicht binär, sondern als Reihe von Kontinuitäten zu denken. Vielleicht ist der Abend eine Anregung, sich nicht selbst einzusperren in Geschlechterstereotypen, die vermeintlich zum eigenen Geschlechterbild gehören. Zum einen kommen die von außen, aber man gibt sie sich auch selbst. Jede/r sollte ihren/seinen Impulsen frei folgen können. Vielleicht ist „Orlando“ eine Veranlassung, offener damit umzugehen. In den Proben fand ich es beispielsweise spannend, dass es mir irgendwann schwer fiel, das „richtige“ Pronomen zu verwenden – spreche ich über eine Frau, die einen Mann spielt von er oder sie? Und umgekehrt von einem Mann, der eine Frau spielt? Bei Ekkehard Freye in einer weiblichen Rolle habe ich einfach irgendwann „sie“ gesagt, das war auch selbstverständlich für alle, niemand hat das kommentiert. So etwas macht Spaß, weil es Klischees und Geschlechterrollen entlarvt.

Marlena Keil
Friederike Tiefenbacher

Du bist eine junge Regisseurin, die aber auch bereits einige Erfahrungen gesammelt hat. Was ist für Dich anders an dieser Arbeit im Schauspiel Dortmund?

So anders ist es gar nicht. Natürlich hat man am Stadttheater luxuriösere Strukturen, mehr Möglichkeiten, eine Routine, die einen Schutzraum ermöglicht, in dem man kreativ arbeiten kann. Das ist ein großes Geschenk, das wir in Deutschland haben. In unserer freien Company arbeiten wir meist schon früher alle zusammen am Konzept, hier war zwar auch früh das Kreativteam aus Regie, Bühne, Kostüm, Musik und Dramaturgie klar, und ich habe früh mit Ihnen gesprochen, aber die Schauspieler kamen zu einem viel späteren Zeitpunkt dazu. Die muss man dann aus ihrer Routine „rausbekommen“ und dafür gewinnen, dass sie mit Feuer und Flamme dabei sind.

Welche Verbindung siehst Du – neben der Namensgleichheit von Figur und Stadt – zwischen Virginia Woolfs Roman und dem schrecklichen Attentat von Orlando vom 12.6.2016, bei dem ein Attentäter 49 Menschen in einem mehrheitlich von Homosexuellen besuchten Club erschoss?

Die Verbindung sehe ich eher im Nachhall des Attentats. Dabei kommen Themen zur Sprache wie das Verhalten einer Mehrheit einer Minderheit gegenüber – im Pulse in Orlando war es sogar eine doppelte Minderheit: nicht nur Angehörige der LGBTI-Szene, an dem Abend war auch mehrheitlich die Minderheit der Hispanics dort. Die beiden Orlando-Themenfelder ähneln sich, aber Orlando vor dem Hintergrund des Shootings spricht aus einer ganz anderen Perspektive als das Buch Orlando, in dem die Hauptfigur ein blonder, weißer, reicher Jüngling ist, der alles hat und weitestgehend mit keinen Problemen konfrontiert ist. Aber er schaut im Verlaufe des Romans auf ähnliche Themen wie sie Angehörige der LGBTI-Szene heute betreffen und durchlebt auch ähnliche Stationen.

Die beiden Orlando-Themenfelder ähneln sich.

Ekkehard Freye
Marlena Keil
Friederike Tiefenbacher

Die Figur Orlando verändert sich im Verlauf des Romans stark. „Und nun, und wer, Orlando“ heißt es im Stück wie im Roman. Wenn ich Dich nach sechs Wochen Proben nun frage „Und nun, und wer, Laura Junghanns“ – hast Du Dich verändert?

Natürlich. Ich werde beispielsweise älter im Gegensatz zu Orlando (lacht). Nein, es sind die Erfahrungen, die ich mache, egal ob in der künstlerischen Praxis oder allein in der Beschäftigung mit dem Thema, die mich verändern. Aber bei mir geht es tatsächlich auch schon wieder weiter und ich richte den Blick so langsam auf das, was in Zukunft kommt.

Die Fragen stellte Dirk Baumann.

MUSIKALISCHES UFO TRIFFT „ORLANDO“

Die Band „aniYo kore“ im Interview mit Dramaturg Dirk Baumann

Für „Orlando“ nach Virginia Woolf steht auch die Dortmunder Band aniYo kore auf der Bühne. Im Interview erzählen die beiden Mitglieder, was sie ans Theater geführt hat, was sie mit dem Stoff verbindet und was es eigentlich mit ihrem Namen auf sich hat.
„Orlando“ feiert am 11. Februar Premiere im Studio in der Regie von Laura N. Junghanns.

aniYo kore, Foto: Dirk Vogel

 „Now“ ist einer der neun Songs, die aniYo kore für „Orlando“ geschrieben haben.

Melody und René, Ihr seid aniYo kore – seit wann gibt es Euch in dieser Formation und was hat es eigentlich mit dem Namen auf sich?

René: Es gibt uns seit März 2010. Der Name kommt aus dem Film „Lost in Translation“: Bob Harris, im Film von Bill Murray gespielt, kommt nachts von einem Dreh ins Hotel und kann nicht schlafen, deshalb will er sich im Gym nochmal auspowern. Er versucht, die Cardio-Maschine langsamer einzustellen, weiß aber nicht, wie das geht, und drückt deshalb jeden Knopf. Und die Maschine sagt immer dasselbe: „aniYo kore“ – das fanden wir eine unfassbar lustige Szene. Und so gut, dass wir das direkt übernommen haben. Wir sind uns zwar nicht ganz sicher, was das bedeutet, wahrscheinlich so etwas wie „das geht nicht“. Aber mittlerweile ist es uns auch nicht mehr so wichtig, was es bedeutet, es ist einfach ein absurder Name. Oft wird er allerdings erst mal falsch ausgesprochen, wie das englische „core“, aber die Betonung liegt auf dem e am Ende, ähnlich wie im Französischen. Mittlerweile ist es aber auch so, dass wir als erstes Ergebnis auftauchen, wenn man den Begriff online sucht.

Ekkehard Freye
aniYo kore (Live-Musik)

Eine nicht ganz unwichtige Sache. Wie würdet Ihr Eure Musik beschreiben?

Melody: Als musikalisches Ufo. Den Ausdruck hat René mal geprägt, der beschreibt es eigentlich ganz gut. Genremäßig ist es „Elektro-Kraut“. Wir haben uns in den vergangen sieben Jahren deutlich entwickelt – eigentlich kommen wir aus einem Bereich, in dem wir sehr viel mit Samplings gearbeitet haben, also mit bereits bestehenden Sounds, die wir dann gesampelt haben. Jetzt machen wir alles ausnahmslos selbst und nehmen unsere eigenen Sounds auf, die wir weiter verarbeiten. Das können auch ganz alltägliche Sachen sein, die wir mit dem Mikrophon aufnehmen, wie beispielsweise das Klopfen auf Holz. Und wir spielen natürlich live Instrumente, René ist am Bass, ich bin an der E-Gitarre, dazu haben wir selbst gebaute Drums von einer Drum Machine namens MPC – und unseren zweistimmigen Gesang.

„Wir versuchen immer Neues zu finden.“

René: Das Genre ist wirklich schwierig zu betiteln. Unsere Wurzel ist sicher Trip-Hop, weil es diesen langsamen, hiphoppigen Groove hat, den hat unsere Musik jetzt immer noch, wie ich finde. Ein wichtiges Element ist auf jeden Fall Downtempo. Wir versuchen bewusst immer mehr neue Sachen zu finden, die in kein bestehendes Genre mehr passen.

Habt ihr musikalische Paten, Eltern oder Großeltern?

René: Da ist sicher Portishead, über die wir uns auch gefunden haben. Über die Liebe zu schweren, melancholischen Grooves und Songs mit inhaltlicher Tiefe. Mittlerweile sind wir auch zu Jazz-Sachen übergegangen als Inspiration, auch wenn man das vielleicht gar nicht so direkt hört. Was man aber sicher in unserem Sound erkennt, sind Portishead- und Björk-Einflüsse oder DJ Shadow. Obwohl ich finde, dass Melodys Stimme einfach einen ganz eigenen Klang hat.

Ekkehard Freye
Marlena Keil

Den hat sie definitiv. Wie habt ihr euch kennen gelernt?

Melody: Ich habe eigentlich schon immer gesungen, mal in einer anderen Band und hatte auch mal ein Soloprojekt. Und René war als DJ unterwegs, aber vielleicht kannst du das selbst nochmal genauer erzählen.

René: Ja, ich habe ein so genanntes Dubplate von Melody gehört. Auf einem Dubplate sind Songs neu eingespielt, die es eigentlich so schon gibt, aber zusätzlich dazu ist ein Special drin, eine geänderte Textzeile oder auch nur ein Wort, zum Beispiel mein Name oder so etwas in der Art. Dann ist klar, wenn ich den Song mit meinem Namen drin auflege: Das eine exklusive Aufnahme nur für mich als DJ. Das ist eigentlich eine Erfindung aus Jamaika und eine Form von Statussymbol. Und das hat Melody gemacht, sie hat einen Song gesungen auf einen Beat und ich dachte: Wow, wer ist das denn? Und dann habe ich sie ausfindig gemacht.

Friederike Tiefenbacher
aniYo kore (Live-Musik)

Was ist die Besonderheit an Eurer Musik?

René: Neben der Musik selbst ist das sicher die „Stimmung“. Wir spielen unsere Musik in „Verdis A“, also auf einer Frequenz von 432 Hertz. Technisch gesehen befindet sich das A, wenn andere Bands spielen, auf einer Frequenz von 440 Hertz. Darauf hat sich die „musikalische Gemeinschaft“ geeinigt.

Melody: Im professionellen Sinne nennt man das den Kammerton.

„Wir suchen unsere Bezüge in der Natur.“

René: Und in Zeiten von Bach, Mozart, Verdi wurde groß darüber diskutiert. Es gab immer verschiedene Stimmungen in der Bandbreite 432 bis 446 Hertz, auf denen das A gespielt wurde, ohne dass es genormt war. Auch die großen Komponisten sind sich nicht einig geworden. In den 1930ern hat dann die Rockefeller-Stiftung eine Menge Geld dafür ausgegeben, dass man sich vor allem in der amerikanischen Kultur auf 440 Hertz geeinigt hat. Aber wir persönlich finden das sowohl mathematisch als auch von der Stimmung her nicht ganz richtig. Es macht einen kleinen, aber wesentlichen Unterschied, wenn die Spannweite anders ist – für die Gefühlsstimmung. Viel nerdiges Zeug, lange Rede, kurzer Sinn: Es fühlt sich für uns richtig an. Das ist eine reine Gefühlssache, die man gar nicht hört, auch nicht von jemandem mit einem gut geschulten Gehör.

Melody: Wir haben das auch selbst nicht gehört, aber man fühlt es. Es gibt auch viele Experimente dazu, wie sich diese Frequenz in Bezug auf Körper verhält und die Muster auf 432 Hertz haben ein deutlich schlüssigeres Muster ergeben als die auf 440 Hertz.

René: Wir suchen unsere Bezüge in der Natur. Wir orientieren uns da beispielsweise auch an solchen Dingen wie den Fibonacci-Zahlen und dem Goldenen Schnitt. Für uns fühlt sich das gut an und deshalb folgen wir dem eher als irgendwelchen Normen.

„Im Theater ist die Band kein geschlossenes System.“

aniYo kore (Live-Musik)

Wenn man auf Eure Homepage schaut, dann habt ihr bereits sieben Alben veröffentlicht – eine ganze Menge. Wie kommt ihr nach diesem „klassischen“ Weg nun ins Theater?

René: Unsere Musik ist schon immer sehr atmosphärisch gewesen, wir haben einen stimmungsvollen Ansatz. Deswegen lag das nahe. Wenn wir beispielsweise Filme schauen, legen wir immer ein besonderes Augenmerk auf die Scores, also die Musik und die Sounds, wie Klänge in bestimmten Situationen angewendet werden, auch abseits von Musik. Wir interessieren uns für die stimmige Untermalung gesprochener Texte. Das ist für uns mindestens genauso anspruchsvoll wie „einfach nur“ Musik zu spielen als Band. Im Theater ist die Band denn auch kein geschlossenes System mehr, sondern ein offenes: Wir arbeiten mit anderen zusammen, das ist schön, sorgt aber auch dafür, dass die Musik und der Sound nicht ausschließlich unser eigenes Produkt bleiben, weil wir mit den anderen zusammen- und der Regisseurin und den Schauspielern zuarbeiten. Das ist eine ganz andere Form Musik zu machen.

Friederike Tiefenbacher
Marlena Keil
Ekkehard Freye

Und wie habt ihr den Kontakt zur Regisseurin Laura Junghanns gefunden?

Melody: Im Februar 2017 haben wir im Dortmunder Theater im Depot ein Konzert gespielt im Rahmen der Petra-Meurer-Theatertage. Lauras Company „KimchiBrot Connection“ war dort eingeladen und hat sogar den Preis gewonnen. Bei dieser Gelegenheit hat sie uns das erste Mal gesehen und im Anschluss an das Konzert angesprochen. Sie hat direkt gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, für ein Theaterstück Musik zu machen. Das hätte nicht besser passen können.

René: Interessanterweise hat Laura uns aber „nur“ mit einer Akustik-Show gesehen, mit E-Gitarre und zweistimmigem Gesang, also mit einem ganz anderen Sound als dem, den wir jetzt hier machen. Ich glaube sie kannte unsere Musik vorher auch gar nicht, konnte also auch gar nicht wissen, dass wir auch eine elektronische Auslegung machen können wie jetzt bei „Orlando“.

Ekkehard Freye
Marlena Keil
Friederike Tiefenbacher

Was waren Eure Gedanken vor Beginn der Produktion – hattet ihr Berührungsängste mit den Schauspielern?

René: Ehrlicherweise nicht, weil wir so große Lust darauf hatten. Ich gehe meist mit einer Utopie-Vorstellung in solch einen künstlerischen Prozess und lasse mich einfach überraschen, was passiert. Damit kann man natürlich auch grandios scheitern, auch das ist uns schon passiert. Angst davor, dass man der Qualität von Schauspielern oder anderen nicht gerecht werden kann, ist dabei aber nur hinderlich. Idealerweise wünsche ich mir, dass man uns in musikalischer Hinsicht als Expertise wahrnimmt – und die anderen Departments haben ihre.

„Wir haben Orlando in neun musikalische Stücke gegossen.“

Würdet ihr sagen, dass man sich als Künstler im Theater mehr öffnet?

Beide: Auf jeden Fall.

Melody: Das ist eine positive Challenge. Wir haben als Musiker die Möglichkeit, uns mit anderen Künstlern zu verbinden, die selbst keine Musik machen, um gemeinsam an einer Sache zu arbeiten.

René: Wenn wir als Band ein Album machen, dann sind wir uns bestenfalls untereinander einig über das Werk. Im Theater kann ich mir zwar Gedanken darum machen, dass ein bestimmter Klang für eine bestimmte Szene der richtige ist, aber am Ende kann es sein, dass die anderen das nicht so sehen und die Regisseurin entscheidet es vielleicht ganz anders.

Wie seid ihr an die Arbeit zu „Orlando“ herangegangen?

Melody: Wir haben uns schon sehr früh im vergangen Jahr mit Laura getroffen. Im Anschluss daran haben wir uns mit dem Stoff, dem Buch von Virginia Woolf auseinandergesetzt, die Hochphase hatten wir dann im Sommer 2017: Laura hat mit uns über Ihre Visionen gesprochen, das hat uns eine Ahnung davon vermittelt, wo es hingehen soll. Wir haben dann den Orlando-Stoff in neun musikalische Stücke gegossen. Damit sind wir zu den Proben gekommen und die Rechnung geht tatsächlich auf: Die Songs passen zum Regiekonzept und der Anlage des Stückes. Laura hat uns ihre Visionen offenbar super rübergebracht.

René: Ich bin auch ganz überrascht wie gut das aufgeht. Es ging ja nicht darum, dass Melody als Song-Schreiberin in vier Wochen neun Songs schreibt. Sie nimmt sich immer die Zeit einzutauchen in Stimmungen, um daraus etwas zu entwickeln. Dass wir damit jetzt so wenig anecken in den Proben, hat sicher auch damit zu tun, dass wir frühzeitig am konzeptionellen Prozess beteiligt waren. Es ist tatsächlich so, dass wir keine einzige Melodie der Songs ändern mussten.

Ekkehard Freye
Marlena Keil
Friederike Tiefenbacher

Und wie habt ihr die Songtexte geschrieben?

René: Mir war wichtig, dass es keine direkten Übertragungen von Originaltext aus dem Buch in Songs von uns gibt, das halte ich für gefährlich. Wir haben Laura gebeten, uns den Roman in ihre Idee von szenischen Vorgängen und Figuren zu übersetzen. Das haben wir dann wiederum in unsere Worte übersetzt. Dieser Zwischenschritt war wichtig, damit wir ein bisschen Abstand zu Virginia Woolfs Original haben, sie schreibt einfach wunderschön, aber in ihrem eigenen Stil – und unsere Texte haben jetzt Melodys Stil.

Als Künstler seid Ihr natürlich Persönlichkeiten mit eigenen Meinungen. Wie habt ihr als Künstler mit Laura Junghanns, der Regisseurin, zusammengearbeitet?

René: Wir haben Laura von Beginn an gesagt: Wir schreiben ganze Songs, aber du kannst dir das raussuchen, was du haben möchtest, also auch nur Samples, Teile oder Ambiences für die Spielszenen. So gibt es bei manchen Szenen nur Gitarre, bei anderen nur Keys, bei anderen Drums, und und und. Das entscheidet Laura und das finden wir auch gut. Klar, wir hätten die Elemente bestimmt auch anders eingesetzt, aber sie hat den Überblick über alles, was auf der Bühne geschieht und trifft im Sinne des Stücks die besseren Entscheidungen.

„Orlando, der lebende Poet“

Bei den Aufführungen seid ihr immer mit auf der Bühne. Inwiefern unterscheidet sich eure Performance im Stück von einem Konzert?

René: Erst mal bin ich fasziniert von der Fähigkeit der Spieler, wie präzise sie Vorgänge wiederholen können. Bei einer Live-Show als Band muss ich das nicht machen, da ist mehr Luft, die Tagesstimmung einfließen zu lassen. Im Rahmen eines Stückes geht das natürlich nicht in dem Maße, weil wir uns an Absprachen halten müssen und dem Stück „dienen“ – auch wenn Laura uns als den vierten und fünften Darsteller bezeichnet. Aber ein bisschen Freiheit ist im Theater ja immer mit dabei. Das ist der Zauber des Theaters.

Ekkehard Freye
Friederike Tiefenbacher

Die Figur Orlando durchlebt verschiedene Wandlungen im Verlauf des Romans, es geht um Identitäten und damit zusammenhängende weitere Fragen. „Und nun, und wer, Orlando“ heißt es im Stück wie im Roman. Wenn ich Euch nach inzwischen 6 Wochen Proben nun frage „Und nun, und wer, aniYo kore“ – wie habt Ihr euch verändert?

Beide: Gute Frage.

René: Tatsächlich haben wir uns vor Beginn der Proben dazu entschlossen, uns voll und ganz auf die Musik zu konzentrieren und unsere „Brotjobs“ zu schmeißen. Daher ist das für uns auch ein Wandel. Und ich merke, wie ich es genieße, diese Freiheit zu haben. Vielleicht bin ich gerade Orlando, der lebende Poet.

Melody: Im und mit dem Theater sehe ich mich jetzt auch wesentlich mehr als Künstlerin als vorher, ich habe mich einfach frei machen können von dem gewöhnlichen System, das eher auf Nutzen ausgerichtet ist. Es tut uns als Band ausschließlich gut.

René: Jetzt ist Januar 2018, im Februar kommen wir mit dem Album raus, das wir zu „Orlando“ aufgenommen haben. Das konnten wir nur unter diesen Bedingungen so schnell machen. Wir haben dadurch jetzt auch eine neue Live-Show, die wir als Band spielen können. Und last but not least haben wir durch die Proben auch technisch viel dazugelernt. Wir können einfach aus den Vollen schöpfen durch die Konzentration auf die musikalische Arbeit – so haben wir beispielsweise den zweistimmigen Gesang neu entwickelt, in der Form gab es das bei uns vorher noch nicht, da war immer Melody allein die Singstimme.

Klingt nach einer rundum zufriedenen Band. Wollt ihr noch etwas loswerden?

Melody: Kommt euch „Orlando“ angucken!

Das Album „Wild Geese“ von aniYo kore zur Inszenierung „Orlando“ kann an den Vorstellungsterminen zum Preis von 12 Euro im Foyer des Schauspiels erworben werden.

NEU IM ENSEMBLE: CHRISTIAN FREUND

„Sich fühlbar einbringen in die Konstruktion einer Stadt“

Neu im Ensemble: Christian Freund

Unsere Ensemble-Neuzugänge im Interview


Zu Beginn der Saison 2017/18 gibt es neue Gesichter am Schauspiel Dortmund zu entdecken: Die Schauspieler Alexandra Sinelnikova und Christian Freund kommen neu ins Ensemble. Beide sind Absolventen der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig und waren zuletzt zwei Jahre am Schauspielstudio in Dresden. Hier im Blog stellen wir Alexandra und Christian mit Interviews vor – nach dem Interview mit Alexandra nun Christian Freund.
Christian Freund wurde 1990 in Lüdenscheid geboren. Nach dem Abitur studierte er in Bochum Physik, Erziehungswissenschaften und Germanistik. Während des Studiums spielte er am Schauspielhaus Bochum und am Rottstraße 5 Theater Bochum, wo er zusätzlich als Licht- und Tontechniker arbeitete. 2013 begann er sein Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig. Seit der Spielzeit 2015/16 war er Mitglied des Schauspielstudios Dresden am Staatsschauspiel Dresden. Die Wiedervereinigung der beiden Koreas war seine erste Arbeit am Schauspiel Dortmund.

Du bist im Sauerland geboren, hast in Herne und Bochum gewohnt, bevor es Dich nach Leipzig zum Studium verschlagen hat. Nach Leipzig und Dresden jetzt also Dortmund – freust du dich wieder in deiner Heimat angekommen zu sein? Gibt es etwas, auf das du dich besonders freust? Ich hab hier viele Freunde und kenn mich aus, meine Familie wohnt hier. Da ist es schon schön wieder zurückzukommen. In manchen Momenten aber auch absurd, weil es mich beeindruckt, wie viele Erinnerungen für mich an diesen Orten hier hängen und weil ich jetzt vier Jahre lang weg war, in denen ich immer neue Orte kennengelernt habe. Und plötzlich sind da wieder die alten Orte, und das hat sich kurz wie ein Rückschritt angefühlt, in eine Vergangenheit, die aber halt auch die Zukunft ist. Als ich das begriffen hab, so im Februar, da hab ich mich sehr gefreut, wieder hier zu sein. Ich freue mich in Dortmund zu sein, weil ich die Stadt noch nicht so gut kenne wie zum Beispiel das Sauerland, wo ich auch groß geworden bin, oder Herne oder Bochum, wo ich fünf Jahre gewohnt hab. Das ist schön, in der Heimat Neues zu entdecken.

Was war deine Reaktion als du gehört hast: Die Dortmunder, die wollen mich? Das war ein sehr verrückter Moment: Es war der 12.12., abends um halb 10. Ich war in Bochum mit zwei Freunden aus meinem Jahrgang, die im Studio in Halle waren und am selben Tag auch in Dortmund vorgesprochen hatten, und dann kam dieser Anruf und ich war zuerst völlig sprachlos. Dortmund war das Theater, wo ich am liebsten hinwollte, und ich bin auf der einen Seite innerlich explodiert und auf der anderen Seite wusste ich nicht, wie ich das meinen Freunden sagen sollte, weil die auch gerne nach Dortmund gegangen wären. Und dann hab ich leise gesagt: „Ich muss euch was sagen. Dortmund hat mich gerade angerufen, die wollen mich.“ Erst haben die beiden es gar nicht realisiert und dann war es eine ganz absurde Stimmung, sie haben mich umarmt und gesagt, dass es sie sehr freut. Und das habe ich ihnen geglaubt und ich glaube auch, dass ich geweint habe, und dann hab ich erstmal ne Runde ausgegeben. Und am nächsten Tag sicherheitshalber nochmal im Schauspiel Dortmund angerufen und gefragt, ob das denn auch wirklich stimmt oder ob ich mir das nur eingebildet habe – und seitdem habe ich irgendwie dieses Glucksen im Bauch.

Christian Freund (mittig) in „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ (Foto: Birgit Hupfeld)

Du warst zuletzt zwei Jahre als Schauspielstudent am Schauspielstudio Dresden – was hat es damit auf sich, was hast Du da gemacht und gelernt? Zwei Jahre verbringt man in Leipzig, sozusagen die Grundausbildung: Sprechen, Singen, Akrobatik, Fechten, Tanzen, Yoga, Grundlagenseminar Schauspiel, Szenenstudien, Monologe, die man manchmal mit, manchmal ohne Dozenten erarbeitet – und dann zwischendurch Workshops, Improvisation, Filmschauspiel oder Ensembletraining. Nach diesen zwei Jahren wird der Jahrgang geteilt, die folgenden zwei Jahre verbringen die Studierenden in der Praxis an einem Schauspielhaus. Da hat man aber auch noch weiter Unterricht. Leipzig hat insgesamt vier Studios: Halle, Dresden und Köln, Leipzig. Die wechseln sich alle zwei Jahre ab: Entweder Halle oder Dresden und Leipzig oder Köln. Ich war jetzt zwei Jahre in Dresden und hab da viele Leute kennengelernt, in mehreren Stücken mitgespielt, u.a. in „Hamlet“, „Nathan der Weise“, „Michael Kohlhaas“ und auch Regie geführt bei der Bürgerbühne – das ist eine eigene Sparte in Dresden, bei der ausschließlich Laien auf der Bühne stehen.

Unser zweiter „Neuzugang“ Alexandra Sinelnikova hat mit dir studiert und war auch am Studio Dresden – ein willkommener Zufall, dass ihr weiter gemeinsam arbeiten könnt? Ja, ich freue mich sehr darüber und Alex auch. Sie ist toll. Als Mensch und als Schauspielerin.

Hast Du Lieblingsautoren oder -rollen, die du unbedingt mal spielen möchtest? Ich sehe Theater politisch und finde, da ist es dann egal, welche Rolle man spielt. Das Theatermachen an sich muss eine Rolle spielen, das sollte sich fühlbar einbringen in die Konstruktion einer Stadt. Aber im klassischen Sinn von Rolle: Ich habe mal Liliom von Molnár gespielt, das war toll, Ivanov von Anton Tschechow finde ich auch sehr interessant oder Hamlet. Aber es gibt noch so viele andere großartige Texte und Stücke, beispielsweise von Koltès, Genet, Beckett, Heiner Müller, Michaux, Kafka, Dostojewski und ganz vielen anderen. Da ist es mir egal, welche Rolle ich habe, da spiele ich einfach gerne mit, weil die Sprache so gut schmeckt und die Zustände, Handlungen und Figuren so spannend sind.

Christian Freund (rechts, neben Julia Schubert und Sebastian Kuschmann) in „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ (Foto: Birgit Hupfeld)

Was würdest Du sagen: Warum sollten die Menschen ins Theater gehen – außer um Geschichten zu sehen? Theater ist für mich im besten Fall ein Ereignis. Und das ist etwas anderes als die Bilderflut, die unsere Wirklichkeit ausmacht. Das ist etwas ganz Besonderes, das ist Auseinandersetzung auf einer anderen Ebene. Die kann man sonst nirgends im Leben haben.

Du hast ja bereits Deinen Dortmunder Einstand in „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ im Megastore gefeiert. In der kommenden Saison geht es wieder ins Schauspielhaus – findest Du es schade, dass Du die Megastore-Zeit des Schauspiel Dortmund nur am Ende mitbekommst? Ich freue mich, die Megastore-Zeit noch miterleben zu dürfen, aber genauso freue ich mich, im Schauspielhaus zu spielen. Das ist eh alles ein großes Abenteuer für mich.

Und wie sind die neuen Ensemble-Kollegen so? Wunderschön, sehr intelligent und unglaublich herzlich. Im Ernst, ich mag’s jetzt schon unglaublich gerne hier zu sein mit so tollen Menschen und freue mich auf zwei aufregende Jahre. Und besonders auf die Dortmunder.


Christian Freund ist in Übergewicht, unwichtig: Unform (Regie: Johannes Lepper, ab 17.12) sowie Der Theatermacher zu sehen (Regie: Kay Voges, ab 30.12.).

DIE HOCHZEIT ZU KANA

„Die Hochzeit zu Kana“ ist eine Wundergeschichte aus dem Evangelium des Johannes und zugleich der Titel eines Gemäldes des italienischen Malers Paolo Caliari, genannt Veronese, aus dem Jahr 1563.

Das Johannes-Evengelium berichtet von Jesus, der in Begleitung seiner Jünger und seiner Mutter Maria Gast einer Hochzeitsfeier ist. Als der Wein zur Neige geht, fordert Maria ihren Sohn auf zu helfen. Der weist die Diener an, zur Reinigung bestimmte Wasserkrüge mit Wasser zu füllen. Als der erste davon kostet, ist es zu Wein geworden. Die „Wundererzählung“ dient als Zeichen, mit dem Jesus als Sohn Gottes und Messias gekennzeichnet wird.

„Am dritten Tag wurde in Kana in Galiläa eine Hochzeit gefeiert. Die Mutter von Jesus war dabei, und auch Jesus war mit seinen Jüngern dazu eingeladen. Als der Weinvorrat zu Ende war, sagte seine Mutter zu ihm: »Sie haben keinen Wein mehr!« Jesus erwiderte ihr: »Frau, das ist meine Sache, nicht deine! Meine Stunde ist noch nicht gekommen.« Da wandte sich seine Mutter an die Diener und sagte: »Tut alles, was er euch befiehlt!« Im Haus standen sechs Wasserkrüge aus Stein, von denen jeder etwa hundert Liter fasste. Man brauchte sie wegen der Reinigung, die das Gesetz vorschreibt. Jesus sagte zu den Dienern: »Füllt diese Krüge mit Wasser!« Sie füllten sie bis an den Rand. Dann befahl er ihnen: »Jetzt nehmt eine Probe davon und bringt sie dem Mann, der für das Festessen verantwortlich ist.« Sie brachten ihm eine Probe, und er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher dieser Wein kam; nur die Diener, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Er rief den Bräutigam zu sich und sagte: »Jeder bringt doch zuerst den guten Wein auf den Tisch, und wenn die Gäste schon reichlich getrunken haben, folgt der schlechtere. Aber du hast den guten Wein bis zuletzt aufgehoben!« So vollbrachte Jesus in Kana in Galiläa sein erstes Wunderzeichen und offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger kamen zum Glauben an ihn.“

Johannes 2, 1-11, Gute Nachricht Bibel

Das Gemälde Veroneses beruht auf dem Motiv der biblischen Geschichte, geht jedoch darüber hinaus: Jesus befindet sich im Zentrum eines opulenten Festmahls, Maria und seine Jünger sitzen an seiner Seite. Daneben sind zahlreiche weitere Menschen abgebildet: Gäste, Musiker und auch Bedienstete. Das Fest findet im Freien in einer von Säulen geprägten, antik anmutenden Stadtlandschaft statt, die von einem frei stehenden Glockenturm überragt ist – ein Verweis auf die Architekturideale der Entstehungszeit. Aufgrund seines Detailreichtums und der hohen Anzahl abgebildeter Personen erinnert das Gemälde an ein heutiges sogenanntes „Wimmelbild“.

Ursprünglich wurde das Gemälde für den Speisesaal eines venezianischen Klosters gefertigt. Ende des 18. Jahrhunderts gelangte es nach Frankreich. Das mit einer Abmessung von 9,94 x 6,77 Metern sehr große Gemälde hängt heute im Pariser Louvre.

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PAOLO MAGELLI IM GESPRÄCH

„Schade, dass es uns so geht, aber schön ist es trotzdem.“

Paolo Magelli inszeniert Joël Pommerats Die Wiedervereinigung der beiden Koreas. Warum er das Stück so liebt, verrät er hier.

Der Welterfolg von Joel Pommerat – das große Stück über die Liebe. Tickets gibt’s hier!


„Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ – ein metaphorischer, ja vielleicht sogar etwas kryptischer Titel. Was hat es damit auf sich?

Die Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea ist ein Spiel mit der Unmöglichkeit einer Verbindung. Aber natürlich ist der Titel allegorisch zu verstehen: Dieses Stück ist wie drei Scheiben Brot. Eine ist das Leben, in der Mitte ist die Liebe und die andere Scheibe ist die unentrinnbare Wahrheit unserer Existenz, der Tod. Diese drei Scheiben gehören zusammen und sie interagieren die ganze Zeit als Thema miteinander. Vielleicht ist es ein bisschen einfach, das so zu erklären. Aber ich finde es ein sehr interessantes Stück, das zugleich einfach und kompliziert ist. Kompliziert, weil es viele Referenzen aufweist und viele Echos aus der Theatergeschichte anklingen. Denn Pommerat ist ein sehr erfahrener Regisseur und Autor, der viel Hintergrundwissen hat.

Paolo Magelli

Das Stück verfolgt keine lineare Handlung. Ist es für dich eine Szenen-Collage um ein bestimmtes Thema?

Es ist alles andere als eine Collage. Collage hieße, dass es bewusst zusammengestellt ist. Ich vergleiche es eher mit einem Fenster-Mosaik: Wenn man in einer schönen Kirche ist und die Sonne scheint durch ein Fenster herein, dann werden verschiedene Farben sichtbar, in denen man langsam ein Bild erkennt. Ich glaube, dass Pommerat mehr in diese Richtung geschrieben hat, ohne vorab einen genauen Plan zu haben, wie er die Szenen zusammenfügt. Es gibt eine grundlegende Idee des Stücks, das Selbstgespräch am Anfang. Darin wird die Frage gestellt: „Wer bin ich und warum bin ich so unglücklich?“ Nach dieser Eröffnung hat Pommerat den Mut gehabt, keine Antworten zu finden, sondern weiter Fragen zu stellen. Die Szenen sind eigentlich eine Reihe von Fragen. Pommerat sucht permanent Fragen in sich mit dem Bewusstsein, dass er keine Antworten auf diese Fragen geben kann. Und das ist eine große Qualität.

Sind das Fragen an das Leben, die Liebe oder den Tod oder bedingt sich alles gegenseitig?

Es bedingt sich alles gegenseitig. Ich würde das Stück nicht nur auf das Leben, die Liebe oder den Tod reduzieren. Das wäre ein großer Fehler. Es gibt ein innerliches Gleichgewicht. Beispielsweise in der Hochzeits-Szene: Da sieht man vor allem das Leben und die Liebe, aber dieser Mann, der im Zentrum steht, der ist so allein, dass durch ihn das Ende des Daseins erkennbar wird. Während der Arbeit an dem Stück muss man darauf achten, dass man alle drei Seiten berücksichtigt.

Uwe Schmieder, Frank Genser, Friederike Tiefenbacher

Leben, Liebe, Tod sind ja universelle Fragen, die das Theater immer wieder stellt. Vielleicht hat auch das Anteil am internationalen Erfolg. Wir haben hier in Dortmund ja auch eine internationale Konstellation: Französisches Stück trifft auf italienischen Regisseur an einem deutschen Theater. Glaubst du, dass sich ein Stück wie „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ besonders dafür eignet, einen internationalen Erfolg zu haben?

Absolut. Ich würde das Stück auch gerne noch einmal inszenieren, in einem anderen Land und Kulturkreis. Ich bin einfach neugierig zu sehen, wie die kulturelle Rezeption dann aussieht, was für Resonanzräume das Stück woanders hat. In vielen Kunstwerken geht es um die drei Themen Leben, Liebe und Tod. Nicht nur im Theater, auch in der Literatur, in der Malerei, in der Kunst überhaupt – ohne Bewusstsein dieser drei universellen Themen gibt es keine innerliche Bewegung. Das Stück spricht ganz offen über diese drei Komplexe, wie ein Kind – im Gegensatz zu anderen Kunstwerken, in denen man sie erst entdecken muss. Ich glaube, dass es kein großes Kunstwerk ohne diese drei Wahrheiten gibt.

Der Tod spielt in deiner Inszenierung eine wichtige Rolle – inwiefern?

Bei den angesprochenen drei Themen hat der Tod als Ende einer Reise natürlich ein besonderes Gewicht und eine besondere Präsenz. Liebe und Leben sind immer in Bewegung, der Tod ist immer ein Punkt. Aber der Tod ist nicht unser Ziel, sondern der Weg ist das Ziel. Der Tod ist das Ende, das für alle gleich ist.

Manche Szenen erinnern an andere Autoren und Stücke. Pommerat selbst hat in einem Interview gesagt, dass das für ihn Autoren wie Bergman, Tschechow und Schnitzler sind. Wer ist es für dich?

Bergman und Tschechow sicher, aber ich finde nicht maßgeblich. Die Hochzeits-Szene beispielsweise erinnert mich mehr an Gogol oder auch den jungen Brecht einer „Kleinbürgerhochzeit“ oder eines „Baal“. Jede Szene hat ihre eigenen Referenzen und Geschmack. Ich sehe weniger Schnitzler, aber insgesamt schon mehr Anklänge an die deutsche Literatur als Pommerat selbst. Natürlich haben mich diese Referenzen interessiert. Beispielsweise Horváth oder Wedekind oder Fassbinder. Wenn man das Stück macht, dann muss man das spüren, aber nicht direkt ausdrücken wollen als direkte Referenz oder Zitat. Das Stück ist eine Reise in unsere Kultur und ihren Hintergrund. Auch deswegen hat es so großen Erfolg. Pommerat spricht mit großem Bewusstsein zum einen die Zuschauer an, die bereits Einiges gesehen und gelesen haben. Sie können die Referenzen in der Theatergeschichte erkennen. Aber natürlich lässt sich das Stück auch ohne dieses Hintergrundwissen genießen. Pommerat hat schließlich etwas Neues und Eigenes geschaffen. Die Echos sind da – aber wie äußert sich ein Echo?

Marlena Keil, Ekkehard Freye, Caroline Hanke, Merle Wasmuth, Sebastian Kuschmann, Julia Schubert (v.l.n.r.)

Die Süddeutsche Zeitung hat über das Stück geschrieben, es habe „Kultpotenzial“. Wie stehst du dazu?

Für mich ist es einfach ein gutes, klares Stück. Was mich daran so beeindruckt, ist seine geistige „Unschuldigkeit“, mit der es verschiedenste Genres verbindet. Wenn Pommerat bewusst entschieden hätte, ein bisschen Komödie und ein bisschen Tragödie zusammenzustellen wie nach einem Rezept, dann wäre es nicht so interessant. Denn das Stück ist kein Rezept. Hier hat jemand die Entscheidung getroffen, etwas zu erzählen. Aber die Erzählweise ist total unschuldig und neugierig, das ist das größte Potential.

Transportiert das Stück für Dich eine zentrale Botschaft?

Ich glaube, Botschaften bekommt man per Post und nicht im Theater. Pommerat sagt eigentlich: Schade, dass es uns so geht, aber trotzdem ist es schön. Das Leben ist wie ein Tal von Tränen, aber in diesem Tal weine ich sehr gerne. Von diesem schwarzen Humor hat das Stück sehr viel. 


Fotos: Birgit Hupfeld

KALEIDOSKOP DER LEIDENSCHAFTEN

Kaleidoskop der Leidenschaften

Joel Pommerats großes Ensemblestück „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ ab April im MEGASTORE

Das große Ensemblestück endlich in Dortmund! Schauspieler-Theater vom Feinsten! Zehn Schauspieler in mehr als 50 Rollen!

Anders als der Titel vermuten lässt, geht es in Joël Pommerats Erfolgsstück um ganz etwas anderes als Politik: nämlich um die Liebe. Der Star der französischen Theaterszene hat mit Die Wiedervereinigung der beiden Koreas einen internationalen Coup gelandet: In seinem szenischen Kaleidoskop aus 20 Szenen beleuchtet er die poetischen, humorvollen und dramatischen Hintergründe der schönsten Sache der Welt – der Liebe.

v.l.n.r.: Julia Schubert, Merle Wasmuth, Marlena Keil, Sebastian Kuschmann, Caroline Hanke, Ekkehard Freye, Friederike Tiefenbacher (Foto: Birgit Hupfeld)

Statt einer geschlossenen Dramaturgie erleben wir Szenen mit wechselndem Personal. Dadurch bietet das Stück Stoff für zahlreiche große Rollen, die den Zuschauer mit der Liebe in allen möglichen und unmöglichen Konstellationen begegnen lässt: Ein Mann liebt eine Frau. Oder: Ein Mann liebt zwei Frauen. Oder: Eine Frau liebt zwei Männer. Oder auch: Ein Bräutigam, der nicht nur seine Braut, sondern auch ihre gesamte weibliche Verwandtschaft geküsst hat. Oder: Die Geschichte von einer Prostituierten und einem Pfarrer. Oder: Ein kinderloses Paar und ein Babysitter. Oder, oder, oder… Ist Liebe wirklich so unmöglich wie die  „Wiedervereinigung der beiden Koreas“?

Aus alltäglichen Beobachtungen und Anekdoten entwickelt Pommerat locker verbundene Momentaufnahmen, die mit Leichtigkeit und Leidenschaft in ihren Bann ziehen. Das Stück changiert dabei gekonnt zwischen den Genres: Von absurder Komödie wechselt es meisterhaft zu tief berührender Tragödie. Dabei erinnern die Szenen nicht selten an große Theaterautoren: an die abgründige Tiefe eines Beckett, die melancholische Leichtigkeit eines Horváth oder die tragische Absurdität von Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf? – und dabei ist das Stück doch ganz eigen. Für das Dortmunder Publikum und das Ensemble zugleich ein gefundenes Fressen: Wann bietet sich schon die Möglichkeit die Schauspieler in so vielfältigen Rollen zu erleben?

Regie führt der große Schauspiel-Regisseur Paolo Magelli, der an zahlreichen internationalen Bühnen von Italien über Zagreb bis Belgrad Erfolge feierte. In Dortmund brachte er zuletzt Elektra nach Euripides und Leonce und Lena in der Dortmunder Phoenix-Halle zur Aufführung. Auf der Bühne stehen Ekkehard Freye, Frank Genser, Caroline Hanke, Marlena Keil, Sebastian Kuschmann, Uwe Schmieder, Julia Schubert, Friederike Tiefenbacher, Merle Wasmuth und: Neuzugang und künftiges Ensemblemitglied Christian Freund. Bühnenbildner ist Christoph Ernst, die Kostüme entwirft Mona Ulrich.                                


Termine: 8. April (Premiere), 15., 28. April, jeweils 19.30 Uhr, sowie weitere Termine bis Juli im Megastore (Felicitasstr. 2, Dortmund-Hörde)

 

 

DIE WIDERSPRÜCHE DER WELT MACHEN KEINEN HALT VOR DER KÜCHE

Regisseur Sascha Hawemann im Interview

Du inszenierst „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ von Bertolt Brecht. Beim Namen Brecht schwingen ja immer eine ganze Menge Emotionen, Haltungen und Erwartungen mit. Wie ist Deine Herangehensweise an den Text?

Das erste war Widerwille. Zu oft wurde ich mit Brecht in der Schule und im Elternhaus gegängelt. Irgendwie war er für mich immer diese nüchterne, kühle, kopfige DDR. Zu Hause stapelten sich seine Bücher, Portäts. Die Schallplattenecke gehörte Brecht, Busch und  Dessau, höchstens noch Pink Floyd von meiner Mutter. Meine Pistols und UK Subs hatten da keine Platz und wurden immer aus der Ecke entfernt.
Er stand eigentlich immer im Weg.
Später entdeckte ich den jungen Brecht, den 20iger Jahre Punk im Ledermantel, Klampfe in der Hand Pono und Anarchosongs singend, unheroisch, ‚unvölkisch‘, subkulturell durch Berlin streunend. Das hat mich ein wenig versöhnt. Das habe ich verstanden. Da wurde aus ihm ein Mensch und nicht mehr bloß diese Überfigur. Lieben tue ich ihn als Lyriker und Theatertheoretiker, als Stückeschreiber bleibt er fremde Heimat, aber eben doch Heimat. Man muss sich an ihr abarbeiten, man mag sie nicht und schätzt sie wohl, mal will man sie verlassen und bleibt dann doch.
Kurioserweise passiert mir das, was eine von Brechts wichtigsten Forderungen ans Theatermachen und Denken ist: Die Welt in ihren Widersprüchen zeigen. Wir leben in Widersprüchen, der Bertolt Brecht und ich. Ohne ihn würde es mich nicht geben, denn meine Mutter verliebte sich in den Sechzigern in einen jungen Mann mit Kurzhaarfrusur, Ledermantel, schlecht zur Klampfe singend und Zigarre rauchend, meinen Vater.

Uwe Schmieder
Uwe Schmieder; Foto: Birgit Hupfeld

Brecht betitelte das Stück in einem frühen Entwurf „Die Angst. Seelischer Aufschwung des deutschen Volkes unter der Naziherrschaft“, imamerikanischen Exil erarbeitete er eine Bühnenfassung für die USA und überschrieb sie mit „The Private Life of the Master Race“. Welche Rolle  spielen diese Titel für Dich?

Eigentlich interpretiere/interessiere/inszeniere ich das Stück diesbezüglich, nenne es auch so: Angst. Deutsches Volk. Naziherrschaft. Private Life of the Master Race. Ein deutsches Gräuelmärchen. Die agitatorische Strenge von „Furcht und Elend“ hat Brecht ja erst später titelgebend festgelegt. Aus assoziativ gedachtem Material, einer ‚großdeutschen‘ Wucherung, wurde im Nachhinein ein Tendenzstück. Wie so oft hat Brecht im Nachhinein das Unvollkommene, das Widersprüchliche kanonisiert. Egalitär begegnen sich Alptraum, Clownsspiel, Psychologie und Agitprop, Realismus und Groteske. Brecht zwingt einen nicht in Strukturen, Notate sind kein Diktat.
Verfremdung kein Muss. Eine Haltung zur Welt, zum Faschismus, Totalitarismus – der auch kapitalistisch/neoliberal sein kann – fordert Brecht ein, jedoch kein unlebendiges Parolentheater.

Brechts Collage versammelt Szenen, in denen sich der Aufstieg der NS-Herrschaft im alltäglichen Leben der Menschen niederschlägt. Angst, Verdächtigungen und Verrat bahnen sich ihren Weg bis in den Mikrokosmoszwischenmenschlicher Beziehungen. Eine Entwicklung, die sich auch auf das Heute übertragen lässt?

Da bin ich wohl widerwillig Brechtianer: Die Widersprüche der Welt machen doch keinen Halt vor der Küche. Der Terror der Straßenecke schläft im gemeinsamen Ehe-Bett. Die Faust im Gesicht der Frau gilt vielleicht dem fleißigen rumänischen Arbeitskollegen. Die Nackenschmerzen stammen vielleicht aus Aleppo. Die Angst vor der Welt gebiert den Wunsch nach Diktatur. Nach Vereinfachung. Die Herrschaft über die Familie – das letzte Bollwerk infrage gestellter Männlichkeit. Dialektik von Haben und Sein bestimmen nach wie vor unser Sozialverhalten.
Obwohl wir besoffen gemacht werden mit Thesen von posthistorischer, postfaktischer und anderer Post-Welt, kranken unsere emotionalen, sexuellen und geistigen Beziehungen an dem Draußen vor der Tür. Meine Lust starb als Jugoslawien brannte, kehrte wieder als Jahre später die Friedhofsruhe einkehrte.

Carlos Lobo Frank Genser Bettina Lieder Uwe Schmieder Alexander Xell Dafov
Carlos Lobo, Frank Genser, Bettina Lieder, Uwe Schmieder, Alexander Xell Dafov; Foto: Birgit Hupfeld

Es liegen insgesamt 30 Szenen vor, die Brecht dem Stück im Laufe seiner Entstehung zuordnete. Wie geht man mit dieser Fülle an Material um? Wie hast Du die Auswahl getroffen?

Ich habe mich für die privaten Szenen entschieden, in denen sich Frau und Mann, Eltern und Kind, junge und alte Paare, Freunde und Familie begegnen. Die im Stück vorkommenden Szenen totalitär-staatlicher Gewalt und Repression finden auch signifikant statt, sind in aber in der Stückfassung der ‚Krebs im Privatkörper‘, das Bild. Kopfkino. Das Konzentrationslager – ein Tumor im Kopf. Der Totschlag lauert im Kinderzimmer. Unter dem Weihnachtsbaum brennt eine Stadt.
Der Versuch besteht darin, durch das Private direkter mit Lebenserfahrungen des Zuschauers zu interagieren, ihn nicht zu entlassen in Historizismus und Drittes-Reich-Folklore. Das Dritte Reich in Farbe ist ein SpiegelTV-Knüller, im Theater eher ein Hemmnis für Rezeption. Ich bin da keine Ausnahme – wenn ich eine Nazi-Uniform sehe, atme ich befreit auf: Das war einmal – ich brauche viele Umwege, um das Dahinter, das Heute zuzulassen.

Fiederike Tiefenbacher Frank Genser Raafat Daboul Merle Wasmuth Carlos Lobo Bettina Lieder Maximilian Lindemann
Fiederike Tiefenbacher, Frank Genser, Raafat Daboul, Merle Wasmuth, Carlos Lobo, Bettina Lieder, Maximilian Lindemann; Foto: Birgit Hupfeld

In seinem Essay „Über experimentelles Theater“ schrieb Brecht: „Dieser Mensch ist so und so, weil die Verhältnisse so und so sind. Und die Verhältnisse sind so und so, weil der Mensch so und so ist.“ Für Brecht ist der Mensch also jemand, der aktiv Einfluss auf seine Umwelt nehmen und sie verändern kann. Inwiefern hat das für dich eine Rolle für Deine Inszenierung gespielt?

Eigentlich geht es hier um Dialektik, den Reichtum widersprüchlichen Denkens, und politisches Theater – und das ist für mich immer eine grundsätzliche Frage für meine Arbeit. Für die Inszenierung interessant ist es weil das „So“ einer Szene das „So“ einer anderen hervorruft und bedingt. Das Stück wird zu einem Körper, ist keine theoretische Montagehalle. Figuren korrespondieren miteinander, sind ein Gewebe, sprich: Man sieht/ahnt durchgehende Figuren und Geschichten, verfolgt Lebenswege und Entwürfe. Das ist im Verhältnis zur eigentlichen Stückstruktur eine große Intervention, der Versuch des Verbindens entgegen dem Agitkaleidoskop.

Die Fragen stellte Dirk Baumann.

 

„WAS WILL MAN EIGENTLICH MEHR?“ – PHILIPPE HEULE IM INTERVIEW

Philippe Heule

Der Schweizer Dramatiker Philippe Heule im Interview mit Dramaturg Dirk Baumann


Dein Stück „Die Simulanten“ lässt fünf Menschen in einem Raum aufeinandertreffen. Sie wissen nicht, wie sie dort hingekommen sind oder wie sie dort wieder herauskommen sollen. Wie würdest Du diese Anordnung beschreiben?

Ich habe nach einer Situation gesucht, die meine Wahrnehmung der Welt reflektiert: Es ist ein Raum, in den die Figuren einfach hineingeworfen werden. So wie man als Mensch ja auch einfach auf die Welt geworfen wird und nicht genau weiß, was man hier macht. Gleichzeitig hat mich der Theaterraum als Therapieraum bzw. als Ort der Reflexion interessiert. Im Falle der „Simulanten“ eher eine hysterische Reflexion, die nirgendwo genau hinführt.

Hast Du bei den fünf Figuren ein bestimmtes Bild vor Augen gehabt?

Im Schreibprozess war mir der Zustand und die Situation wichtiger als die Frage, was das für Figuren sind. Ich wollte einen Lebensstil einfangen, dieses Gefühl nie irgendwo anzukommen und die Situation, dass immer mehr Menschen Fernbeziehungen führen, auch in meinem eigenen Umfeld. Und dann haben sich Tendenzen gebildet, die ich auf fünf Sprecher verteilt habe. Aber vom Text selbst her würde ich erstmal nicht von Figuren sprechen. „WAS WILL MAN EIGENTLICH MEHR?“ – PHILIPPE HEULE IM INTERVIEW weiterlesen

„STRATEGIEN, DIE WELT ZU RETTEN“ – EIN GESPRÄCH MIT CLAUDIA BAUER

Claudia Bauer

Regisseurin Claudia Bauer im Interview mit Dramaturg Dirk Baumann


„Die Simulanten“ ist das erste Stück des jungen Schweizer Dramatikers Philippe Heule. Wie bist Du darauf aufmerksam geworden?

Ich bin eigentlich ganz klassisch darauf aufmerksam geworden. Ich habe in der Broschüre des Henschel Verlags die Beschreibung gelesen, in der stand, dass Menschen an einem Ort ohne Wiederkehr den Weltklimagipfel simulieren. Das fand ich eine so bemerkenswerte Beschreibung, dass ich das Stück dann gleich gelesen habe.

Was ist für Dich das Interessante an diesem Stück?

Mich interessiert an dem Stück, dass es eine merkwürdige Art von Fegefeuer-, Zwischenwelt- oder Vorhöllensituation beschreibt, in der sich fünf Global Player plötzlich wiederfinden und verschiedene Strategien probieren, die Welt zu retten. Zu sehen, wie Menschen ohne Handyempfang, ohne Internet, ohne Nahrung, eigentlich nur ausgestattet mit 20 Stangen Marlboro und einer Sprinkleranlage, aus der sie trinken, wie sie in und trotz dieser ausweglosen Situation immer noch versuchen die Welt zu retten. Letztlich ist das vielleicht sogar ein Bild für den gesamten Planeten. „STRATEGIEN, DIE WELT ZU RETTEN“ – EIN GESPRÄCH MIT CLAUDIA BAUER weiterlesen

FOTOGALERIE: STERNMARSCH ZUM MEGASTORE

Das war der Sternmarsch, der Umzug des Schauspiel Dortmund in den MEGASTORE in der Felicitasstraße 2! Das Ensemble und Mitarbeiter zogen gemeinsam am 1. Februar vom Hiltropwall nach Hörde, um dem Schauspiel-Stern ein neues Zuhause zu geben. Ab sofort bespielt das Schauspiel Dortmund den Megastore in Hörde – und weiterhin das Studio am Hiltropwall. Die Bühne im Schauspielhaus kann wegen notwendiger Umbau-Maßnahmen vorläufig nicht bespirelt werden. Sehen Sie hier das Highlight der Bilder vom Sternmarsch!

 

DIE SHOW BEIM NACHTKRITIK THEATERTREFFEN DABEI

Nach einer Woche Abstimmungszeit hat es DIE SHOW – Ein Millionenspiel um Leben und Tod von Kay Voges, Alexander Kerlin und Anne-Kathrin Schulz unter die besten 10 aus 47 nominierten Inszenierungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum geschafft! Wir freuen uns sehr und möchten uns bei allen Freund*innen und Unterstützer*innen bedanken, die in den vergangenen Tagen fleißig für uns abgestimmt haben! DIE SHOW BEIM NACHTKRITIK THEATERTREFFEN DABEI weiterlesen