Alle Beiträge von Dirk Baumann

Über Dirk Baumann

Dirk Baumann ist seit der Spielzeit 2013/14 Dramaturg am Schauspiel Dortmund. Während des Studiums assistierte und hospitierte er u.a. am Burgtheater Wien, dem Theater an der Parkaue Berlin und am Staatstheater Kassel. Im Anschluss an sein Studium arbeitete er als Assistent und Dramaturg am Maxim Gorki Theater Berlin und der Komischen Oper Berlin, u.a. mit Armin Petras und Sebastian Baumgarten. Daneben entstanden in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Anja Gronau und der Theatergruppe PortFolio Inc. mehrere Inszenierungen und Stückentwicklungen am Berliner Theater unterm Dach, zuletzt "Untertan. Wir sind dein Volk". Es folgte ein Engagement als Regieassistent und Dramaturg am Deutschen Nationaltheater Weimar, hier entstand auch seine erste eigene Inszenierung "Kein Ort. Nirgends" nach Christa Wolf. In Dortmund arbeitet er u.a. regelmäßig mit den Regisseuren Claudia Bauer, Sascha Hawemann und Kay Voges zusammen. Außerdem initiierte er mit der Theaterpädagogin Sarah Jasinszczak die Reihe "Herbstakademie" für Jugendliche von 14 bis 21 Jahren.

NADIA SHEHADEH BEI BUTLER, BUTCH, BEYONCÉ #3

Nadia Shehadeh (privat)

++Programmänderung++ Statt Mithu Sanyal, wie ursprünglich geplant, wird die Autorin und Soziologin Nadia Shehadeh am 23. Januar um 20 Uhr zu Gast sein.

Das Thema ändert sich nicht; Shehadeh wird mit Moderatorin Laura N. Junghanns und dem Publikum zum Thema „Decolonial Feminism“ sprechen und Einblicke darin geben, wie die feministische Perspektive intersektional erweitert werden kann, was Feminismus mit Antirassismus zu tun hat und wie wir antifeministischen Tendenzen begegnen können.

Nadia Shehadeh arbeitet zu den Themenschwerpunkten Feminismus, Rassismus und Pop-Kultur. Sie ist Redaktionsmitglied des feministischen Blogs Mädchenmannschaft, mit dem sie u.a. den Podcast »Servicewüste Feminismus« produziert, außerdem ist sie Autorin einer Kolumne im Missy Magazine. Zu ihren letzten Veröffentlichungen zählte u.a. ein Buch-Beitrag in »Eure Heimat ist unser Albtraum«.

 

DER REVOLUTIONÄRE KATECHISMUS

von Sergej Netschajew

Die Pflichten des Revolutionärs sich selbst gegenüber

1. Der Revolutionär ist ein vom Schicksal verurteilter Mensch. Er hat keine persönlichen Interessen, keine geschäftlichen Beziehungen, keine Gefühle, keine seelischen Bindungen, keinen Besitz und keinen Namen. Alles in ihm wird von dem einzigen Gedanken an die Revolution und von der einzigen Leidenschaft für sie völlig in Anspruch genommen.
2. Der Revolutionär weiß, daß er in der Tiefe seines Wesens, nicht nur in Worten, sondern auch in Taten, alle Bande zerrissen hat, die ihn an die gesellschaftliche Ordnung und die zivilisierte Welt mit allen ihren Gesetzen, ihren moralischen Auffassungen und Gewohnheiten und mit allen ihren allgemein anerkannten Konventionen fesseln. Er ist ihr unversöhnlicher Feind, und wenn er weiterhin mit ihnen zusammenlebt, so nur deshalb, um sie schneller zu vernichten.
3. Der Revolutionär kennt nur eine Wissenschaft: die Wissenschaft der Zerstörung. Tag und Nacht befaßt er sich eingehend mit der allein wesentlichen Wissenschaft: mit dem Menschen, mit seinen entscheidenden Merkmalen und seinen Lebensumständen und allen Erscheinungen der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung. Das Ziel ist stets das gleiche: die sicherste und schnellste Methode, diese ganze verrottete Ordnung zu zerstören.
4. Der Revolutionär verachtet die öffentliche Meinung. Er verachtet und haßt das bestehende gesellschaftliche Moralgesetz in allen seinen Äußerungen. Für ihn ist Moral das, was zum Sieg der Revolution beiträgt. Unmoralisch und verbrecherisch ist hingegen alles, was diesem im Weg steht.
6. Tyrannisch gegenüber sich selber, muß er auch anderen gegenüber tyrannisch sein. Er muß all die sanften, schwächenden Gefühle der Verwandtschaft, Liebe, Freundschaft, Dankbarkeit und sogar der Ehre in sich unterdrücken und der eiskalten, zielstrebigen Leidenschaft für die Revolution Raum geben. Tag und Nacht darf er nur einen Gedanken haben, ein Ziel vor sich sehen — erbarmungslose Zerstörung. Während er unermüdlich und kaltblütig diesem Ziel zustrebt, muß er bereit sein, sich selber zu vernichten und mit seinen eigenen Händen alles zu vernichten, das der Revolution im Wege steht.
Zu allen Zeiten und an allen Orten darf der Revolutionär nicht etwa seinen persönlichen Impulsen gehorchen, sondern nur jenen, die der Sache der Revolution dienen.

Die Beziehungen des Revolutionärs zu seinen Genossen

Der wahre Revolutionär sollte sich selber als Kapital betrachten, das dem Triumph der Revolution geweiht ist; jedoch darf er ohne die einmütige Zustimmung aller vollkommen eingeweihten Genossen nicht persönlich und allein über dieses Kapital verfügen.
11. Ist ein Genosse in Gefahr und erhebt sich die Frage, ob er gerettet werden soll oder nicht, darf die Entscheidung nicht auf der Grundlage von Gefühlen gefällt werden, sondern einzig und allein nach den Gesichtspunkten des Interesses der revolutionären Sache.

Die Beziehungen des Revolutionärs zur Gesellschaft

13. Der Revolutionär dringt in die Welt des Staates, der privilegierten Klassen der sogenannten Zivilisation ein und lebt in dieser Welt nur zu dem Zweck, ihre rasche und totale Zerstörung herbeizuführen. Er ist kein Revolutionär, wenn er auch nur die geringste Sympathie für diese Welt aufbringt. Er sollte nicht zögern. irgendeine Stellung, einen Ort oder einen Mann auf dieser Welt zu zerstören. Er muß alle und alles in ihr mit dem gleichen Haß hassen. Um so schlimmer für ihn, wenn er irgendwelche Beziehungen zu Eltern, Freunden oder geliebten Wesen hat; läßt er sich von diesen Beziehungen ins Schwanken bringen, ist er kein Revolutionär mehr.
14. Mit dem Ziel der unversöhnlichen Revolution vor Augen wird der Revolutionär häufig innerhalb der Gesellschaft leben, er muß es sogar, während er vorgibt, ein ganz anderer zu sein als der, der er wirklich ist, denn er muß überall eindringen, in die höheren und mittleren Stände, in die Handeishäuser, die Kirchen und die Paläste der Aristokratie, und in die Welt der Bürokratie, der Literatur und des Militärs, und auch in die Dritte Abteilung und den Winterpalast des Zaren.
15. Genossen sollten eine Liste jener aufstellen, die nach der jeweiligen Schwere ihrer Verbrechen verurteilt werden sollten; und die Hinrichtungen sollten nach der ins Auge gefaßten Reihenfolge durchgeführt werden.
16. Auch ist es nicht nötig, den Haß zu beachten, der von diesen Leuten unter den Genossen oder beim Volk provoziert wird. Haß und das Gefühl der Empörung können sogar insoweit nützlich sein, als sie die Massen zur Erhebung aufreizen. Vor allem aber müssen jene, die der revolutionären Organisation besonders feindselig gegenüberstehen, vernichtet werden; ihr plötzlicher, gewaltsamer Tod wird in der Regierung die höchste Panik auslösen und dadurch, daß man ihre tüchtigsten und tatkräftigsten Anhänger um-brachte, ihr jeden Willen zum Handeln rauben.
18. Eine hohe Zahl von Rohlingen in hohen Stellungen, die sich weder durch Tüchtigkeit noch durch Energie hervorgetan haben, während sie sich dank ihres Ranges, ihres Reichtums, ihres Einflusses, ihrer Macht ihrer hohen Stellungen erfreuen können. Diese müssen auf jede nur mögliche Weise ausgebeutet werden; man muß sie in unsere Angelegenheiten verwikkeln und hineinziehen, ihre schmutzigen Geheimnisse müssen ausspioniert werden, und man muß sie in Sklaven verwandeln.
19. Der Revolutionär muß sich den Anschein geben, als arbeitete er mit ihnen zusammen, als folgte er ihnen blindlings, während er gleichzeitig ihre Geheimnisse ausspioniert, bis sie völlig in seiner Macht sind. Sie müssen so kompromittiert sein, daß es für sie keinen Ausweg gibt, und dann kann man sich ihrer bedienen, um im Staat Unordnung zu schaffen.

21. Frauen lassen sich in drei Gruppen aufteilen. Erstens jene frivolen, gedankenlosen, langweiligen Frauen, deren wir uns bedienen werden. Zweitens Frauen, die leidenschaftlich, tüchtig und hingebungsvoll sind, aber nicht zu uns gehören, weil sie noch keine leidenschaftslose, strenge, revolutionäre Erkenntnis entwickelt haben; sie muß man benutzen wie die Männer. Und schließlich gibt es die Frauen, die völlig auf unserer Seite stehen, das heißt jene, die sich ganz der Sache hingeben und unser Programm in seiner Gesamtheit anerkannt haben. Ohne ihre Hilfe bliebe uns der Erfolg versagt.

Die Einstellung der Gesellschaft gegenüber dem Volk

22. Die Gesellschaft hat kein anderes Ziel als die vollkommene Befreiung und die vollkommene Zufriedenheit der Massen, das heißt der Menschen, die von Hände-arbeit leben. In der Überzeugung, daß ihre Emanzipation und die Sicherstellung ihrer Zufriedenheit nur als Folge eines alles zerstörenden Volksaufstandes herbeigeführt werden können, wird die Gesellschaft alle ihre Mittel und ihre ganze Kraft darauf lenken, die Not und die Leiden des Volkes zu steigern und zu intensivieren, bis schließlich seine Geduld erschöpft ist und es zu einem allgemeinen Aufstand getrieben wird.
23. Unter Revolution versteht die Gesellschaft keinen in Ordnung sich vollziehenden Aufstand nach dem klassischen westlichen Vorbild. Die einzige Form einer Revolution, die dem Volk zugute kommt, ist die, die den gesamten Staat bis zu seinen Wurzeln hinab vernichtet und alle staatlichen Traditionen, Institutionen und Klassen in Rußland ausrottet.
24. Mit diesem Ziel vor Augen lehnt die Gesellschaft es daher ab, irgendeine neue Organisation von oben her dem Volk aufzuerlegen. Jede künftige Organisation wird sich zweifellos durch die Regsamkeit und das Leben des Volkes durchsetzen; aber das ist eine Angelegenheit, die künftige Generationen zu entscheiden haben werden. Unsere Aufgabe ist furchtbare, totale, universale und erbarmungslose Zerstörung.
25. Deshalb müssen wir, indem wir näher ans Volk heranrücken, vor allem mit jenen Elementen der Massen gemeinsame Sache machen, gegen alles protestieren, was mittelbar oder unmittelbar mit dem Staat verbunden war: gegen den Adel, die Bürokratie, die Geistlichkeit, die Händler und die parasitischen Kulaken. Wir müssen uns mit den abenteuerlustigen Stämmen von Briganten verbünden, die die einzig wahren Revolutionäre Rußlands sind.
26. Das Volk zu einer einzigen unbesiegbaren und alleszerstörenden Kraft zu sammenzuschmieden — das ist Ziel unserer Verschwörung und unsere Aufgabe.

Sergej Netschajew (ca. 1870)  nach: Robert Payne: Lenin – Sein Leben und sein Tod. München 1965

DIE NETSCHAJEW-AFFÄRE

Inspiration für Dostojewski

Für Dostojewskijs Die Dämonen stand der russische Revolutionär Sergej Netschajew (1847-1882) Pate, die Roman-Handlung – allen voran die Figur des Pjotr Werchowenskij – sind klar von Netschajew inspiriert. Dostojewskij lernte Netschajews Ideen während eines Aufenthalts in der Schweiz kennen – Genf war in den 1850ern zu einem Zentrum der russischen Revolutionäre geworden.

Sergei Netschajew hörte Vorlesungen an der Petersburger Universität und lernte dort die Ideen des linken Vordenkers Michail Bakunin kennen. 1868/1869 leitete Netschajew während der Studentenunruhen eine radikale Studentengruppe. Im Januar 1869 ließ er das Gerücht verbreiten, er sei in St. Petersburg festgenommen worden und flüchtete nach Genf. Hier suchte er den Kontakt zu anderen russischen Exilanten und gab sich als Leiter einer revolutionären Organisation aus. Außerdem traf er hier auf Michail Bakunin, mit dem er eine enge Freundschaft schloss. Zusammen gaben beide die Zeitschrift Das Volkstribunal in Genf heraus. Außerdem schrieb Netschajew unter Bakunins Einfluss sein Programm, den Revolutionären Katechismus. Er gewann Alexander Herzen dafür, eine Propagandareise zu finanzieren, bei der der Revolutionäre Katechismus nach Russland geschmuggelt und dort verbreitet wurde.

Im Zentrum von Netschajews Ideologie steht eine hierarchisch organisierte revolutionäre Bewegung – nur eine kleine Elite soll die wahren Absichten der Bewegung kennen, während die breite Basis in sog. Fünfergruppen organisiert werden soll. Die Anwendung von Gewalt wird ausdrücklich befürwortet. Dostojewskij gibt der von seiner Romanfigur Pjotr Werchowenski geführten Bewegung die gleiche Struktur – auch in Die Dämonen steht eine Fünfergruppe im Zentrum.

Im August 1869 kehrte Netschajew nach Russland zurück und gründete dort die Geheimorganisation Narodnaja Rasprawa („Volksvergeltung“, „Volksgericht“, „Volksrache“). Mit einem Mitglied der Gruppe, Iwan Iwanowitsch Iwanow, gab es Meinungsverschiedenheiten, Iwanow drohte damit, die Gruppe zu verlassen – das wollte Netschajew keinesfalls auf sich sitzen lassen: Gemeinsam mit vier Komplizen ermordete Netschajew daraufhin den Dissidenten Iwanow in der Nacht zum 22. November 1869, seine Leiche wird in einem nahe gelegenen Teich versenkt. Während seine Komplizen bald verhaftet werden, gelingt es Netschajew, sich in die Schweiz abzusetzen.

Die sog. „Netschajew-Affäre“ sorgte für ein großes Presseecho, sowohl russische als auch deutsche Zeitungen berichteten über das spektakuläre Verbrechen.

Zurück in der Schweiz überwarf sich Netschajew bald mit mit Bakunin. 1872 schließlich wurde Netschajew verraten und in Zürich festgenommen. Wegen des Mordes an Iwanow wurde Netschajew als gemeiner Verbrecher an Russland ausgeliefert und dort verurteilt. 1882 starb Sergei Netschajew in der Peter-und-Paul-Festung in Sankt Petersburg.

LITERATUR & LINKS

Bücher

  • Benjamin, Walter: Zur Kritik der Gewalt. In:  Ders.: Gesammelte Schriften, Vol. II.1,
    herausgegeben von R. Tiedemann & H. Schweppenhäuser, Frankfurt a.M. 1999, S. 179-204
  • Guski, Andreas: Dostojewski. Eine Biographie. München 2018.
    Hier insbesondere „Eine Vaudeville der Teufel: ‚Die Dämonen'“, S. 302-328.
  • Wegner, Michael (Hg.): Fjodor Dostojewski. Tagebuch eines Schriftstellers. 1873 und 1876-1881. Eine Auswahl. Aus dem Russischen von Günther Dalitz und Margit Bräuer.  Berlin 2003.

Links

 

#3: DECOLONIAL FEMINISM: MITHU SANYAL

(c) Regentaucher

Gibt es einen dekolonialen Feminismus? Und wenn ja, wie kann er helfen Brücken der Spaltung zu überwinden? Die Journalistin, Kulturwissenschaftlerin und Autorin Mithu Sanyal (u.a. Mithulogie, taz) gibt Einblicke darin, was Feminimus mit Antirassismus und Postkolonialismus zu tun haben kann.

Dr. Mithu Melanie Sanyal, geboren 1971 in Düsseldorf, ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin, Journalistin, Referentin für Genderfragen und Dozentin an verschiedenen Universitäten. Sie schreibt unter anderem für WDR, Deutschlandfunk, taz und SPEX. Ihr erstes Buch – Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts – wurde in fünf Sprachen übersetzt.

# 1 SONJA EISMANN & MINDJ PANTHER

Diskussion und Konzert im Rahmen des 6. Djelem Djelem Roma-Kulturfestivals und der feministischen Reihe Butler, Butch, Beyoncé

In der ersten Ausgabe von Butler, Butch, Beyoncé spannt Sonja
Eismann, Mitbegründerin des Missy Magazine, den Bogen von den vier Wellen des Feminismus bis zu Netz-, Pop-, Anarchafeminismus … On top: Ein Konzert der feministischen Romnja- Rapperinnen Mindj Panther (Pussy Panther) aus Wien!

Immer mehr junge Frauen rund um die Welt machen in Presse, Blogs, sozialen Medien oder bei Auftritten auf ihre Überzeugungen aufmerksam und verleihen dem altgedienten Kampfbegriff Feminismus neue Relevanz: Er ist nicht mehr nur Diskurs, Feminismus darf auch Spaß machen! Grund genug, ihm auf den Zahn zu fühlen. Die neue Diskursreihe Butler, Butch, Beyoncé blickt hinter Mode und popkulturelle Phänomene und holt die ProtagonistInnen des politisch engagierten, jungen Feminismus zu Lesungen, Diskussionen und Konzerten ins Schauspiel Dortmund: um mit Beats und Argumenten die Grundfesten des Patriarchats zu erschüttern!

In Kooperation mit dem Gleichstellungsbüro der Stadt Dortmund, der TU Dortmund und dem Kulturbüro Dortmund

#2 FEMINIST ACTIVISM: PENELOPE KEMEKENIDOU

Die zweite Ausgabe der neuen feministischen Reihe Butler, Butch, Beyoncé.

Zu Gast bei der zweiten Ausgabe der neuen Reihe: Activist und Artivist Penelope Kemekenidou, Mitbegründerin von Gender Equality Media, einer Organisation, die sich gegen sexistische Berichterstattung in Deutschland einsetzt. Mit Kampagnen wie #StopBildSexism oder #unfollowpatriarchy setzt sich die Gruppe konkret gegen patriarchale Strukturen in der Medienlandschaft ein. Derzeit ist sie auch an dem Aufbau der Gruppe der #panyrosas/Brot und Rosen Deutschland beteiligt, einer der größten internationalen Frauenorganisationen* weltweit. Daneben ist sie Mitorganisatorin des Münchner Frauen*streiks 2020.

In Kooperation mit dem Gleichstellungsbüro der Stadt Dortmund, der TU Dortmund und dem Kulturbüro Dortmund.

Everything Belongs to the Future – Videothek

 

Laurie Penny im Gespräch mit dem SRF: „Die nächste Revolution ist feministisch“

Laurie Penny ist die zurzeit wichtigste junge Feministin. Mit ihrer zugleich wütenden wie witzigen Art schaffte sie es, dem Feminismus neues Leben einzuhauchen. Im Gespräch mit Barbara Bleisch spricht sie über den Zusammenhang von Körper und Kapitalismus und von Fantasie und Revolution. 
 

TED-Talk von Cynthia Kenyon über Möglichkeiten eines längeren Lebens

Was bestimmt das Altern? Biochemikerin Cynthia Kenyon hat eine einfache, genetische Mutation entdeckt, welche die Lebenserwartung eines simplen Wurms – C. elegans – verdoppeln kann. Die Lehren aus dieser und anderen Entdeckungen deuten darauf, wie wir eines Tages massgeblich jugendliches menschliches Leben verlängern können.
 

 

EIN ZUTIEFST BERÜHRENDES GEFÜGE AUS MUSIK UND TEXT

Maria Helgath im Gespräch mit Dirk Baumann

Maria Helgath (Sängerin)
Bettina Lieder
Frank Genser
T.D. Finck von Finckenstein (musikalische Leitung)
Petra Riesenweber (Piano)
Robin Grunwald (Sänger)

Maria Helgath steht im Schauspiel Dortmund in Claudia Bauers Inszenierung von „Schöpfung“ als Solistin auf der Bühne. Auf Grundlage von Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ erzählt der Abend von den Chancen und Risiken der technologischen Entwicklung rund um Künstliche Intelligenz und humanoide Roboter und stellt die provokante Frage: Wenn der biologische Mensch selbst zum Schöpfer wird, wer sind dann Adam und Eva? Die Sprechtexte sind neu hinzugekommen und von Regieteam und Ensemble gemeinsam entwickelt worden. Im Interview mit Dramaturg Dirk Baumann erzählt Maria Helgath unter anderem, warum der Abend unbedingt etwas für Haydn-Fans ist. Die ungewöhnliche Kooperation aus Sprech- uns Musiktheater steht noch bis zum Ende der Spielzeit auf dem Spielplan.

„Die Schöpfung“ gehört ja zu den bekanntesten Oratorien überhaupt. Was ist für dich der Unterschied zwischen der Schöpfung im Schauspiel und Dortmund und der Partie in einer klassischen konzertanten Aufführung?
 
Im Konzertbereich liegt der Fokus auf der Musik. D.h. man versucht als Sänger und Musiker alles, alle Bilder, alle Emotionen akustisch entstehen zu lassen. Natürlich gibt es oft auch Rollen, die man als Sänger auf musikalischer Ebene interpretiert und mit denen man Geschichten erzählt. Haydn hat in der „Schöpfung“ sehr lautmalerisch komponiert: der Adler schwingt sich zum Beispiel in aufsteigenden Linien von der unteren Mittellage nach oben in luftige Tonhöhen oder die Tauben girren durch kleine Triller. Das wird in unserer Version in Dortmund in großen Teilen aufgebrochen bzw. in einen neuen Kontext gesetzt. Zwar wird der Klavierauszug teilweise am Cembalo im Original gespielt, der Klang wird durch das Arrangement von T.D. Finck von Finckenstein aber so verfremdet oder mit elektronischen Sounds unterlegt, dass bestimmte Details sehr eindringlich vor Augen geführt werden. Oder wir singen Arien zwar wie im Original, wiederholen aber dann eine Stelle absurd oft oder machen ein Rezitativ, das eigentlich einen reinen Erzählcharakter hat, zu einer Art Arie. Manches hat T. D. Finck von Finckenstein auch komplett umarrangiert, die Essenz eines Stückes herausgegriffen, neu interpretiert, in einen neuen Zusammenhang gesetzt, wodurch man es natürlich völlig anders hört! In der klassischen konzertanten Aufführung würde niemals ein Ausschnitt von vier Takten aus einem Terzett xmal wiederholt und über einen elektronischen Beat gesetzt werden, aber genau diese Herangehensweise ist besonders bei „Schöpfung“ im Schauspiel. Oft löst die Musik den nächsten thematischen Schritt aus, manchmal fungiert sie als eine Art Soundtrack zum Bühnengeschehen und oft bildet sich aus Musik und Text ein zutiefst berührendes und aufrüttelndes Gefüge, das die einzelnen Bestandteile in ganz neue Dimensionen treibt und den Zuschauer sehr herausfordert, wirklich hinzusehen und hinzuhören.

„Der Mensch in seiner Unvollkommenheit will eigentlich nur lieben und geliebt werden.“

Würdest du sagen, dass die Inszenierung auch etwas für Haydn-Fans ist?
 
Unbedingt! Ich glaube, wer wirklich Haydn-Fan ist, ist offen und neugierig. Haydn hat humorvoll und optimistisch komponiert, dem versuchen wir auch am Schauspiel Dortmund gerecht zu werden, hier allerdings im krassen Kontrast zu den Sprechtexten. Haydn beschreibt in seiner Komposition eine schöne, intakte, gesunde, vollkommene Schöpfung, doch was haben wir, was hat der Mensch daraus gemacht? Wie nutzen wir unsere menschliche Schöpferkraft, die Haydn sehr lautmalerisch und musikalisch wunderschön in den Szenen um Adam und Eva beschreibt? Also gut, mal abgesehen davon, dass ich als Frau des 21. Jahrhunderts etwas mit dem Rollenverständnis des 18. Jahrhunderts zu kämpfen habe. Aber auch das dreht sich im Schauspiel, die Maschine ist geschaffen, um dem Menschen zu dienen – und überflügelt ihn letztendlich. Der Mensch in seiner Unvollkommenheit versucht Gutes und Nützliches zu schaffen, will eigentlich nur lieben und geliebt werden, wie Haydn das ja auch komponiert hat, und scheitert immer wieder auf verschiedensten Ebenen. Ich denke, wer mit offenen Ohren und Augen in die Vorstellung geht, kann sehr viel mitnehmen, man wird mit seinen eigenen Sichtweisen konfrontiert, auf musikalischer wie auf weltanschaulicher Ebene. Für mich als Zuschauer ist ein Theaterabend – egal in welchem Genre – immer dann besonders wertvoll, wenn ich das Theater mit einem anderen Blick auf die Welt verlasse, als ich es betreten habe. Und ich finde, unsere „Schöpfung“ hat das Zeug dazu, für viele ein solcher Abend zu sein.

Bettina Lieder
Sänger: Ulrich Cordes, Maria Helgath, Robin Grunwald
Petra Riesenweber (Piano)

„Schöpfung“ erzählt von der Möglichkeit der Schöpfung eines neuen, künstlichen Menschen durch den biologischen Menschen selbst. Ist das ein Thema, mit dem du etwas anfangen kannst? 
 
Absolut, das beschäftigt und berührt mich sehr. Ich stand vielen technologischen Neuerungen lange skeptisch gegenüber, habe mich beispielsweise gegen die Preisgabe meiner Daten gewehrt usw. und irgendwann gemerkt, dass der ständige und konsequente Kampf dagegen auch in eine Art Vereinsamung führt. Neue Technologien, künstliche Intelligenz sind nicht per se schlecht, im Gegenteil, wir Menschen erschaffen laufend Unglaubliches, allein die Fortschritte im medizinischen Sektor sind gigantisch. Aber ich gebe zu, eine Form von Angst vor der mittlerweile völlig unkontrollierbaren Ebene der Algorithmen zu haben, vor Künstlicher Intelligenz, die uns längst überholt hat und die wir uns teilweise zunutze machen können, die aber auch Dimensionen angenommen hat, die unser aller Vorstellungskraft übersteigt. Die Texte von Stanislaw Lem im Stück haben mich sehr zum Nachdenken angeregt und ich finde es unglaublich spannend und wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

„Ich genieße es sehr, wenn man bei Proben ausprobieren darf.“

Du hast eine Ausbildung als Sängerin und als Schauspielerin. Inwiefern hilft dir das bei der Arbeit? Gibt es etwas, was du lieber machst?
 
Ja, das hilft mir oft. Wenn man sich in den verschiedenen Welten Musiktheater, Schauspiel und Konzert bewegt, lernt man verschiedene Arbeits- und Herangehensweisen, wie man sich einem Stoff, einer Thematik, einer Stilistik nähert. Und da befruchtet sich natürlich alles gegenseitig! Ich nähere mich beispielsweise Operncharakteren, aber auch klassischen Liedern oder Konzertpartien gern aus schauspielerischer Sicht. Ich achte also nicht nur auf Stimmklang und Phrasierung – wobei das natürlich auch sehr wichtig ist! Umgekehrt sind Schauspieltexte auch oft eine Form von Musik: Da gibt es Rhythmen und Wortklänge, die eine Figur charakterisieren. Was ich lieber mache, Schauspiel oder Gesang, kann ich gar nicht sagen, das hängt sehr von der Partie und der Rolle ab. Zum Beispiel empfinde ich es als sehr erfüllend „Schlafe, mein Liebster“ aus dem Weihnachtsoratorium von Bach zu singen – zu erleben, wie jede Note eine Liebeserklärung von Maria bzw. Bach an das schlafende Kind, an Jesus ist. Da braucht’s sonst nichts, alles passiert in der Musik. Und am nächsten Tag stehe ich dann vielleicht in einer Schauspielrolle auf der Bühne mit unglaublich vielen Schichten, Farben, Facetten, und auch das ist erfüllend! Also, ich kann nur sagen, dass ich die Vielfalt in der ich arbeiten darf, sehr genieße!

Ensemble

Wie war die Zusammenarbeit mit Tommy Finke und der Regisseurin Claudia Bauer?
 
Ich habe jeden Tag der Probenzeit wirklich genossen. Tommy und Claudia sind beide unglaublich kreative, energetische und geradlinige Menschen, es hat großen Spaß gemacht, die Musik aufzubrechen und Dinge gemeinsam entstehen zu lassen. Es gab bei keiner Probe den Zwang perfekt sein zu müssen, was leider bei musikalischen Produktionen oft der Fall ist, wodurch oft Leistungsdruck entsteht und kreatives Arbeiten sehr eingeschränkt wird. Ich genieße es sehr, wenn man bei Proben ausprobieren darf, auch mal Dinge daneben gehen dürfen, um dann zu entstehen und sich zu entwickeln. Das bietet Raum zur Entfaltung und den haben uns Tommy und Claudia geboten. Dass in den Endprobenwochen noch ganz viel entsteht, umgestellt wird, extra geprobt wird, kenne ich von vielen Schauspielproduktionen, deshalb musste ich mich da nicht umstellen. Ich mag an Claudia sehr, dass sie bis zum Schluss um das Produkt kämpft und wenn ihr zum Beispiel der Schluss nach der Generalprobe nicht gefällt, wird er eben nochmal umgebaut und neu strukturiert! Diese Leidenschaft und Bedingungslosigkeit für die Sache und die Beteiligten finde ich super.

„Ich fühle mich dem Ensemble sehr zugehörig, wir spielen und gestalten das Stück gemeinsam.“

Bei „Schöpfung“ ist kein Orchester mit dabei – hat das Auswirkungen auf die Art, wie du singst?
 
Nein, es macht stimmtechnisch keinen Unterschied. In der Oper muss man stimmlich über den Orchestergraben kommen, da braucht es manchmal „ein paar Gramm mehr“ auf der Stimme, aber Haydn hat sehr sängerfreundlich geschrieben, sowohl mit Orchester als auch in unserem Fall mit Cembalo oder Synthesizer-Sounds ist die Stimme immer sehr präsent. Damit wir über die elektronischen Sounds hörbar sind, werden wir verstärkt, wir müssen also nicht brüllen und können ganz „normal“ singen.

Ensemble

Wie war die Zusammenarbeit mit den Schauspieler*innen für dich?
 
Super! Ich finde das Ensemble am Dortmunder Haus wirklich spitze, sowohl künstlerisch als auch menschlich. Manchmal fand ich’s schade, auf der Bühne nicht mehr Teil der Spielgeschehens sein zu können, wir drei Sänger sind im Stück als „Künstliche-Intelligenz-Sänger“ in der großen Maschinerie der KIs eine eigene Spezies und auch räumlich die meiste Zeit von den „KI-Schauspielern“ getrennt. Aber ich fühle mich dem Ensemble sehr zugehörig, wir spielen und gestalten das Stück gemeinsam, jeder in seiner Profession (diesmal bin ich einfach Sängerin) und spätestens wenn wir von der Bühne gehen ist die Trennung sowieso aufgehoben.

Termine:

20.5., 18 Uhr, 2., 22.6., 4., 12.7., jeweils 19:30 Uhr im Schauspielhaus

EINE ANDERE PERSPEKTIVE AUF ZEIT UND GESELLSCHAFT

Regisseurin Laura N. Junghanns im Interview mit Dirk Baumann über ihre Inszenierung von Virginia Woolfs „Orlando“

Laura N. Junghanns; Foto: Dirk Vogel

Virginia Woolfs „Orlando“ erschien 1928. Was hat Dich an dem Stoff interessiert?

Mich interessiert die Breite der Geschichte, die Themen wie Herkunft, Geschlecht, Geschlechterrollen, Sexualitäten beinhaltet in einem so reichen Material, das einen Bogen über knapp 350 Jahre spannt. Und damit viele Epochen und soziale und gesellschaftliche Hintergründe abdeckt, die Spiegelpunkte zur Jetztzeit sind.

Du hast die Fassung des Stücks selbst erarbeitet – worauf kam es Dir dabei an?

Grundsätzlich halte ich es immer für sinnvoll, viel zu recherchieren: Beim Orlando-Stoff ist neben der Handlungsebene des Romans die „Sidestory“ interessant, die Entstehungsgeschichte des Buches. Virginia Woolf hat „Orlando“ ja geschrieben, um sich mit ihrer damaligen Liebhaberin Vita Sackville-West auseinanderzusetzen und es ihr zu widmen – einer Zeitgenossin Woolfs und ebenfalls Autorin. Tatsächlich habe ich erst einmal breit recherchiert, angefangen bei Virginia Woolfs Leben und Werk bis zum Briefwechsel zwischen Virginia Woolf und Vita Sackville-West. Im zweiten Schritt habe ich dann das Buch selbst genommen und jeden Satz markiert, der mich interessiert hat. Das war dann mein Material für die eigentliche Arbeit an der Stückfassung. Ich halte es für unabdingbar, erst eine genaue Analyse des Materials vorzunehmen, um ausgehend davon eine bzw. meine „Übersetzung“ aus Metaphern, Bildern oder schlichtweg Emotionen zu finden. Es geht mir dabei nicht um ein „Reenactment“ des Buches, denn der Roman bleibt der Roman und soll es auch bleiben, sondern um eine szenisch erfahrbare Umsetzung, die über die Buchseiten hinausgehen und die Phantasie beflügeln kann. Oder, um es mit Virginia Woolfs Worten zu sagen: „Das einzig aufregende Leben ist das der Phantasie.“ Ein Tagebucheintrag vom 21. April 1928, d.h. genau aus der Phase zwischen dem ersten Wort von Orlando und der Veröffentlichung im Herbst 1928.

„Das einzig aufregende Leben ist das der Phantasie.“
Virginia Woolf

Insgesamt gab es bestimmt zehn verschiedene Stände der Textfassung, von denen ich drei mit meinem Kreativteam gemeinsam durchgesprochen habe (in erster Linie die Band AniYo kore, sowie die Bühnenbildnerin Maria Eberhardt, die Kostümbildnerin Natalia Nordheimer und der Dramaturg Dirk Baumann). Die endgültige Probenfassung entstand tatsächlich erst nach der ersten Probenwoche, nachdem ich die Stimmen der Schauspieler*innen gehört hatte.

Friederike Tiefenbacher
Marlena Keil
Ekkehard Freye

Das Verhältnis von Fiktion und Realität spielt in Deiner Inszenierung eine besondere Rolle – kannst Du das näher erläutern?

Zwischen den beiden Polen Fiktion und Realität entsteht viel Raum für Phantasie, für die Zuschauer wie auch für mich. Im besten Falle entstehen sogar Freiräume, um sich selbst und die eigenen Rollenbilder in Frage zu stellen. Auf der Bühne stehen einerseits die Hauptfiguren aus dem Roman „Orlando“, andererseits ist u.a. aber auch Virginia Woolf als Figur zu sehen.

Du sagst, in „Orlando“ geht es um Fragen von Identität, Geschlecht und äußeren Zuschreibungen. Jetzt ist der Roman aus dem Jahr 1928 – war Virginia Woolf in ihrem Denken ihrer Zeit voraus?

Nein, ich glaube nicht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war ohnehin viel los in der Welt, Vieles war im Umbruch. In Argentinien beispielsweise gab es eine starke feministische Bewegung, schon 1910 fand der erste Internationale Frauenkongress in Buenos Aires statt. Es ist davon auszugehen, dass Virginia Woolf die Entwicklungen kannte, verfolgte und dass sie davon auch in ihrem Schreiben beeinflusst wurde. Etwa zur gleichen Zeit wie „Orlando“ erschien ein Buch namens „Quell der Einsamkeit“ der Autorin Radclyffe Hall. Dieses Buch sorgte für mit den ersten großen literarischen Skandal, weil darin erstmals eine lesbische Beziehung beschrieben wurde. Das führte zum Verbot des Buchs – auch wenn nach heutigen Maßstäben alles sehr blumig und neblig beschrieben war –, aber auch dazu, dass sich Verleger und Schriftsteller zusammenschlossen, um gegen das Verbot zu demonstrieren. Wenn man vor diesem Hintergrund „Orlando“ betrachtet, gibt es ausgenommen vom Geschlechter-Wechsel eigentlich gar keine Schilderung einer homosexuellen Begegnung. In dem Sinne war sie ihrer Zeit also keineswegs voraus, sondern hat den Zeitgeist genau getroffen.

Ekkehard Freye

Wie kamst Du darauf, mit der Dortmunder Band aniYo kore zusammenzuarbeiten?

Ich habe die Band in Dortmund bei den Petra-Meurer-Theatertagen getroffen, da war ich mit meiner freien Company „KimchiBrot Connection“ eingeladen. Die beiden haben im Rahmen der Preisverleihung ein Konzert gespielt. Eigentlich hatte ich mit der Company ausgemacht, dass wir im Anschluss an die Veranstaltung mit Leuten „socialisen“, die unsere Performance vielleicht als Gastspiel einladen könnten. Nach dem Konzert habe ich meine Kollegen dann aber direkt stehen lassen und gesagt: „Sorry, ich bin da heute raus, ich muss unbedingt diese Band anfragen, ich muss mit denen ‚Orlando’ machen.“ Zum einen haben sie mich mit ihrem Sound umgehauen und ihrer wahnsinnigen, theatralen Präsenz. Damals bestand ihr Setup nur aus Gitarre, Bass und Gesang, aber selbst damit haben sie den ganzen Raum gefüllt. Zum anderen glaube ich, dass die lokale Verwurzelung eines Stadttheaters eine große Stärke sein kann. Natürlich kenne ich auch tolle Musiker aus Köln oder Berlin, aber wenn man so einen Pool an Kreativität auch hier in Dortmund findet, dann ist das wesentlich besser angebunden.

aniYo kore (Live-Musik)

Das Spannende am Geschlechtswandel ist der gleichzeitige Perspektivwechsel auf eine Gesellschaft und auf eine Zeit.

Orlando wechselt im Roman das Geschlecht – welche Bedeutung hatte diese Tatsache für Dich während der Arbeit am Stück? Hatte das z.B. Auswirkungen auf die Besetzung?

Das Spannende am Geschlechtswandel ist der gleichzeitige Perspektivwechsel auf eine Gesellschaft und auf eine Zeit. Natürlich habe ich darüber nachgedacht, aber es war mir schnell klar, dass die Rolle von einer Frau gespielt werden sollte – weil die Sekundärgeschichte, die reale Folie vor der Virginia Woolf schreibt, eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen ist. Und natürlich haben wir uns Gedanken darum gemacht, was es heißt, heute queer zu sein, was dieser Begriff bezeichnet, was queeres Theater ist, was Geschlechterrollen sind. Momentan bin ich persönlich an dem Punkt angelangt, dass ich im Theater jenseits von theoretischen Debatten und Aufforderungen eine gelebte kreative Selbstverständlichkeit etablieren möchte, in der Frauen Männer spielen und Männer Frauen. Das ist jetzt nichts Neues, aber so werden Geschlechterrollen automatisch aufgebrochen. Und so ist es auch in der Inszenierung: Viele der weiblichen Nebenfiguren werden von einem Mann gespielt, viele männliche von einer Frau, ohne dass das kommentiert wird. Allein darüber kann ein anderer Resonanzraum für solch einen Satz aus „Orlando“ geschaffen werden: „In jedem Menschen ereignet sich das Schwanken zwischen den Geschlechtern.“

Im besten Fall lernen wir Geschlecht als Reihe von Kontinuitäten zu denken.

Geschlecht ist für die meisten Menschen eine zentrale Kategorie, über die sie andere und sich selbst identifizieren. Sollte man Deiner Meinung nach öfter mal hinterfragen, wo das eigentlich herkommt und was das für die eigene Identität bedeutet?

Im besten Fall lernen wir Geschlecht nicht binär, sondern als Reihe von Kontinuitäten zu denken. Vielleicht ist der Abend eine Anregung, sich nicht selbst einzusperren in Geschlechterstereotypen, die vermeintlich zum eigenen Geschlechterbild gehören. Zum einen kommen die von außen, aber man gibt sie sich auch selbst. Jede/r sollte ihren/seinen Impulsen frei folgen können. Vielleicht ist „Orlando“ eine Veranlassung, offener damit umzugehen. In den Proben fand ich es beispielsweise spannend, dass es mir irgendwann schwer fiel, das „richtige“ Pronomen zu verwenden – spreche ich über eine Frau, die einen Mann spielt von er oder sie? Und umgekehrt von einem Mann, der eine Frau spielt? Bei Ekkehard Freye in einer weiblichen Rolle habe ich einfach irgendwann „sie“ gesagt, das war auch selbstverständlich für alle, niemand hat das kommentiert. So etwas macht Spaß, weil es Klischees und Geschlechterrollen entlarvt.

Marlena Keil
Friederike Tiefenbacher

Du bist eine junge Regisseurin, die aber auch bereits einige Erfahrungen gesammelt hat. Was ist für Dich anders an dieser Arbeit im Schauspiel Dortmund?

So anders ist es gar nicht. Natürlich hat man am Stadttheater luxuriösere Strukturen, mehr Möglichkeiten, eine Routine, die einen Schutzraum ermöglicht, in dem man kreativ arbeiten kann. Das ist ein großes Geschenk, das wir in Deutschland haben. In unserer freien Company arbeiten wir meist schon früher alle zusammen am Konzept, hier war zwar auch früh das Kreativteam aus Regie, Bühne, Kostüm, Musik und Dramaturgie klar, und ich habe früh mit Ihnen gesprochen, aber die Schauspieler kamen zu einem viel späteren Zeitpunkt dazu. Die muss man dann aus ihrer Routine „rausbekommen“ und dafür gewinnen, dass sie mit Feuer und Flamme dabei sind.

Welche Verbindung siehst Du – neben der Namensgleichheit von Figur und Stadt – zwischen Virginia Woolfs Roman und dem schrecklichen Attentat von Orlando vom 12.6.2016, bei dem ein Attentäter 49 Menschen in einem mehrheitlich von Homosexuellen besuchten Club erschoss?

Die Verbindung sehe ich eher im Nachhall des Attentats. Dabei kommen Themen zur Sprache wie das Verhalten einer Mehrheit einer Minderheit gegenüber – im Pulse in Orlando war es sogar eine doppelte Minderheit: nicht nur Angehörige der LGBTI-Szene, an dem Abend war auch mehrheitlich die Minderheit der Hispanics dort. Die beiden Orlando-Themenfelder ähneln sich, aber Orlando vor dem Hintergrund des Shootings spricht aus einer ganz anderen Perspektive als das Buch Orlando, in dem die Hauptfigur ein blonder, weißer, reicher Jüngling ist, der alles hat und weitestgehend mit keinen Problemen konfrontiert ist. Aber er schaut im Verlaufe des Romans auf ähnliche Themen wie sie Angehörige der LGBTI-Szene heute betreffen und durchlebt auch ähnliche Stationen.

Die beiden Orlando-Themenfelder ähneln sich.

Ekkehard Freye
Marlena Keil
Friederike Tiefenbacher

Die Figur Orlando verändert sich im Verlauf des Romans stark. „Und nun, und wer, Orlando“ heißt es im Stück wie im Roman. Wenn ich Dich nach sechs Wochen Proben nun frage „Und nun, und wer, Laura Junghanns“ – hast Du Dich verändert?

Natürlich. Ich werde beispielsweise älter im Gegensatz zu Orlando (lacht). Nein, es sind die Erfahrungen, die ich mache, egal ob in der künstlerischen Praxis oder allein in der Beschäftigung mit dem Thema, die mich verändern. Aber bei mir geht es tatsächlich auch schon wieder weiter und ich richte den Blick so langsam auf das, was in Zukunft kommt.

Die Fragen stellte Dirk Baumann.

MUSIKALISCHES UFO TRIFFT „ORLANDO“

Die Band „aniYo kore“ im Interview mit Dramaturg Dirk Baumann

Für „Orlando“ nach Virginia Woolf steht auch die Dortmunder Band aniYo kore auf der Bühne. Im Interview erzählen die beiden Mitglieder, was sie ans Theater geführt hat, was sie mit dem Stoff verbindet und was es eigentlich mit ihrem Namen auf sich hat.
„Orlando“ feiert am 11. Februar Premiere im Studio in der Regie von Laura N. Junghanns.

aniYo kore, Foto: Dirk Vogel

 „Now“ ist einer der neun Songs, die aniYo kore für „Orlando“ geschrieben haben.

Melody und René, Ihr seid aniYo kore – seit wann gibt es Euch in dieser Formation und was hat es eigentlich mit dem Namen auf sich?

René: Es gibt uns seit März 2010. Der Name kommt aus dem Film „Lost in Translation“: Bob Harris, im Film von Bill Murray gespielt, kommt nachts von einem Dreh ins Hotel und kann nicht schlafen, deshalb will er sich im Gym nochmal auspowern. Er versucht, die Cardio-Maschine langsamer einzustellen, weiß aber nicht, wie das geht, und drückt deshalb jeden Knopf. Und die Maschine sagt immer dasselbe: „aniYo kore“ – das fanden wir eine unfassbar lustige Szene. Und so gut, dass wir das direkt übernommen haben. Wir sind uns zwar nicht ganz sicher, was das bedeutet, wahrscheinlich so etwas wie „das geht nicht“. Aber mittlerweile ist es uns auch nicht mehr so wichtig, was es bedeutet, es ist einfach ein absurder Name. Oft wird er allerdings erst mal falsch ausgesprochen, wie das englische „core“, aber die Betonung liegt auf dem e am Ende, ähnlich wie im Französischen. Mittlerweile ist es aber auch so, dass wir als erstes Ergebnis auftauchen, wenn man den Begriff online sucht.

Ekkehard Freye
aniYo kore (Live-Musik)

Eine nicht ganz unwichtige Sache. Wie würdet Ihr Eure Musik beschreiben?

Melody: Als musikalisches Ufo. Den Ausdruck hat René mal geprägt, der beschreibt es eigentlich ganz gut. Genremäßig ist es „Elektro-Kraut“. Wir haben uns in den vergangen sieben Jahren deutlich entwickelt – eigentlich kommen wir aus einem Bereich, in dem wir sehr viel mit Samplings gearbeitet haben, also mit bereits bestehenden Sounds, die wir dann gesampelt haben. Jetzt machen wir alles ausnahmslos selbst und nehmen unsere eigenen Sounds auf, die wir weiter verarbeiten. Das können auch ganz alltägliche Sachen sein, die wir mit dem Mikrophon aufnehmen, wie beispielsweise das Klopfen auf Holz. Und wir spielen natürlich live Instrumente, René ist am Bass, ich bin an der E-Gitarre, dazu haben wir selbst gebaute Drums von einer Drum Machine namens MPC – und unseren zweistimmigen Gesang.

„Wir versuchen immer Neues zu finden.“

René: Das Genre ist wirklich schwierig zu betiteln. Unsere Wurzel ist sicher Trip-Hop, weil es diesen langsamen, hiphoppigen Groove hat, den hat unsere Musik jetzt immer noch, wie ich finde. Ein wichtiges Element ist auf jeden Fall Downtempo. Wir versuchen bewusst immer mehr neue Sachen zu finden, die in kein bestehendes Genre mehr passen.

Habt ihr musikalische Paten, Eltern oder Großeltern?

René: Da ist sicher Portishead, über die wir uns auch gefunden haben. Über die Liebe zu schweren, melancholischen Grooves und Songs mit inhaltlicher Tiefe. Mittlerweile sind wir auch zu Jazz-Sachen übergegangen als Inspiration, auch wenn man das vielleicht gar nicht so direkt hört. Was man aber sicher in unserem Sound erkennt, sind Portishead- und Björk-Einflüsse oder DJ Shadow. Obwohl ich finde, dass Melodys Stimme einfach einen ganz eigenen Klang hat.

Ekkehard Freye
Marlena Keil

Den hat sie definitiv. Wie habt ihr euch kennen gelernt?

Melody: Ich habe eigentlich schon immer gesungen, mal in einer anderen Band und hatte auch mal ein Soloprojekt. Und René war als DJ unterwegs, aber vielleicht kannst du das selbst nochmal genauer erzählen.

René: Ja, ich habe ein so genanntes Dubplate von Melody gehört. Auf einem Dubplate sind Songs neu eingespielt, die es eigentlich so schon gibt, aber zusätzlich dazu ist ein Special drin, eine geänderte Textzeile oder auch nur ein Wort, zum Beispiel mein Name oder so etwas in der Art. Dann ist klar, wenn ich den Song mit meinem Namen drin auflege: Das eine exklusive Aufnahme nur für mich als DJ. Das ist eigentlich eine Erfindung aus Jamaika und eine Form von Statussymbol. Und das hat Melody gemacht, sie hat einen Song gesungen auf einen Beat und ich dachte: Wow, wer ist das denn? Und dann habe ich sie ausfindig gemacht.

Friederike Tiefenbacher
aniYo kore (Live-Musik)

Was ist die Besonderheit an Eurer Musik?

René: Neben der Musik selbst ist das sicher die „Stimmung“. Wir spielen unsere Musik in „Verdis A“, also auf einer Frequenz von 432 Hertz. Technisch gesehen befindet sich das A, wenn andere Bands spielen, auf einer Frequenz von 440 Hertz. Darauf hat sich die „musikalische Gemeinschaft“ geeinigt.

Melody: Im professionellen Sinne nennt man das den Kammerton.

„Wir suchen unsere Bezüge in der Natur.“

René: Und in Zeiten von Bach, Mozart, Verdi wurde groß darüber diskutiert. Es gab immer verschiedene Stimmungen in der Bandbreite 432 bis 446 Hertz, auf denen das A gespielt wurde, ohne dass es genormt war. Auch die großen Komponisten sind sich nicht einig geworden. In den 1930ern hat dann die Rockefeller-Stiftung eine Menge Geld dafür ausgegeben, dass man sich vor allem in der amerikanischen Kultur auf 440 Hertz geeinigt hat. Aber wir persönlich finden das sowohl mathematisch als auch von der Stimmung her nicht ganz richtig. Es macht einen kleinen, aber wesentlichen Unterschied, wenn die Spannweite anders ist – für die Gefühlsstimmung. Viel nerdiges Zeug, lange Rede, kurzer Sinn: Es fühlt sich für uns richtig an. Das ist eine reine Gefühlssache, die man gar nicht hört, auch nicht von jemandem mit einem gut geschulten Gehör.

Melody: Wir haben das auch selbst nicht gehört, aber man fühlt es. Es gibt auch viele Experimente dazu, wie sich diese Frequenz in Bezug auf Körper verhält und die Muster auf 432 Hertz haben ein deutlich schlüssigeres Muster ergeben als die auf 440 Hertz.

René: Wir suchen unsere Bezüge in der Natur. Wir orientieren uns da beispielsweise auch an solchen Dingen wie den Fibonacci-Zahlen und dem Goldenen Schnitt. Für uns fühlt sich das gut an und deshalb folgen wir dem eher als irgendwelchen Normen.

„Im Theater ist die Band kein geschlossenes System.“

aniYo kore (Live-Musik)

Wenn man auf Eure Homepage schaut, dann habt ihr bereits sieben Alben veröffentlicht – eine ganze Menge. Wie kommt ihr nach diesem „klassischen“ Weg nun ins Theater?

René: Unsere Musik ist schon immer sehr atmosphärisch gewesen, wir haben einen stimmungsvollen Ansatz. Deswegen lag das nahe. Wenn wir beispielsweise Filme schauen, legen wir immer ein besonderes Augenmerk auf die Scores, also die Musik und die Sounds, wie Klänge in bestimmten Situationen angewendet werden, auch abseits von Musik. Wir interessieren uns für die stimmige Untermalung gesprochener Texte. Das ist für uns mindestens genauso anspruchsvoll wie „einfach nur“ Musik zu spielen als Band. Im Theater ist die Band denn auch kein geschlossenes System mehr, sondern ein offenes: Wir arbeiten mit anderen zusammen, das ist schön, sorgt aber auch dafür, dass die Musik und der Sound nicht ausschließlich unser eigenes Produkt bleiben, weil wir mit den anderen zusammen- und der Regisseurin und den Schauspielern zuarbeiten. Das ist eine ganz andere Form Musik zu machen.

Friederike Tiefenbacher
Marlena Keil
Ekkehard Freye

Und wie habt ihr den Kontakt zur Regisseurin Laura Junghanns gefunden?

Melody: Im Februar 2017 haben wir im Dortmunder Theater im Depot ein Konzert gespielt im Rahmen der Petra-Meurer-Theatertage. Lauras Company „KimchiBrot Connection“ war dort eingeladen und hat sogar den Preis gewonnen. Bei dieser Gelegenheit hat sie uns das erste Mal gesehen und im Anschluss an das Konzert angesprochen. Sie hat direkt gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, für ein Theaterstück Musik zu machen. Das hätte nicht besser passen können.

René: Interessanterweise hat Laura uns aber „nur“ mit einer Akustik-Show gesehen, mit E-Gitarre und zweistimmigem Gesang, also mit einem ganz anderen Sound als dem, den wir jetzt hier machen. Ich glaube sie kannte unsere Musik vorher auch gar nicht, konnte also auch gar nicht wissen, dass wir auch eine elektronische Auslegung machen können wie jetzt bei „Orlando“.

Ekkehard Freye
Marlena Keil
Friederike Tiefenbacher

Was waren Eure Gedanken vor Beginn der Produktion – hattet ihr Berührungsängste mit den Schauspielern?

René: Ehrlicherweise nicht, weil wir so große Lust darauf hatten. Ich gehe meist mit einer Utopie-Vorstellung in solch einen künstlerischen Prozess und lasse mich einfach überraschen, was passiert. Damit kann man natürlich auch grandios scheitern, auch das ist uns schon passiert. Angst davor, dass man der Qualität von Schauspielern oder anderen nicht gerecht werden kann, ist dabei aber nur hinderlich. Idealerweise wünsche ich mir, dass man uns in musikalischer Hinsicht als Expertise wahrnimmt – und die anderen Departments haben ihre.

„Wir haben Orlando in neun musikalische Stücke gegossen.“

Würdet ihr sagen, dass man sich als Künstler im Theater mehr öffnet?

Beide: Auf jeden Fall.

Melody: Das ist eine positive Challenge. Wir haben als Musiker die Möglichkeit, uns mit anderen Künstlern zu verbinden, die selbst keine Musik machen, um gemeinsam an einer Sache zu arbeiten.

René: Wenn wir als Band ein Album machen, dann sind wir uns bestenfalls untereinander einig über das Werk. Im Theater kann ich mir zwar Gedanken darum machen, dass ein bestimmter Klang für eine bestimmte Szene der richtige ist, aber am Ende kann es sein, dass die anderen das nicht so sehen und die Regisseurin entscheidet es vielleicht ganz anders.

Wie seid ihr an die Arbeit zu „Orlando“ herangegangen?

Melody: Wir haben uns schon sehr früh im vergangen Jahr mit Laura getroffen. Im Anschluss daran haben wir uns mit dem Stoff, dem Buch von Virginia Woolf auseinandergesetzt, die Hochphase hatten wir dann im Sommer 2017: Laura hat mit uns über Ihre Visionen gesprochen, das hat uns eine Ahnung davon vermittelt, wo es hingehen soll. Wir haben dann den Orlando-Stoff in neun musikalische Stücke gegossen. Damit sind wir zu den Proben gekommen und die Rechnung geht tatsächlich auf: Die Songs passen zum Regiekonzept und der Anlage des Stückes. Laura hat uns ihre Visionen offenbar super rübergebracht.

René: Ich bin auch ganz überrascht wie gut das aufgeht. Es ging ja nicht darum, dass Melody als Song-Schreiberin in vier Wochen neun Songs schreibt. Sie nimmt sich immer die Zeit einzutauchen in Stimmungen, um daraus etwas zu entwickeln. Dass wir damit jetzt so wenig anecken in den Proben, hat sicher auch damit zu tun, dass wir frühzeitig am konzeptionellen Prozess beteiligt waren. Es ist tatsächlich so, dass wir keine einzige Melodie der Songs ändern mussten.

Ekkehard Freye
Marlena Keil
Friederike Tiefenbacher

Und wie habt ihr die Songtexte geschrieben?

René: Mir war wichtig, dass es keine direkten Übertragungen von Originaltext aus dem Buch in Songs von uns gibt, das halte ich für gefährlich. Wir haben Laura gebeten, uns den Roman in ihre Idee von szenischen Vorgängen und Figuren zu übersetzen. Das haben wir dann wiederum in unsere Worte übersetzt. Dieser Zwischenschritt war wichtig, damit wir ein bisschen Abstand zu Virginia Woolfs Original haben, sie schreibt einfach wunderschön, aber in ihrem eigenen Stil – und unsere Texte haben jetzt Melodys Stil.

Als Künstler seid Ihr natürlich Persönlichkeiten mit eigenen Meinungen. Wie habt ihr als Künstler mit Laura Junghanns, der Regisseurin, zusammengearbeitet?

René: Wir haben Laura von Beginn an gesagt: Wir schreiben ganze Songs, aber du kannst dir das raussuchen, was du haben möchtest, also auch nur Samples, Teile oder Ambiences für die Spielszenen. So gibt es bei manchen Szenen nur Gitarre, bei anderen nur Keys, bei anderen Drums, und und und. Das entscheidet Laura und das finden wir auch gut. Klar, wir hätten die Elemente bestimmt auch anders eingesetzt, aber sie hat den Überblick über alles, was auf der Bühne geschieht und trifft im Sinne des Stücks die besseren Entscheidungen.

„Orlando, der lebende Poet“

Bei den Aufführungen seid ihr immer mit auf der Bühne. Inwiefern unterscheidet sich eure Performance im Stück von einem Konzert?

René: Erst mal bin ich fasziniert von der Fähigkeit der Spieler, wie präzise sie Vorgänge wiederholen können. Bei einer Live-Show als Band muss ich das nicht machen, da ist mehr Luft, die Tagesstimmung einfließen zu lassen. Im Rahmen eines Stückes geht das natürlich nicht in dem Maße, weil wir uns an Absprachen halten müssen und dem Stück „dienen“ – auch wenn Laura uns als den vierten und fünften Darsteller bezeichnet. Aber ein bisschen Freiheit ist im Theater ja immer mit dabei. Das ist der Zauber des Theaters.

Ekkehard Freye
Friederike Tiefenbacher

Die Figur Orlando durchlebt verschiedene Wandlungen im Verlauf des Romans, es geht um Identitäten und damit zusammenhängende weitere Fragen. „Und nun, und wer, Orlando“ heißt es im Stück wie im Roman. Wenn ich Euch nach inzwischen 6 Wochen Proben nun frage „Und nun, und wer, aniYo kore“ – wie habt Ihr euch verändert?

Beide: Gute Frage.

René: Tatsächlich haben wir uns vor Beginn der Proben dazu entschlossen, uns voll und ganz auf die Musik zu konzentrieren und unsere „Brotjobs“ zu schmeißen. Daher ist das für uns auch ein Wandel. Und ich merke, wie ich es genieße, diese Freiheit zu haben. Vielleicht bin ich gerade Orlando, der lebende Poet.

Melody: Im und mit dem Theater sehe ich mich jetzt auch wesentlich mehr als Künstlerin als vorher, ich habe mich einfach frei machen können von dem gewöhnlichen System, das eher auf Nutzen ausgerichtet ist. Es tut uns als Band ausschließlich gut.

René: Jetzt ist Januar 2018, im Februar kommen wir mit dem Album raus, das wir zu „Orlando“ aufgenommen haben. Das konnten wir nur unter diesen Bedingungen so schnell machen. Wir haben dadurch jetzt auch eine neue Live-Show, die wir als Band spielen können. Und last but not least haben wir durch die Proben auch technisch viel dazugelernt. Wir können einfach aus den Vollen schöpfen durch die Konzentration auf die musikalische Arbeit – so haben wir beispielsweise den zweistimmigen Gesang neu entwickelt, in der Form gab es das bei uns vorher noch nicht, da war immer Melody allein die Singstimme.

Klingt nach einer rundum zufriedenen Band. Wollt ihr noch etwas loswerden?

Melody: Kommt euch „Orlando“ angucken!

Das Album „Wild Geese“ von aniYo kore zur Inszenierung „Orlando“ kann an den Vorstellungsterminen zum Preis von 12 Euro im Foyer des Schauspiels erworben werden.

NEU IM ENSEMBLE: CHRISTIAN FREUND

„Sich fühlbar einbringen in die Konstruktion einer Stadt“

Neu im Ensemble: Christian Freund

Unsere Ensemble-Neuzugänge im Interview


Zu Beginn der Saison 2017/18 gibt es neue Gesichter am Schauspiel Dortmund zu entdecken: Die Schauspieler Alexandra Sinelnikova und Christian Freund kommen neu ins Ensemble. Beide sind Absolventen der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig und waren zuletzt zwei Jahre am Schauspielstudio in Dresden. Hier im Blog stellen wir Alexandra und Christian mit Interviews vor – nach dem Interview mit Alexandra nun Christian Freund.
Christian Freund wurde 1990 in Lüdenscheid geboren. Nach dem Abitur studierte er in Bochum Physik, Erziehungswissenschaften und Germanistik. Während des Studiums spielte er am Schauspielhaus Bochum und am Rottstraße 5 Theater Bochum, wo er zusätzlich als Licht- und Tontechniker arbeitete. 2013 begann er sein Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig. Seit der Spielzeit 2015/16 war er Mitglied des Schauspielstudios Dresden am Staatsschauspiel Dresden. Die Wiedervereinigung der beiden Koreas war seine erste Arbeit am Schauspiel Dortmund.

Du bist im Sauerland geboren, hast in Herne und Bochum gewohnt, bevor es Dich nach Leipzig zum Studium verschlagen hat. Nach Leipzig und Dresden jetzt also Dortmund – freust du dich wieder in deiner Heimat angekommen zu sein? Gibt es etwas, auf das du dich besonders freust? Ich hab hier viele Freunde und kenn mich aus, meine Familie wohnt hier. Da ist es schon schön wieder zurückzukommen. In manchen Momenten aber auch absurd, weil es mich beeindruckt, wie viele Erinnerungen für mich an diesen Orten hier hängen und weil ich jetzt vier Jahre lang weg war, in denen ich immer neue Orte kennengelernt habe. Und plötzlich sind da wieder die alten Orte, und das hat sich kurz wie ein Rückschritt angefühlt, in eine Vergangenheit, die aber halt auch die Zukunft ist. Als ich das begriffen hab, so im Februar, da hab ich mich sehr gefreut, wieder hier zu sein. Ich freue mich in Dortmund zu sein, weil ich die Stadt noch nicht so gut kenne wie zum Beispiel das Sauerland, wo ich auch groß geworden bin, oder Herne oder Bochum, wo ich fünf Jahre gewohnt hab. Das ist schön, in der Heimat Neues zu entdecken.

Was war deine Reaktion als du gehört hast: Die Dortmunder, die wollen mich? Das war ein sehr verrückter Moment: Es war der 12.12., abends um halb 10. Ich war in Bochum mit zwei Freunden aus meinem Jahrgang, die im Studio in Halle waren und am selben Tag auch in Dortmund vorgesprochen hatten, und dann kam dieser Anruf und ich war zuerst völlig sprachlos. Dortmund war das Theater, wo ich am liebsten hinwollte, und ich bin auf der einen Seite innerlich explodiert und auf der anderen Seite wusste ich nicht, wie ich das meinen Freunden sagen sollte, weil die auch gerne nach Dortmund gegangen wären. Und dann hab ich leise gesagt: „Ich muss euch was sagen. Dortmund hat mich gerade angerufen, die wollen mich.“ Erst haben die beiden es gar nicht realisiert und dann war es eine ganz absurde Stimmung, sie haben mich umarmt und gesagt, dass es sie sehr freut. Und das habe ich ihnen geglaubt und ich glaube auch, dass ich geweint habe, und dann hab ich erstmal ne Runde ausgegeben. Und am nächsten Tag sicherheitshalber nochmal im Schauspiel Dortmund angerufen und gefragt, ob das denn auch wirklich stimmt oder ob ich mir das nur eingebildet habe – und seitdem habe ich irgendwie dieses Glucksen im Bauch.

Christian Freund (mittig) in „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ (Foto: Birgit Hupfeld)

Du warst zuletzt zwei Jahre als Schauspielstudent am Schauspielstudio Dresden – was hat es damit auf sich, was hast Du da gemacht und gelernt? Zwei Jahre verbringt man in Leipzig, sozusagen die Grundausbildung: Sprechen, Singen, Akrobatik, Fechten, Tanzen, Yoga, Grundlagenseminar Schauspiel, Szenenstudien, Monologe, die man manchmal mit, manchmal ohne Dozenten erarbeitet – und dann zwischendurch Workshops, Improvisation, Filmschauspiel oder Ensembletraining. Nach diesen zwei Jahren wird der Jahrgang geteilt, die folgenden zwei Jahre verbringen die Studierenden in der Praxis an einem Schauspielhaus. Da hat man aber auch noch weiter Unterricht. Leipzig hat insgesamt vier Studios: Halle, Dresden und Köln, Leipzig. Die wechseln sich alle zwei Jahre ab: Entweder Halle oder Dresden und Leipzig oder Köln. Ich war jetzt zwei Jahre in Dresden und hab da viele Leute kennengelernt, in mehreren Stücken mitgespielt, u.a. in „Hamlet“, „Nathan der Weise“, „Michael Kohlhaas“ und auch Regie geführt bei der Bürgerbühne – das ist eine eigene Sparte in Dresden, bei der ausschließlich Laien auf der Bühne stehen.

Unser zweiter „Neuzugang“ Alexandra Sinelnikova hat mit dir studiert und war auch am Studio Dresden – ein willkommener Zufall, dass ihr weiter gemeinsam arbeiten könnt? Ja, ich freue mich sehr darüber und Alex auch. Sie ist toll. Als Mensch und als Schauspielerin.

Hast Du Lieblingsautoren oder -rollen, die du unbedingt mal spielen möchtest? Ich sehe Theater politisch und finde, da ist es dann egal, welche Rolle man spielt. Das Theatermachen an sich muss eine Rolle spielen, das sollte sich fühlbar einbringen in die Konstruktion einer Stadt. Aber im klassischen Sinn von Rolle: Ich habe mal Liliom von Molnár gespielt, das war toll, Ivanov von Anton Tschechow finde ich auch sehr interessant oder Hamlet. Aber es gibt noch so viele andere großartige Texte und Stücke, beispielsweise von Koltès, Genet, Beckett, Heiner Müller, Michaux, Kafka, Dostojewski und ganz vielen anderen. Da ist es mir egal, welche Rolle ich habe, da spiele ich einfach gerne mit, weil die Sprache so gut schmeckt und die Zustände, Handlungen und Figuren so spannend sind.

Christian Freund (rechts, neben Julia Schubert und Sebastian Kuschmann) in „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ (Foto: Birgit Hupfeld)

Was würdest Du sagen: Warum sollten die Menschen ins Theater gehen – außer um Geschichten zu sehen? Theater ist für mich im besten Fall ein Ereignis. Und das ist etwas anderes als die Bilderflut, die unsere Wirklichkeit ausmacht. Das ist etwas ganz Besonderes, das ist Auseinandersetzung auf einer anderen Ebene. Die kann man sonst nirgends im Leben haben.

Du hast ja bereits Deinen Dortmunder Einstand in „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ im Megastore gefeiert. In der kommenden Saison geht es wieder ins Schauspielhaus – findest Du es schade, dass Du die Megastore-Zeit des Schauspiel Dortmund nur am Ende mitbekommst? Ich freue mich, die Megastore-Zeit noch miterleben zu dürfen, aber genauso freue ich mich, im Schauspielhaus zu spielen. Das ist eh alles ein großes Abenteuer für mich.

Und wie sind die neuen Ensemble-Kollegen so? Wunderschön, sehr intelligent und unglaublich herzlich. Im Ernst, ich mag’s jetzt schon unglaublich gerne hier zu sein mit so tollen Menschen und freue mich auf zwei aufregende Jahre. Und besonders auf die Dortmunder.


Christian Freund ist in Übergewicht, unwichtig: Unform (Regie: Johannes Lepper, ab 17.12) sowie Der Theatermacher zu sehen (Regie: Kay Voges, ab 30.12.).