Alle Beiträge von Anne-Kathrin Schulz

Über Anne-Kathrin Schulz

Anne-Kathrin Schulz, geboren in Berlin, arbeitete nach ihrer Ausbildung an der Berliner Journalistenschule u.a. bei der taz, dem SFB Hörfunk und bei MTV London. Von 1998 bis 2000 als Dramaturgieassistentin in der Intendanz von Leander Haussmann am Schauspielhaus Bochum engagiert. 2001 wurde ihr Theaterstück Unter Land am Jungen Theater Göttingen uraufgeführt, 2003 dann Silly Songs am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, für das sie 2002 den Förderpreis der Freunde des Deutschen Schauspielhauses erhielt. Von 2005 bis 2008 arbeitete sie als Assistentin der Künstlerischen Leitung und Dramaturgin am Deutschen Theater Berlin, 2009 war sie Gastdramaturgin am Theater Aachen. Seit Sommer 2010 ist sie Dramaturgin am Schauspiel Dortmund.

„EINE LIVE ERZÄHLTE FILMISCHE GESCHICHTE“

NILS VOGES ÜBER „DER FUTUROLOGISCHE KONGRESS“ UND DAS LIVE ANIMATION CINEMA

Gewalttätige Auseinandersetzungen am Rande des Futurologischen Weltkongresses und ein böser Verdacht: Werden Glücksgase als Kampfmittel eingesetzt? Schmusium? Oder gar Edelpassionat? Schnell stellt sich dem berühmten Sternenfahrer Ijon Tichy die Frage, was Wirklichkeit ist und was Illusion… Doch damit nicht genug – bald muss er erfahren, dass es eine neue Regierungsform gibt: die Chemokratie!

Erstaunliche Kosmen, soweit das Auge blickt, durchzogen von funkelnden Sprachneuschöpfungen und galaktischer Kreativität: Der polnische Philosophie-Science- Fiction-Weltstar Stanisław Lem (1921-2006) ist Meister im Spiel mit der Phantasie. Ein brillanter Visionär, der die technische Evolution der Menschheit stets so genau im Blick hielt, dass er bereits in den 1970er-Jahren die Nanotechnik, Virtuelle Realität und die Künstliche Intelligenz literarisch erfunden hatte. Nun sein berühmter Roman DER FUTUROLOGISCHE KONGRESS als große Reise durch Raum und Zeit auf der Theaterbühne – mit Regisseur Nils Voges sprach Anne-Kathrin Schulz.

Der Futurologische Kongress im Megastore

2015 feierte am Schauspiel Dortmund der erste Live- Animationsfi lm der Welt Premiere – sputnics „Die Möglichkeit einer Insel”. Zusammen mit Ihren beiden Kollegen Malte Jehmlich und Nicolai Skopalik hatten Sie dafür ein Set-Up entwickelt, in dem die Schauspieler direkt vor den Augen der Theater-Zuschauer einen Trickfilm entstehen ließen. Dieses „Live- Animation-Cinema“ war ein völlig neues Kunstformat irgendwo zwischen Theater und Film – wie ist die Idee entstanden?

NILS VOGES: Seit 2004 ist das Künstlerkollektiv sputnic, zu dem ich gehöre, einerseits im Bereich klassischer Animation unterwegs, z.B. für Kurzfi lme und Musikvideos, andererseits sind wir regelmäßig als Videokünstler auf internationalen Bühnen in Theaterstücke eingebunden. Es lag auf der Hand, die zwei Bereiche zu verbinden. Da klassische Animation ein sehr langwieriger Prozess ist (für unseren zwölfminütigen Stop Motion-Kurzfilm „Südstadt“ brauchten wir anderthalb Jahre), mussten wir für die Theaterbühne eine völlig neue Animationsform erfinden. Als ästhetische Inspirationsquelle dienten zunächst die frühen Lotte Reiniger-Schattenrissfilme. Mit jedem neuen Projekt aber entwickeln wir unsere Ästhetik und Technik weiter. DER FUTUROLOGISCHE KONGRESS ist nun die erste Live-Animation, die dank eines neuen Setups komplett texturiert und in Farbe sein kann. Das ermöglicht uns, die ca. 120 wundervollen Illustrationen von Julia Zejn, Elena Minaeva und Caro Perez Hemphill nun in voller Schönheit zeigen zu können.

Als Zuschauer kann man einen Trickfilm sehen, mit Figuren, die “leben” und gleichzeitig, wie unsere vier Schauspieler und unser Musiker diese Welten kreieren – ein wirklich verblüffendes Zusammenspiel. Wie wichtig ist Ihnen diese Live-Ebene?

Genau darum geht es bei Live Animation. Den Moment der Herstellung mitzuerleben ist magisch. Die Performer werden zu Zauberern. Obwohl der Zuschauer alle „Tricks” im einzelnen, mit den eigenen Augen nachvollziehen kann, entsteht durch das Zusammenspiel der Schauspieler etwas neues: eine live erzählte filmische Geschichte mit eigenem Rhythmus und eigener Sprache.

Was fasziniert Sie an der Welt von Stanisław Lem? Wieso haben Sie sich für seinen Roman DER FUTUROLOGISCHE KONGRESS entschieden?

Storyboard-Auszug

Man könnte meinen, Stanisław Lem hat 1971 mit nahezu hellseherischen Fähigkeiten den Roman für die heutige Gegenwart geschrieben. Viele der Themen sind aktueller denn je: Proteste gegen Weltwirtschaftsgipfel, künstliche Intelligenzen, Gender-Identitäten, Neuro-Enhancement, chemische Kriegsführung und postfaktische Politik. Und das alles garniert er mit einer gehörigen Portion Satire. Ich hatte den Roman gelesen und war begeistert von der philosophischen Ideenflut und den vielen Realitätsebenen. Für Live Animation bot sich der Stoff an, da man für diese verschiedenen Wirklichkeitsebenen auf der Bühne unterschiedlichsten Techniken nutzen kann: Schauspiel, Puppenspiel, Live Animation und Video.

Als langjährige Kritikerin der Schwerkraft ist mein Lieblingsdetail im Bühnenbild ja die Internationale Raumstation.

Die ISS, genau. Hierfür hat Artur Gerz ein wunderbares, detailreiches Modell gebaut, aus Konservendosen und Elektroschrott. Mit der richtigen Beleuchtung, Atmo, Musik und einer Kamera kreieren die Schauspieler mit ihr Filmbilder, die an große Sci-Fi Klassiker erinnern. Es ist phantastisch!


Premiere am 11. Juni (bereits ausverkauft), weitere Termine im Juni und Juli!

BILDER UND IHRE ECHOS

bilder und ihre echos

das sehen und das phänomen der nachbilder

Unser Sehvermögen ist das Ergebnis wundersamer Vorgänge zwischen Physik und Biochemie. Wenn Licht ins Auge fällt, strahlt es durch Hornhaut, Pupille und Linse und wird auf diesem Weg so präzise durch den Glaskörper gelenkt, dass es genau einen besonderen Punkt auf der Netzhaut trifft – den des schärfsten Sehens. Dort ist sie am höchsten, die Konzentration der elektrochemischen Wunderwerke, die wir Sehzellen oder Fotorezeptoren nennen. Grob sortiert schauen wir hier auf zwei Gruppen: „Stäbchen“ (für hell und dunkel) und „Zapfen“ (für das Sehen von Farben). Von letzteren haben wir drei Sorten – empfindlich entweder für rötliche, bläuliche oder grünliche Lichtwellen. Der Goldfisch hat noch eine vierte Zapfenart, genau wie viele Vögel: Sie können auch Lichtwellen aus dem UV-Bereich sehen – ob ihre Welt farbiger ist als die unsere? Das menschliche Auge jedenfalls kann tagsüber viele Millionen verschiedene Farbnuancen wahrnehmen. Nachts sind alle Katzen grau. BILDER UND IHRE ECHOS weiterlesen

HEINER MÜLLER WAR DIE DROGE, ÜBER DIE ICH INS THEATER GEKOMMEN BIN

USA, 1970er. Ex-Vietnamsoldat John Rambo wird von einem Sheriff misshandelt. Er flieht. Schnell hat er eine ganze Armee gegen sich – Vertreter einer Weltmacht, die das Trauma des Kriegs weiter verdrängen will. Zeitsprung, Ortswechsel: 1920er, Russland. Auch für Gleb Tschumalow ist der Krieg vorbei. Doch wo ist die erträumte bessere Welt? Keine Arbeit, das einstige Zementwerk liegt brach, in Trümmern, jenseits jeder Utopie. Müllers ZEMENT (entstanden 1972 nach dem gleichnamigen Roman von Fjodor Gladkow) und RAMBO von 1982 – Klaus Gehre kombiniert die Geschichten zweier Kriegs-Heimkehrer. Mit Klaus Gehre sprach Anne-Kathrin Schulz. HEINER MÜLLER WAR DIE DROGE, ÜBER DIE ICH INS THEATER GEKOMMEN BIN weiterlesen

DIE MÖGLICHKEIT DES GLÜCKS

Möglichkeit einer Insel 8

Planet Erde, im fünften Jahrtausend. Das ewige Ringen um sexuelle Attraktivität hat die Menschheit solange erschöpft, bis sie ausgestorben ist. Jedenfalls so gut wie – nur noch hier und da hausen ein paar verwilderte Exemplare in postapokalyptischen Zivilisations-Trümmern: Die Starken essen die Schwachen.
Die nun dominierende Menschenform ist der genetisch veränderte sogenannte Neo-Mensch, der alleine lebt, sich durch Photosynthese ernährt und weder Liebe noch Hass kennt. Und auch nicht das Trauma des körperlichen Alterns, denn jeder Neo-Mensch wird regelmäßig neu geklont und als Achtzehnjähriger wiedergeboren. Gefühle sind längst wegoptimiert. DIE MÖGLICHKEIT DES GLÜCKS weiterlesen

DIE MÖGLICHKEIT DER LIVE-ANIMATION

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Möglichkeit einer Insel

 

 

(c) Artur Gerz

DIE MÖGLICHKEIT EINER INSEL

LIVE GESPIELT, ANIMIERT, GESCHNITTEN UND VERTONT VON VIER SCHAUSPIELERN:
DER ALLERERSTE LIVE-TRICKFILM DER GESCHICHTE

Mit Die Möglichkeit einer Insel schreibt das Schauspiel Dortmund nach DAS FEST (nominiert für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST 2013) und MINORITY REPORT oder MÖRDER DER ZUKUNFT erneut Theater- und Filmgeschichte – im Geiste des Dortmunder Manifests DOGMA 20_13: Eine große Reise durch Zeit und Raum, live gespielt, animiert, geschnitten und vertont von vier Schauspielern, direkt vor den Augen der Zuschauer mit über 200 handgemachten Zeichnungen  auf teil-beweglichen Animation-Plates sowie mit zahlreichen liebevoll gestalteten Miniaturen, vier Tricktischen, zwei Dolly-Robotern und fünf Kameras Michel Houellebecqs Figuren zum Leben erwecken – der allererste Theaterabend, in dem ein Trickfilm live auf der Theaterbühne erschaffen wird.

Das Krefelder Design- und Künstlerkollektiv sputnic (Malte Jehmlich, Nicolai Skopalik, Nils Voges) arbeitet deutschlandweit und international im Spannungsfeld zwischen Theater, Film, Musik, Performance und Installation. 2008 für ihrenwurde ihr Stop-Motion-Trickfilm SÜDSTADT mit dem renommierten European Grand Off-Award für die Beste Animation ausgezeichnet. Am Schauspiel Dortmund entwickelte sputnic zuletzt Animationen und Visual Effects für EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL und erfand (zusammen mit kainkollektiv) die Reihe STADT OHNE GELD.

Das „Making of  Die Möglichkeit einer Insel“ von Jan Voges gibt Einblick in den Live-Trickfilm und schaut hinter die Kulissen:

 

IRGENDWO ZWISCHEN BIOCHEMIE UND PHILOSOPHIE

Um 4 Uhr 48 | wenn die Klarheit vorbeischaut | für eine Stunde und zwölf Minuten bin ich ganz bei Vernunft. | Kaum ist das vorbei, werd ich wieder verloren sein, eine zerstückelte Puppe, ein absurder Trottel.“

28 Jahre alt ist Sarah Kane, als sie 4.48 Psychose schreibt – ein dunkles Gedicht direkt aus dem Feuer menschlicher Synapsen, eine vielteilige Bestandsaufnahme, hochpoetisch, ein Aufschrei voll Sehnsucht – und ein Abschied. Denn Sarah Kanes fünftes Stück ist zugleich ihr letztes: 1999, kurz nachdem sie das Manuskript ihrem Verleger übergeben hat, nimmt sich der Shooting Star der britischen Dramatik das Leben. Den Tod findet Kane in einer Londoner Klinik, wo sie wegen Depressionen behandelt wurde.
Wohl autobiographisch verweist der Stücktitel auf den Augenblick der größten Klarheit einer Psychiatrie-Patientin: 4 Uhr 48, ein Moment zwischen zwei Medikamentendosen, wo die Tablettenwirkung in den Hintergrund tritt und die Klarheit kommt, die vielleicht zugleich Wahn ist. Auch der Beginn der kurzen Tagesphase, in der die Dramatikerin Kane in diesem Winter 1998/99 schreiben kann.
Die Depression, das Burn-Out – eine Stoffwechselstörung? Oder vielmehr die logische Schlussfolgerung, wenn man mit offenen Augen und offenem Herzen auf unsere Welt schaut? In ihrem 2000 posthum am Londoner Royal Court Theatre uraufgeführtem Text geht die 1971 geborene Sarah Kane in die absolute Nahaufnahme. Sie seziert Fleisch und Geist einer Erkrankung, die selbst Aufgeklärte zutiefst irritiert, lauscht auf den Puls eines Leidens, von dem Millionen von Menschen betroffen sind, das irgendwo zwischen Biochemie, Psychologie und Philosophie angesiedelt scheint. Es ist ein finaler Krieg, auf den Sarah Kane in 4.48 Psychose blickt: Der Krieg des Bewusstseins.

Der Krieg des Bewusstseins: Was ist die Seele? Woraus besteht sie? Und woraus besteht die Krankheit? Für 4.48 Psychose entwickelt Regisseur Kay Voges mit den Software-Ingenieuren Stefan Kögl und Lucas Pleß vom Dortmunder Hackerspace chaostreff dortmund e.V., dem Musiker Tommy Finke, dem Videokünstler Mario Simon und den Schauspielern Björn Gabriel, Merle Wasmuth und Uwe Rohbeck einen besonderen theatralen Laborversuch, der die Metamorphose von Poesie in Elektro-Impulse erforscht – in einem Mensch/Maschine Knoten, in dem sich Körpersignalen der Menschen (Herzschlag, Körpertemperatur, Atemfrequenz usw.) in Sound – und Lichtsignale wandeln: Schichten des Versuchs einer Bestandsaufnahme des Ichs.
4.48 Psychose von Sarah Kane

4.48 PSYCHOSE: 21-Z

21 GRAMM Das Ringen um das Verständnis des Phänomens Seele beschäftigt die Menschheit seit Jahrtausenden, sowohl aus Perspektive des Materialismus als auch der Religion oder des Humanismus. Was ist das Ich? Wo liegt die Seele? Im Herzen, im Gehirn? Existiert sie unabhängig vom Körper? Wo siedelt unsere Trauer, wo wohnt unsere Liebe? Woraus besteht die Seele? Aus Molekülen? Aus Biochemie? Kann man Gefühle messen, kann man Seelen-Krankheit messen, kann man die Seele an sich messen? Den ersten Versuch, die Seele zu wiegen, unternahm der amerikanische Arzt Duncan MacDougall 1901. Er wog mit einer ausgetüftelten Bettwaage sechs sterbende Patienten, um zu beweisen, dass die Seele materiell und messbar sei. Sein Ergebnis: Die Gewichtsdifferenz zwischen lebendigem und toten Patienten betrug durchschnittlich 21 Gramm – zwischen 8 und 35 Gramm. MacDougall experimentierte auch mit Hunden, die er vergiftete und bei deren Sterben er keine Gewichtsabnahme messen konnte, woraus er folgerte, dass Hunde keine Seele besäßen. Spätere Experimente stellten MacDougalls Erkenntnisse in Frage, seine Studien gelten heute als unwissenschaftlich. Als Sinnbild für die Sehnsucht des Menschen, sich selbst zu erkennen und die Seele zu verstehen, sind MacDougalls 21 Gramm jedoch kulturell unsterblich geworden. →LESETIPP 4.48 PSYCHOSE: 21-Z weiterlesen

EIN HERBST, MANY APPLES UND FUSSTRITTE INS GESICHT

In der iWelt ist derzeit viel los: Da ist ein neues iPhone (mit eigenem #bendgate), es gibt Vorwürfe gegen Apple bezüglich gestohlener Nacktbilder und iCloud-Sicherheit  – und aus Hong Kong werden gezielte chinesische Trojaner-Angriffe auf Apple-Geräte von Protestanten gemeldet. Und wieder und wieder in der Presse: Die harten Arbeitsbedingungen bei den asiatischen Apple-Zulieferern. Das Stück dazu läuft ab dem 6. November wieder am Schauspiel Dortmund: Andreas Beck in Mike Daiseys DIE AGONIE UND DIE EKSTASE DES STEVE JOBS (Regie: Jennifer Whigham)! Unsere deutsche Übersetzung hat außerdem morgen am Theater Freiburg Premiere, in der Inszenierung von Robert Teufel! Toitoitoi an die Freiburger Kollegen!

Mit DIE AGONIE UND DIE EKSTASE DES STEVE JOBS-Autor Mike Daisey haben wir im Mai 2012 über westliche Globalisierungsethik, iLiebe und Cyborgs gesprochen:

 

MIKE  DAISEY
Gerade Hightech-Fans sind ja oft besessen von Fragen wie, wo genau eine bestimmte Platine herkommt, mit was für einem Chipset, es gibt Codes auf den Bauteilen… Und mir wurde klar, dass ich zwar viel darüber wusste, wo Bauteile herkommen, aber nicht, wie sie zusammengesetzt werden. Genau da gab es bei mir einen blinden Fleck, eine Leerstelle. Und interessanterweise lag diese Leerstelle genau an dem Punkt, wo sie bei uns offenbar immer liegt: Beim Punkt Arbeitkraft. Immer wenn es um Arbeit, Arbeitskraft geht, legen wir gerne eine Leerstelle drüber, weil wir nicht hinschauen wollen.
Ich bin von Hause aus eigentlich kein Aktivist, hab e zwar viele politische Ansichten, war aber nie im Umfeld von politischen Gruppen. Dieser Monolog ist mit Abstand der aktivistischste, den ich je gemacht habe – und der Grund ist wohl, dass mir bei der Recherche bewusst wurde, dass man tatsächlich ziemlich einfach etwas tun könnte. Was aber nicht passiert.
Es ist nicht die Sorte Theater, die zwar über die Arbeitsbedingungen in China erzählt, aber dann sagt: „Wirtschaft ist ein sehr komplexes Thema, China ist ein komplexes Land. Und wie können wir jemals wissen, was richtig und was falsch ist? Die Welt ist so groß. Und wir alle leben in ihr.“ Und dann eine lange Pause, bevor langsam die Scheinwerfer dunkler werden. Und alle würden rausgehen mit einem „Jaja…alles furchtbar komplex…“. Ich glaube, dass die logistischen Fragen zwar komplex sind, aber nicht so komplex und unüberwindbar, dass mein, dass unser Verhalten zu rechtfertigen wäre.

 

ANNE-KATHRIN SCHULZ
Auch die Firmen würden wohl kaum in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Apple beispielsweise gilt seit Jahren als visionärstes und innovativstes Unternehmen der Branche und ist finanziell höchst erfolgreich. Anfang 2012 gab Apple bekannt, dass die Bruttogewinnspanne im vierten Quartal 2011 bei 44,7 Prozent lag – dass also durchschnittlich knapp die Hälfte des Verkaufspreises jedes Geräts direkt auf die Apple Konten fließen. Die Firma hat ein Barvermögen von 100 Milliarden Dollar.

 

DAISEY
Die Arbeitskosten in China sind lächerlich gering. Andere Elektronikfirmen haben vielleicht kleinere Gewinnmargen als Apple, aber alle könnten sich Reformen finanziell leisten, ohne Frage. Ich habe schon NEUROMANCER oder SNOW CRASH erwähnt – solche Bücher faszinieren mich, und mir ist irgendwann bewusst geworden, dass solche Szenarien nicht nur im Science-Fiction-Genre zu finden sind, sondern bereits in unserer realen Welt existieren. Und ich das lediglich nicht sehen wollte.
Mit den Sonderwirtschaftszonen hat China Orte geschaffen, in denen die Unternehmen das Sagen haben. Da kann man sehen, wie die Zukunft aussehen wird. Es ist kein menschlicher Stiefel mehr, der einem da ins Gesicht tritt, es ist der Fußtritt eines Unternehmens. Welches immer noch einen Teil von uns darstellt, klar. Aber es ist ein Fußtritt jenseits persönlicher Verantwortung. Man kann keine Individuen mehr verantwortlich machen.

 

SCHULZ
Könnte es sein, dass eine Geschichte, die hinter die ökonomischen Kulissen eines Smartphones blickt, auf die dunkle Seite, uns emotional eher betrifft, als wenn es um unseren Teppich ginge, wo und wie dieser hergestellt wird und von wem?

 

DAISEY
Wir haben hier ein Gerät, dass so Teil unserer intimsten Privatsphäre ist, als wäre es Teil von uns, in uns eingebaut, Teil unserer Körper. Im Monolog heißt es: Die Zukunft ist schon da, wir sind schon Cyborgs. Diese Geräte sind ein untrennbarer Bestandteil unseres Blicks auf unsere Existenz. Wir sehen die Welt, und zwar auch durch unser Telefon. Man sitzt z.B. physisch miteinander beim Kaffee und ist gleichzeitig auf Facebook und Twitter aktiv. Das fasziniert mich.
Ich war schon früh in Netzwerken unterwegs, noch bevor es das Internet gab, wie wir es heute kennen. Aber ich und die anderen damals wussten, dass wir Freaks waren, Außenseiter. Aber heutzutage ist praktisch jeder dabei. Die Welt heute besteht aus vielen Schichten. Heutzutage sind wir hier und gleichzeitig kennen wir Leute per Facebook und Twitter. Und je realer all diese Sachen werden und sich all diese Schichten um uns legen, desto wertvoller ist die Option, diese ganzen menschlichen Beziehungen per Telefon zu pflegen. Das einzige, was ich vielleicht – und das ist jetzt ein großes „vielleicht“ – öfter bei mir habe als mein Telefon, ist mein Portemonnaie. Vielleicht. Aber das ist nur ein Behältnis. Mein Telefon ist etwas völlig anderes. Es ist ein Portal.

 

SCHULZ
Und damit etwas sehr persönliches. Ich war beim ersten Lesen von DIE AGONIE UND DIE EKSTASE DES STEVE JOBS überrascht über die Fallgeschwindigkeit, die der Text in mir erreicht. Ich bin kein leidenschaftlicher Apple-Fan oder Computerexperte – ich benutze zwar ein Laptop, würde es aber sicher nicht zur Entspannung in seine 43 Einzelteile zerlegen, aber: Es ist ein Stück über uns, heute. Das irritiert, das trifft.

 

DAISEY
Interessanterweise gab es eigentlich immer zwei Shows, die sehr verschieden sind – die im Theater und die draußen. Seit der Uraufführung haben Tech-Experten und Branchenvertreter sehr bösartig agiert, reagiert, auf den Halbschatten an Informationen, den es über den Abend gab, auf die Fußabdrücke, die er hinterließ – aber nicht im Theaterraum selber.

 

SCHULZ
Nach der New Yorker Premiere kam der große Erfolg.

 

DAISEY
Ich habe teilweise bis zu zwei, drei Interviews am Tag gegeben, über Monate, während ich abends aufgetreten bin. Tagsüber gab es also eine ganz andere Art von Theater als abends. Eine Kernfrage die der Abend stellt ist: „Sollte es uns kümmern?“ – auf den ersten Blick erstmal eine Frage, die man doch nicht ernsthaft überhaupt stellen muss. Aber dennoch das Herz des Stückes.

 

SCHULZ
Der Text behauptet, ein Virus zu beinhalten.

 

DAISEY
Und man kann nicht kontrollieren, wie genau die Immunreaktion auf ein Virus ausfällt – weder im Theaterraum, noch global.

 

Das komplette Interview findet Sie hier.

DIE ZEIT IST AUS DEN FUGEN

DIE ZEIT IST AUS DEN FUGEN

Wie oft William Shakespeares Tragödie HAMLET seit ihrer Entstehung um 1600 auf den Bühnen dieser Welt aufgeführt wurde, vermag niemand genau zu sagen. Eins aber ist sicher: Es gab in den vergangenen rund 400 Jahren Millionen von Zuschauern, die die Geschehnisse hinter den Mauern von Helsingör immer wieder neu mit offenen Herzen und Hirnen erleben wollten. Und wenn – was selten genug vorkommt – ein Theatertext die Menschen dermaßen konstant fasziniert, und das in vielen Sprachen und Ländern, so ist oft einer der Gründe dafür, dass die Dialoge, Figuren und Fragen des Dramas Kompositionen ermöglichen, die – unabhängig vom Wann und Wo – unsere Synapsen zum Schwingen bringen. Unsere Gegenwart.

Ein Mikrokosmos, in dem das Theater der Welt stattfindet. Ein Schauplatz, ein Ort des Sehens und Gesehen-Werdens: Schloss Helsingör, Dänemark. Eine neue Epoche beginnt mit Gewalt. Claudius ermordet heimlich seinen Bruder, den König von Dänemark, heiratet dessen Frau Gertrud und reißt den Thron an sich. Dann sind da noch Polonius, der Claudius zur Seite steht, dessen Sohn Laertes, der sofort abrei­sen will, seine Schwester Ophelia – und die Schauspieler. Von außen drohen Feinde, innen verfaulen Ethik und Moral – verfault ein Land. Das Verbrechen, mit dem so manches begann, bleibt nicht lange ein Geheimnis, doch auf allem, aus dem eine echte Revolution erwachsen könnte, liegt ein Mehltau. Hamlet, Sohn des Ermordeten, ringt mit Wahrheit und Wahnsinn. Und er ist nicht der Einzige, der bald erkennen muss, dass man in der eigenen Heimat zum Fremden werden kann. Im Spannungsfeld von Virtualität, Realität, Sein oder Nicht-Sein: Was genau ist das, was alles und jeden zu verzehren droht? Was sind die Krankheiten der Zeit? Wo anfangen, sie zu bekämpfen? Und – wie?

MENSCHEN, DIE IN IHRER ZEIT VERLOREN GEHEN

William Shakespeare (1564 – 1616) zeichnet in HAMLET eine Welt am Abgrund. Sein Dänemark ist ein Kosmos im Umbruch, in dem überall Paranoia, Zweifel und Einsamkeit lauern. Shakespeares wohl berühmteste Tragödie strahlt seit Stückentstehung durch die Jahrhunderte, lauscht gleich einem Seismographen in die Erschütterungen der Jetztzeit. Macht sich auf die Suche nach der Architektur der Welt – nach dem, was die Menschen zusammenhält, nach dem Ich in einer Zeit aus den Fugen, sieht Verlorengegangenes und Verlorengegangene, Macht und Ohnmacht, lädt ein zu einem offenen Blick auf die Gegenwart der Evolution und auf die Evolution der Gegenwart – auf all das, was fasziniert und überfordert, verängstigt und anspornt, verwirrt und verblüfft. Europa, 2014: Was ist der Mensch?

 

HAMLET A-Z

© Edi Szekely
© Edi Szekely

ALGORITHMUS Im Alltagsleben begegnen wir algorithmischen Formeln mittlerweile überall: Sie werten Daten aus – sie berechnen z.B. Börsenkurse, durch sie werden Kunstprojekte realisiert, Werbeprofile erstellt oder nachrichtendienstliche Erkenntnisse gewonnen. Gute Algorithmen sind für Firmen wichtigstes Kapital: Googles hauseigener Algorithmus
„Hummingbird“ zum Beispiel verarbeitet mittlerweile 90% aller Suchanfragen und kann vermutlich die Absicht hinter unseren Sucheingaben mittlerweile besser verstehen als wir selber. |→DATEN | →KEITH ALEXANDER | →KEYWORDS | →MAX/MSP | →ONLINE | →RAY KURZWEIL | →POST-HUMANISMUS | →POST-PANOPTICON | →VIDEOART | →WHISTLEBLOWER

ANTHROPOZÄN Hat die Menschheit ihren Planeten in eine neue geologische Epoche getrieben? 2000 brachten Forscher den Begriff „Anthropozän“ ins Spiel – das Zeitalter des Menschen. Jede neue geologische Epoche muss anhand einer einheitlichen Schicht im Boden weltweit nachweisbar sein. Doch erfüllen die von der Menschheit gebohrten Löcher und Tunnel, die verlegten Glasfaser- und Kupfer-Kabel sowie Rohre (allein in deutschem Boden liegen über 1,4 Milliarden km Abwasserleitungen), die unterirdischen Atomtests, Mülldeponien und Gasspeicher inzwischen diese Voraussetzung? Die Internationale Kommission für Stratigraphie (ICS) berät weiter. →DATEN | →FRANKENSTEIN | →PROMETHEUS | →ZWEIFEL

BLADE RUNNER ist ein amerikanischer Science-Fiction-Cyberpunk-Film aus dem Jahre 1982 (Regie: Ridley Scott), in dem ursprünglich zum Arbeitseinsatz auf fremden Planeten konstruierte Androiden auf die Erde fliehen und dort um das Verständnis ihrer Selbst, um ihre Existenz ringen. Sein oder Nicht-Sein? Literarische Vorlage ist der Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ von Philip K. Dick. Theatertipp: „Minority Report oder Mörder der Zukunft“ nach Steven Spielberg und Philip K. Dick, Schauspiel Dortmund (Regie: Klaus Gehre) | →FRANKENSTEIN | →POSTHUMANISMUS | →TRANSHUMANISMUS →WILLIAM SHAKESPEARE | →ZWEIFEL

COLLATERAL MURDER-VIDEO Neben den Snowden-Files ist das sogenannte „Collateral Murder“-Video einer der berühmtesten Leaks der letzten Jahre. Veröffentlicht von Wikileaks am 5. April 2010, erregte der Clip weltweit Betroffenheit und Wut. Er zeigt Cockpit-Footage eines amerikanischen Helikopters, der bei Bagdad Menschen erschießt, die angeblich bewaffnete Kämpfer sind. Da sich unter den Getöteten zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters befinden, versuchte Reuters in Folge (unter Berufung auf den amerikanischen Freedom of Information Act), die Hubschrauber-Aufnahmen zu bekommen – erfolglos. Erst als der amerikanische Soldat Bradley Manning (später Chelsea Manning) die Aufnahmen im Militärnetzwerk findet und Wikileaks zukommen lässt, erfährt die Welt, was damals, am 12. Juli 2007, wirklich geschah. Das Video ist unter www.collateralmurder.com noch heute einsehbar. | →DATEN | →GEGENWARTSSCHOCK | →KEITH ALEXANDER | →ONLINE | →WHISTLEBLOWER | →WILLIAM SHAKESPEARE | →ZWEIFEL

DATEN werden derzeit als der wertvollste Rohstoff der Gegenwart und Zukunft gehandelt, als das „Öl des 21. Jahrhunderts“ – mit dem Potential, das Menschsein auf völlig neue Art neu durchdringen zu können. Inzwischen lagern bereits Zettabytes (eine Zahl mit 21 Nullen) auf Servern in aller Welt, und es werden sekündlich mehr. Bei „Big Data“ geht es um wesentlich mehr als das Optimieren von Werbung. Wenn es praktisch unendliche Datenmengen gibt – aus allen Bereichen des Lebens – und die richtigen Algorithmen (also die Möglichkeit, diese Datenmengen auch sinnvoll auszuwerten), wird die Vision vom „Gläsernen Menschen“ dann wahr? Falls ja, was bedeutet das – für die Medizin, für Gesellschaft, für Politik, für die Wirtschaft? Und: Ab wann sind Gefühle und die Gedanken nicht mehr frei? Lesetipp: Heinrich Geiselberger und Tobias Moorstedt (Hrsg.): Big Data. Das neue Versprechen der Allwissenheit. |→ALGORITHMUS | →KAMERAS | →MICHEL FOUCAULT | →PANOPTISMUS | →POST-PANOPTICON | → RAY KURZWEIL →ÜBERWACHUNG | →VIDEOART | →WILLIAM SHAKESPEARE | →ZWEIFEL

DAVID MIRANDA ist der Lebenspartner des britischen Journalisten →GLENN GREENWALD und wurde am 19. August 2013 während einer Reise von Deutschland in sein Heimatland Brasilien am Londoner Flughafen Heathrow unter Berufung auf Anti-Terror-Maßnahmen einer neunstündigen Festnahme und Durchsuchung unterzogen ohne Zugang auf einen Anwalt. Greenwald verurteilte die unwürdige Behandlung und wertete sie als Drohgeste und Einschüchterung gegenüber ihm, seinen Kollegen und Freunden. Nach einem neunstündigen Verhör beschlagnahmten die Sicherheitskräfte Mirandas Gepäck, darunter mehrere externe Festplatten. Ende Februar 2014 entschied ein britisches Gericht, dass die Festnahme Mirandas rechtens und „angesichts der Umstände angemessen“ war, woraufhin der Guardian in einem Leitartikel schrieb: „Das Urteil zeigt eine sehr enge Definition von Journalismus im 21. Jahrhundert, aber eine sehr großzügige Definition von ‚Terrorismus.‘“ Miranda legte Berufung ein. | →GLENN GREENWALD | →THE GUARDIAN | → THE INTERCEPT

DIE HAMLETMASCHINE ist ein im Jahr 1977 entstandener Theatertext von Heiner Müller, der trotz seiner Länge von bloß neun Seiten ein atemberaubend dichtes, opulentes und bedeutungsschwangeres Verwirrspiel und Gedankenkonstrukt abbildet, dass den „Hamlet“-Stoff frei assoziierend weiterdenkt und auf die Situation und Traumwelt einer Künstlerexistenz im damaligen Ostblock überschreibt. Müller lässt die Schauspieler von Hamlet und Ophelia aus ihren Rollen treten und sie distanziert von der Figur sprechen. Berühmt sind die ersten Sätze der „Hamletmaschine“: „Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und sprach mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa. Die Glocken läuteten das Staatsbegräbnis ein, Mörder und Witwe ein Paar, im Stechschritt hinter dem Sarg des hohen Kadavers die Räte, heulend in schlecht bezahlter Trauer.“ Theatertipp: „Die Hamletmaschine“ im Schauspiel Dortmund (Regie: Uwe Schmieder). | →POLITISCHES THEATER | →REVOLUTION | → WILLIAM SHAKESPEARE | →ZWEIFEL | → WEITERE STIMMEN

© Edi Szekely
© Edi Szekely

DIE MAUSEFALLE ist der Titel des Stücks, das die Theatertruppe im Auftrag von Hamlet am dänischen Hof spielt. Es handelt von einem König, der von seinem Bruder im Schlaf vergiftet wird. Hamlet will so den Mörder Claudius entlarven. Mit Erfolg: Claudius verlässt tatsächlich abrupt die Aufführung. Damit wird „Die Mausefalle“ ein Beispiel von politischem Theater: Dem Mächtigen den Spiegel vorhalten, auf dass er reflektieren möge. Vom Stück im Stück ließ sich auch Agatha Christie für ihr berühmtes „Whodunit“-Krimistück „Die Mausefalle“ inspirieren, das seit 1952 täglich im Londoner West End aufgeführt wird. | →POLITISCHES THEATER | →ÜBERWACHUNG | →WHISTLEBLOWER | →WILLIAM SHAKESPEARE | →ZWEIFEL

DIGIPHRENIE. Da wir den →GEGENWARTSSCHOCK um uns herum kaum mehr merken können, leben wir laut dem amerikanischen Medientheoretiker Douglas Rushkoff im Zeitalter der sog. Digiphrenie – der Diskrepanz zwischen der Scheingegenwart, die uns ein „digitales Dauerbombardement“ erleben ließe, und dem realen Jetzt des „echten lebenden Menschen“. Unser Verhältnis zu Raum und Zeit sei ebenso kollabiert wie unser Verhältnis zur Narration: Befinde ich mich gerade beim Frühstück oder doch eher via Facebook im Urlaub meiner besten Freunde? Sitzt mein Ich in der Bar oder in der Twitter-Timeline? Wie geht ein Soldat damit um, per Fernsteuerung mit Drohnen Menschen in Afghanistan zu töten, und kurz darauf in den USA mit seiner Familie Abend zu essen? Das uralte Gleichgewicht zwischen chronos, der echten Uhrzeit, und kairos, unserem inneren Zeitgefühl, ist gefährdet – ein Aspekt der Zeit, die aus den Fugen ist. →ONLINE | →TRANSHUMANISMUS | →ZWEIFEL | →WEITERE STIMMEN

EBEN MOGLEN ist (* 1959) ist Professor für Recht und Rechtsgeschichte an der Columbia Law School in New York. Er ist einer der prominentesten Verfechter für Open Software – in einer Welt, in der unser Leben so eng mit technischen Geräten verzahnt ist, sei es wichtig, dass durch freie Software alle Zugriff auf diese Technik hätten, damit die gesellschaftliche Macht auf viele verteilt werden könne. Freie Software sei also eine unverzichtbare Grundlage für die Demokratie. Zu den Snowden-Veröffentlichungen gab er eine mehrteilige Vorlesungsreihe. →WHISTLEBLOWER | →WEITERE STIMMEN

FRANKENSTEIN ist die Hauptfigur in Mary Shelleys Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ von 1818: Der vermutlich schizophren gestörte Forscher Viktor Frankenstein erschafft den ersten künstlichen Menschen. Das zweieinhalb Meter große Wesen verhält sich zu Beginn naiv, leidet jedoch immer mehr an seiner endlos großen Einsamkeit und kompensiert diese mit maßloser Gewalt und Rachsucht gegen seinen Schöpfer, der während der ganzen Handlung des Romans nicht mal daran dachte, seiner Kreatur einen Namen zu geben. In tiefer Abscheu vor sich selbst beendet die Kreatur letztlich ihr Leben in den Flammen eines Scheiterhaufens. Am Bekanntesten ist Frankenstein wohl durch die legendäre Verfilmung aus dem Jahr 1931, aus der der Ausruf „Es lebt! Es lebt!“ sowie der unnachahmlich gefühlslose Blick der von Boris Karloff gespielten Kreatur wohl jedem Filmfreund bekannt ist. Der „Frankenstein“-Stoff erinnert an die jüdische Legende vom Golem, bei der ein Prager Rabbi mithilfe der vier Elemente einer Lehmfigur Leben einhaucht. Der Golem kann nicht sprechen oder denken, aber Befehle jedweder Art – gut wie böse – mit eisernem Willen befolgen. | →BLADE RUNNER →FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE | →PROMETHEUS | →TRANSHUMANISMUS →SCHIZOPHRENIE | →WILLIAM SHAKESPEARE | →ZWEIFEL

FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE ist ein Horrorfilm aus dem Jahre 1989 nach dem gleichnamigen Bestseller von Stephen King. In der Kleinstadt Ludlow kehren Tote, die hinter dem örtlichen Tierfriedhof begraben werden, fatal verändert ins Leben zurück! Church, der graue Kater der Familie Creed, erlangte als Wiederkehrer weltweit Unsterblichkeit – er schaffte es sogar auf die Filmplakate. →FRANKENSTEIN | →ZWEIFEL

GEGENWARTSSCHOCK UND NARRATIONSKOLLAPS In seinem Buch „PRESENT SHOCK: Wenn alles jetzt passiert” zeichnet der amerikanische Medientheoretiker Douglas Rushkoff das Bild einer Epoche, in der der Mensch durch die globale Vernetzung Vorkommnissen in aller Welt gleichzeitig ausgesetzt ist, alles sieht – und doch nichts, mit menschlichen Synapsen in ständiger Überforderung. „Der Mikrochip gibt den Takt vor. Er ist zum Sinnbild für unseren verzweifelten Versuch geworden, mit uns selbst Schritt zu halten.“ Rushkoff beobachtet im „neuen Jetzt“ außerdem einen „Bedeutungsverlust von allem, was nicht gegenwärtig ist, weil der Ansturm von allem, was genau jetzt passiert, so gewaltig ist“. Das Gegenwärtige verschlucke das Vorherige – und damit auch die Zeit, die das menschliche Gehirn dazu brauchen würde, den Gegenwartsschock überhaupt zu bemerken oder gar zu reflektieren. Was bedeutet das für die menschliche Zeit und Narration? „Wie funktioniert Politik ohne Rückgriff auf die großen Erzählungen?“, wie lassen sich „Geschichten erzählen und Werte vermitteln“, wenn wir, überflutet vom permanenten Jetzt, „nicht mehr dazu kommen, einer linearen Handlung zu folgen?“ |→ANTHROPOZÄN | →ALGORITHMUS →DATEN | →DIGIPHRENIE | →KAMERAS | →REVOLUTION | →WILLIAM SHAKESPEARE | →ZWEIFEL | →WEITERE STIMMEN

GENDER ist ein großes Thema in den sozialen Medien. Da Online-Avatare und Offline-Physis in keinem zwingenden Zusammenhang stehen, stellt sich auch die Frage nach geschlechtlicher Selbstidentifizierung neu. Im Februar entschloss sich Facebook, die rigide Einteilung in männliches oder weibliches Geschlecht aufzuheben und bietet seitdem stattdessen gleich fünfzig Möglichkeiten an, seine Geschlechtszugehörigkeit zu definieren: intersexuell, transsexuell, pansexuell, asexuell, transgender… |→TRANSHUMANISMUS

GLEICHZEITIGKEIT DES UNGLEICHZEITIGENEN ist ein Begriff des Philosophen Ernst Bloch (1885-1977), der damit während der Endphase der Weimarer Republik erklären wollte, warum das Staatsgebilde immer mehr aus den Fugen schien: „Nicht alle sind im selben Jetzt da“, so sein Grundgedanke. „Sie sind es nur äußerlich, dadurch, dass sie heute zu sehen sind. Damit aber leben sie noch nicht mit den anderen zugleich. Sie tragen vielmehr Früheres mit, das mischt sich ein“, schreibt Bloch 1935 in „Erbschaft der Zeit“. Sowohl äußerst moderne wie auch erzkonservative Lebensstile, Handlungsweisen und Ideologien können laut Bloch zur gleichen Zeit parallel nebenher laufen und sich teils auch überschneiden – mit oftmals großem Konfliktpotenzial. Bloch bezog diese gleichzeitige Ungleichzeitigkeit auf den mangelnden allgemeinen Fortschritt. |→ANTHROPOZÄN →BLADE RUNNER | →GEGENWARTSSCHOCK | →DIGIPHRENIE | →RAY KURZWEIL | →TED KACZYINSKI | →WILLIAM SHAKESPEARE | →ZWEIFEL

GLITCH (jiddisch „Ausrutscher“, „Unvollständigkeit“) ist der Name für einen oft nur kurz währenden, mitunter aber auch dauerhaften Fehler bei der Ausführung von Programmen. Winzige Systemfehler wie hakende Bilder, stotternder Sound, falsche Farben, plötzliche Störgeräusche, Rauschen und Flimmern, Verzerrungen, sich wiederholende Videosequenzen oder fehlerhaft agierende Befehle sind typische Beispiele für Glitchs. Sie stellen das alte Sprichwort „Irren ist menschlich!“ infrage, denn Glitchs sind bei Elektrogeräten de facto so unvermeidlich und natürlich wie Irrtümer, Fehlhandlungen oder das Vergessen beim Menschen. Die Wahrheit hinter der Oberfläche: Medienkünstler und Musiker setzen Glitches bisweilen gezielt ein – sie schätzen das kreative Potential des vermeintlichen „Fehlers“. In der Musik hat es der Glitch sogar zu einem eigenen Genre gebracht: Glitch, der schwammige Sammelbegriff für ein Elektro-Musikgenre, dessen Material sich aus der künstlerischen Würdigung des Fehlbaren speist. Musiker wie Alva Noto oder Oval lauschen dem Knacksen kaputter Stromkreise oder dem Stottern demolierter CDs in absichtlich falsch präparierten Abspielgeräten. Was vielleicht auf dem Papier nach unhörbarem Krach anmutet, klingt oftmals jedoch überraschend gut. | →ALGORITHMUS | →DATEN | →KAMERAS | →KINECT | →POSTHUMANISMUS | →VIDEOART

© Edi Szekely
© Edi Szekely

HALLUZINATIONEN sind Sinneseindrücke, die vom Betroffenen als wahr erachtet werden, ohne dass es externe Grundlagen für diese Wahrnehmungen gibt. Gründe dafür können Schlafentzug, Drogeneinnahme, Drogenentzug, Reizüberflutung, Reizunterforderung, psychische Störungen oder eine Stoffwechselstörung im Gehirn sein. Als „Hypnagogie“ bezeichnet man Halluzinationen, die einen abends im fließenden Wandel vom Wachsein zum Halbschlaf oder Wegdämmern ereilen können. (Lesetipp: Oliver Sacks, „Drachen, Doppelgänger und Dämonen. Über Menschen mit Halluzinationen“). | →GEGENWARTSSCHOCK → DIGIPHRENIE | →SCHIZOPHRENIE | →WILLIAM SHAKESPEARE | →ZWEIFEL | →POST-PANOPTICON

HELSINGÖR (auch Helsingør oder Elsinore) ist eine idyllisch gelegene Kleinstadt an Dänemarks östlicher Küste, direkt der schwedischen Stadt Helsingborg gegenüber. In die Literaturgeschichte ging das verschlafene und windumtoste Städtchen als Schauplatz der Hamlet“-Geschichte ein. Im hiesigen Schloss Kronborg siedelte Shakespeare die Geschichte an. Seit 2000 ist die Kronborg Weltkulturerbe der UNESCO. Erstmals wurde „Hamlet“ in jenen Gemäuern 1816 gespielt – zum 200. Todestag des Autors. Heutzutage bekommen Touristengruppen und Shakespeare-Fans jeden Tag um halb eins eine „Hamlet“-Führung, Kosten: 40 dänische Kronen pro Nase. | → REGIZID | → WILLIAM SHAKESPEARE | → ZWEIFEL

KAMERAS Im „Hamlet“-Bühnenbild befinden sich (zwischen Schlafzimmer und Wohnzimmer, beim Labor in der Nähe des Gartenhauses sowie in der Kapelle) insgesamt drei sogenannte PTZ (Pan-Tilt-Zoom)-Kameras. Diese beweglichen Full-HD-Kameras können mit 18-fachem optischen Zoom nahezu jede Aktion im Bühnenbild erfassen und werden während der Vorstellung von Jan Voges durch eine Steuereinheit mit Zoomhebel und Richtungslenkarm bedient. Insgesamt sind sieben Kameras im Einsatz – neben den PTZ-Kameras kommt noch eine von Robin Otterbein geführte Handkamera sowie eine Dom-Kamera zum Einsatz, um alle Geschehnisse direkt übertragen zu können – sowie eine Kamera aus der Vogelperspektive und die →KINECT | →DATEN | →GEGENWARTSSCHOCK | →MAX/MSP | →PANOPTISMUS →POST-PANOPTICON | →VIDEOART

KEITH ALEXANDER (*1951) war bis März 2014 Direktor der National Security Agency (NSA) – von Kritikern wird ihm ein juristisch grenzwertiger Drang, den ultimativen Spionageapparat aufzubauen, vorgeworfen. Internationale Bekanntheit erlangte Alexander im Sommer 2013 im Zuge der Snowden-Enthüllungen, die riesige Datensammlungen offenlegten. Aus dieser Zeit stammt auch das berühmte Zitat Alexanders: „Man braucht die Daten, man braucht den Heuhaufen, um die Nadel zu finden.“ | →ALGORITHMEN | →DATEN →KEYWORDS | →LAURA POITRAS | →PANOPTISMUS | →POST-PANOPTICON | →WHISTLEBLOWER

KEYWORDS 2012 wurde das amerikanische Department of Homeland Security gerichtlich dazu verpflichtet, eine Liste mit Schlagwörtern zu veröffentlichen, auf die sie Internet-Kommunikation durchsucht hatten, darunter auch Begriffe wie Schwein, Afghanistan, Irak, biologisch, China, Puder, Tsunami, Flughafen, Wolke, Piraten oder Kain & Abel. Es gilt als wahrscheinlich, dass hierbei nicht nach einzelnen Wörtern Ausschau gehalten wurde, sondern nach bestimmten Wortkombinationen. Dass diese Liste mit 377 Wörtern die einzige ihrer Art ist, gilt dagegen als unwahrscheinlich. | →ALGORITHMUS | →DATEN | →KEITH ALEXANDER | →ONLINE | →ÜBERWACHUNG

KINECT ist eine 3D-Kamera von Microsoft, die von einem der größten Experten für Mensch/Maschine-Schnittstellen, Johnny Chung Lee, ursprünglich für die Spielkonsole Xbox entwickelt wurde, um Computerspiele durch Körperbewegungen und Stimme zu steuern. Die visionäre Sensoren-Technik der Kinect (u.a. Tiefensensoren, Farbkamera, 3D Mikrophon) stieß schnell auch außerhalb der Gamer-Szene auf großes Interesse – inzwischen gibt es die verschiedensten Open Source-Softwareentwicklungen, die es dem Anwender erlauben, die Kinect auch ohne die Xbox anzusteuern, Menschen und Objekte digital zu erfassen und die so gewonnenen Daten auf die vielfältigsten Arten mit anderen Daten, Algorithmen und Layern zu verknüpfen, z.B. für 3D-Modelle und als Grundlage für Animationen. Bei „Hamlet“ steht die Kinect in der Bühnenmitte nahe der Rampe und generiert live Daten aus den Schauspielern. | →ALGORITHMEN | →DATEN | →KAMERAS | →VIDEOART

LAURA POITRAS (*1962) ist eine amerikanische Dokumentarfilmerin, die derzeit in Berlin lebt. Poitras wird seit Veröffentlichung ihres Oscar-nominierten Irak-Films „My Country, My Country“ (2006) von Behörden ihres Heimatlandes als terrorverdächtig eingestuft und auf einer „watchlist“ geführt. Sie wurde zigmal bei Einreise in die USA schikaniert und verhört, ihre Unterlagen und Datenträger beschlag­nahmt. Poitras traf Edward Snowden zusammen mit Glenn Greenwald in Hongkong. Seit Februar 2014 ist sie vor allem für die Website „The Intercept“ tätig. | →ANTHROPOZÄN | →COLLETERAL MURDER-VIDEO | →ÜBERWACHUNG | →REGIZID | →REVOLUTION | →WHISTLEBLOWER | →ZWEIFEL

COLLATERAL MURDER Neben den Snowden-Files ist das sogenannte „Collateral Murder“-Video einer der berühmtesten Leaks der letzten Jahre. Veröffentlicht von Wikileaks am 5. April 2010, erregte der Clip weltweit Betroffenheit und Wut. Er zeigt Cockpit-Footage eines amerikanischen Helikopters, der bei Bagdad Menschen erschießt, die angeblich bewaffnete Kämpfer sind. Da sich unter den Getöteten zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters befinden, versuchte Reuters in Folge (unter Berufung auf den amerikanischen Freedom of Information Act), die Hubschrauber-Aufnahmen zu bekommen – erfolglos. Erst als der amerikanische Soldat Bradley Manning (später Chelsea Manning) die Aufnahmen im Militärnetzwerk findet und Wikileaks zukommen lässt, erfährt die Welt, was damals, am 12. Juli 2007, wirklich geschah. | →DATEN | →GEGENWARTSSCHOCK | →KEITH ALEXANDER | →ONLINE | →WHISTLEBLOWER | →WILLIAM SHAKESPEARE | →ZWEIFEL

MAX/MSP ist eine graphische Programmiersprache für Musik, Video und Multimedia, die für Arbeiten in Echtzeit ausgelegt ist, eine Art Echtzeit-Software-Synthesizer. Mit MAX/MSP und den Signalen von sieben Kameras generiert und komponiert Daniel Hengst live während der Vorstellung die „Hamlet“-Bildwelten. | →ALGORITHMUS→DATEN | →KAMERAS |→KINECT | → KAMERAS | →VIDEOART

MICHEL FOUCAULT ist ein berühmter französischer Historiker und Philosoph (1926-1984), der in seinem umfangreichen Werk die Beziehungen zwischen Wissen und Macht sowie dessen Nutzung durch soziale Kontrollorgane untersuchte. Er widmete sich zunächst der Geschichte des Wahnsinns und der Psychiatrie in Europa („Wahnsinn und Gesellschaft“, 1963), später analysierte er Institutionen wie Klinik oder Gefängnis („Überwachen und Strafen“, 1977) oder die Geschichte der Sexualität. In „Die Ordnung der Dinge“ (1966) beschreibt er das Entstehen der Linguistik, Soziologie oder auch Psychoanalyse und schlussfolgert, dass diese den Menschen als einen vom Unterbewusstsein Getriebenen zeichnen. Gerade deshalb sei die Figur des Menschen in der Wissenschaft kein souveränes und selbstbestimmtes Individuum, sondern, so Foucault, werde „verschwinden wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.“ | →ALGORITHMUS | →PANOPTICON | →PANOPTISMUS | →POST-PANOPTICON | →WILLIAM SHAKESPEARE | →ZWEIFEL | →WEITERE STIMMEN

© Edi Szekely
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ONLINE Laut der ARD/ZDF-Onlinestudie 2014 steigt die Internetnutzung weiter an. 79 Prozent der Deutschen sind online – 55,6 Millionen Deutschen ab 14 Jahren (und damit 1,4 Millionen mehr als 2013). Jeder zweite Onliner greift inzwischen auch unterwegs auf Netzinhalte zu. | →ALGORHITMUS | →ANTHROPOZÄN | →DATEN | →DIGIPHRENIE →GEGENWARTSSCHOCK | →KEITH ALEXANDER | →MICHEAL FOUCAULT →PANOPTISMUS | →POST-PANOPTICON | →REVOLUTION | →ÜBERWACHUNG

PANOPTICON Eine vom englischen Juristen und Sozialreformer Jeremy Bentham um 1800 erdachte Gefängnisform, die die gleichzeitige Überwachung vieler Menschen durch einen einzelnen Überwacher ermöglicht. Im Idealfall ist ein panoptisches Gefängnis kreisrund, mit einem von außen verspiegelten, also uneinsehbaren Überwachungsturm in der Mitte. Um diesen Turm herum verteilen sich die stets erleuchteten Einzelzellen der Insassen. Der Wärter in der Mitte kann also alle Insassen sehen, diese ihn aber nicht. So wissen die Insassen nicht, ob sie gerade überwacht werden. Bentham plädierte für die Anwendung dieser Architektur auch in Fabriken, Schulen oder Psychiatrien. |→KEITH ALEXANDER | →MICHEL FOUCAULT | →PANOPTISMUS | →POST-PANOPTISMUS | →ÜBERWACHUNG

PANOPTISMUS Eine von Michel Foucault 1977 formulierte Theorie („Überwachen und Strafen“), nach der bereits im frühen Kapitalismus der Wunsch nach möglichst effizienter, allgemeiner gesellschaftlicher Disziplinierung immer drängender geworden sei. Das Extrem einer effizienten Überwachung: Ein sich über alle Sphären der Gesellschaft spannendes Netz. Wenn kein Bürger mehr wissen könne, ob er gerade überwacht wird oder nicht, diszipliniere er sich sicherheitshalber permanent selbst – überwacht sich also selber. Über einen längeren Zeitraum, so Foucault, führt dieser Mechanismus zu einer Verinnerlichung der erwarteten Normen und zur vollkommenen Unmöglichkeit, diese Normen brechen zu können – oder auch nur daran zu denken. |→ANTHROPOZÄN | →BLADE RUNNER | →WHISTLEBLOWER | →KAMERAS | →KEITH ALEXANDER |→MICHEL FOUCAULT | →ONLINE | →PANOPTICON | →POST-PANOPTICON | →REVOLUTION | →SCHREIBMASCHINE | →ÜBERWACHUNG | →WILLIAM SHAKESPEARE

POLITISCHES THEATER begreift das Theater als Kunst, die die Gesellschaft sowie den politischen Status Quo hinterfragt und mehr ist als bloße Massenbespaßung. „Wo die ganze Nation betroffen ist, darf das Theater nicht hintan stehen“, so der einflussreiche Regisseur Erwin Piscator (1893-1966), der den Begriff in den 1920er Jahren prägte. Piscators Werke wollten – ähnlich wie bei Brecht – die Arbeiterschicht mit radikaler Konsequenz auf der Bühne vertreten. Heute sind Theaterabende mit politischen oder gesellschaftskritischen Inhalten zwar so beliebt wie lange zuvor nicht mehr, doch nur selten behaupten sie auch von sich, „Politisches Theater“ zu sein. Klingt der Begriff inzwischen zu sehr nach erhobenem Zeigefinger, nach moralischer Anstalt und nach der Weisheit letzter Schluss? (Lesetipp: Friedrich Schiller, Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet, 1784) | →DIE MAUSEFALLE | →DIGIPHRENIE →GEGENWARTSSCHOCK | →WILLIAM SHAKESPEARE | →ZWEIFEL

POSTHUMANISMUS Eine zeitgenössische philosophische Denkrichtung, die den →TRANSHUMANISMUS auf die Spitze treibt, sich auf die Zeit nach dem Menschenzeitalter konzentriert, und die mögliche Verwandlung des physischen Körpers in ein virtuelles Wesen beschreibt. Der Posthumanist erklärt den Machtanspruch des echten Menschen in der physischen Welt für null und nichtig. Stattdessen beschreibt er, als Gegenstück zum bishe­rigen Menschen, den „posthumanen“ Menschen eher als hypothetisches zukünftiges Wesen, das durch Nanotechnologie, Gentechnik, neurale und virtuelle Schnittstellen aus dem fehlerbehafteten menschlichen Körper befreit wird und im Lichte des Siliziums neu erstrahlen kann. (Lesetipp: „Hyperion“ von Dan Simmons) | → DATEN | →FRANENSTEIN | →RAY KURZWEIL | →SINGULARITÄT | →TRANSHUMANISMUS | →ZWEIFEL

POST-PANOPTICON Die vom polnisch-britischen Soziologen Zygmunt Bauman mit Blick auf die Gegenwart weiterentwickelte Theorie des →PANOPTICONS besagt, dass das jetzige sog. Post-Panopticon der Postmoderne sich dank moderner technischer Kontrollmöglichkeiten nicht länger an feste Territorien oder klar zugewiesene Räume binden muss, sondern zeitlich und räumlich völlig ungebunden durch alle Gesellschaftsraster Menschen disziplinieren kann. Anstatt vom gesichts­losen Wärter im metaphorischen Wachturm tendenziell beobachtet zu werden, rastern und bewerten uns nun körperlose Algorithmen. | →ALGORITHMUS| →DATEN | →WHISTLEBLOWER | →KEITH ALEXANDER →ONLINE | →MICHEL FOUCAULT | →PANOPTISMUS | →RAY KURZWEIL →REVOLUTION | →SCHREIBMASCHINE

PROMETHEUS formt in der griechischen Mythologie mithilfe von Athene die Menschheit aus Lehm, lehrt sie und verteidigt sie gegen die häufigen übelwollenden Taten des Göttervaters Zeus. Zeus fängt den Menschenfreund Prometheus, fesselt ihn auf einen Felsen im Kaukasus und veranlasst, dass der Adler Ethon ihm jeden Tag aufs Neue die Leber aus seinem Körper heraushackt, die zu seiner Qual jede Nacht aufs Neue nachwächst. Erst nach Jahrhunderten wird er durch Herakles von dieser Folter befreit, muss seitdem jedoch immer noch gefesselt durch den Kaukasus ziehen. | →FRANKENSTEIN | →REGIZID | →REVOLUTION | →SINGULARITÄT | →ZWEIFEL

PSEUDOPRIVAT kann man den Inhalt jener politischen Schachzüge nennen, die sich durch heimelige Home-Stories, rührende Familienfotos oder bewusst inszenierte Privat-Spektakel positive Sommerloch-Schlagzeilen erhoffen oder negative Wahlkampf-Schlagzeilen wegwünschen. Wie sehr das aber auch zum unschönen Selbstläufer werden kann, musste der SPD-Politiker Rudolf Scharping 2001 erfahren, als er sich als Verteidigungsminister in der BUNTEN beim Planschen im Swimmingpool ablichten ließ, um ein lockereres, lässigeres Image zu erhalten. Dumm nur, dass die Fotos kurz vor einem gefährlichen Bundeswehreinsatz in Mazedonien entstanden. Dass diese pseudoprivaten Stories aber auch zum Stoff werden können, der Nationen zusammenschweißt, zeigt die Ankündigung des englischen Königshauses Mitte September, dass William und Kate ein neues Kind erwarten. Experten vermuten, dass das Timing für die Bekanntgabe der Nachricht exakt geplant war; in just jenen Tagen überlegten schottische Bürger, ob sie sich von Großbritannien – und damit auch von den Royals – abspalten sollten.

RAY KURZWEIL ist seit Ende 2012 der Director of Engineering bei Google. Kurzweil (*1948) gilt als personifizierter Fortschrittsglaube des Silicon Valley. Seit vielen Jahren propagiert er programmierbare Nano-Roboter für die Blutbahn, Software-Downloads für das menschliche Bewusstsein und die „Singularität“ – der Zeitpunkt, ab dem Computer intelligenter als Menschen sein werden. Wie genau er mit einer der größten Datensammlungen der Menschheit bei Google arbeiten will, ist nicht bekannt. Um eine neue Zukunft selber noch miterleben zu können, ernährt sich Kurzweil seit Jahren hauptsächlich von Nahrungsergänzungstabletten sowie ionisiertem Wasser und grünem Tee. | →ALGORITHMUS | →DATEN →ONLINE | →MICHEL FOUCAULT | →PANOPTISMUS | →POSTHUMANISMUS →POST-PANOPTICON | →SINGULARITÄT | →TED KACZYNSKI | →TRANSHUMANISMUS

REGIZID ist das juristische Fachwort für den Mord an einem Monarchen. Da man lange davon ausging, dass ein König nur durch göttlichen Willen regieren könne, wurde ein Mordattentat auf den König auch als ein Attentat auf Gottes Willen gewertet – und daher besonders schwer be­straft. So wurden Königsmörder wie Robert-François Damiens, der Ludwig XV. töten wollte, öffentlich vor der jubelnden Menge brutal gefoltert. | →LAURA POITRAS | →REVOLUTION | →ÜBERWACHUNG | →WHISTLEBLOWER →WILLIAM SHAKESPEARE

REVOLUTION „Warum ist das neoliberale Herrschaftssystem so stabil?“, fragt Byung-Chul Han in seinem Essay „Warum heute keine Revolution mehr möglich ist“ (SZ vom 2. September 2014). http://www.sueddeutsche.de/politik/neoliberales-herrschaftssystem-warum-heute-keine-revolution-moeglich-ist-1.2110256 Der Berliner Philosophie-Professor weist darauf hin, dass die systemerhaltende Macht heut­zutage nicht mehr so sichtbar sei wie in vergangenen Zeiten: „Es gibt kein konkretes Gegenüber mehr, keinen Feind, der die Freiheit unter­drückt und gegen den ein Widerstand möglich wäre.“ Das neoliberale Herrschaftssystem agiere nicht repressiv, sondern verführend. Es forme aus dem unterdrückten Arbeiter einen freien Unternehmer, mit der Folge, dass heute jeder „Herr und Knecht in einer Person“ sei, und dass der, der scheitere, sich selbst beschuldige. „Das unterworfene Subjekt ist sich nicht einmal seiner Unterworfenheit bewusst“, so Han. Auch das Bewusstsein für Überwachung habe sich radikal geändert. Han erinnert an die Proteste gegen die Volkszählung in den 1980er Jahren: „Es war eine Zeit, in der man glaubte, dem Staat als Herrschaftsinstanz gegenüberzustehen, der den Bürgern gegen deren Willen Informationen entreißt. (…) Heute entblößen wir uns aus freien Stücken. Es ist gerade diese gefühlte Freiheit, die Proteste unmöglich macht. (…) Wogegen protestieren? Gegen sich selbst?“ Statt Aggression nach außen, die in organisierter Form in eine Revolution münden könne, herrsche nun eine „Selbstaggression von vereinzelten Selbst-Unternehmern“. Daran würde auch die globale Vernetzung nichts ändern, denn: „Aus erschöpften, depressiven, vereinzelten Individuen lässt sich keine Revolutionsmasse formen.“ (Lesetipp: Unsichtbares Komitee, „Der kommende Aufstand“) | →DATEN | →COLLETERAL MURDER-VIDEOS | →MICHEL FOUCAULT →ONLINE | →PANOPTISMUS →POST-PANOPTICON | →REGIZID | →ÜBERWACHUNG | →WHISTLEBLOWER | →WILLIAM SHAKESPEARE | →ZWEIFEL

SCHIZOPHRENIE ist eine schwere psychische Erkrankung, bei der das Denken, die Wahrnehmung sowie die Gefühle gestört sind. Symptome sind Gedankenrasen, Affektverflachung und Depressionen, das Hören kommentierender Stimmen, die Auflösung vom Ich sowie wahnhaftes Verhalten (beispielsweise Verfolgungs- oder Schuldzuweisungswahn.) Laut neueren Studien können nur zehn bis zwanzig Prozent aller Betroffenen dauerhaft geheilt werden. →GEGENWARTSSCHOCK | →GLEICHZEITIGKEIT DES UNGLEICHZEITIGEN →HALLUZINATION | →DIGIPHRENIE | →WILLIAM SHAKESPEARE | →ZWEIFEL

SCHREIBMASCHINE Im Zeitalter anlassloser digitaler Massenüberwachung erlebt die analoge Schreibmaschine ein ungeahntes Comeback. So erwog im Juli 2014 der NSA-Untersuchungsausschuss, die interne Kommunikation sicherer zu gestalten, indem alle Akten per Schreibmaschine verfasst werden. Auch der „Unabomber“ Ted Kaczynski erkannte das revolutionäre Potential des altmodischen Geräts: Sein 35.000 Wörter langes Manifest hat er 1995 per Schreibmaschine getippt.→DATEN | →KEITH ALEXANDER | →TED KACZYNSKI | →REVOLUTION | →PANOPTISMUS | →POST-PANOPTICON | →WHISTLEBLOWER

© Edi Szekely
© Edi Szekely

SINGULARITÄT Technologische Singularität bezeichnet laut Zukunftsforschern den Moment, ab dem Maschinen dazu in der Lage sind, sich selbst ohne menschliche Hilfe zu reparieren oder optimieren, was unvorhersehbare Folgen für unsere Zivilisation hätte: die Schöpfung entkoppelt sich vom Schöpfer und entwickelt ein für uns nicht mehr verständliches Eigenleben. 1993 prophezeite der Mathematiker Vernor Vinge, dass wir „innerhalb von 30 Jahren über die technologischen Mittel verfügen werden, um übermenschliche Intelligenz zu schaffen. Wenig später ist die Ära der Menschen beendet.“ Sobald Fortschritt nämlich von übermenschlich hoher Intelligenz angetrieben werde, beschleunige sich dieser um ein Vielfaches. Der Mensch spielt dann einfach keine Rolle mehr und wird im schlimmsten Fall zur emotional verblendeten, gesundheitlich störanfälligen und fehlerbehafteten Restmenge, für die es rational betrachtet keinen Nutzen und von daher keine Berechtigung mehr gibt. Optimisten hingegen hoffen, Singularität sei der Endpunkt der Evolution: gerade weil das technische Bewusstsein höher entwickelt als unseres sei, verfüge sie über ein dem Menschen überlegenes, friedfertiges ethisches Bewusstsein. Filmtipp: „Her“ von Spike Jonze (2013). |→RAY KURZWEIL |→POSTHUMANISMUS | → TRANSHUMANISMUS | →GLEICHZEITIGKEIT DES UNGLEICHZEITIGEN | →ALGORITHMUS | →PROMETHEUS

TED KACZYNSKI ist ein von den Medien „Unabomber“ getaufter Mathematiker und Anarchist, der von 1978 bis 1995 durch das Verschicken von Briefbomben in den USA drei Menschen tötete und dreiundzwanzig verletzte. 1969 hatte der Harvard-Absolvent mit einem IQ von 167 ohne Erklärung seine Assistenzprofessur an der Berkeley-Universität gekündigt und sich in eine selbstgebaute Holzhütte in den Bergen Montanas zurückgezogen. 1995 kündigte er an, seine Attentatsserie zu beenden, sobald eine überregionale Zeitung sein Manifest „Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft“ abdrucken würde, in der er die Technisierung der Gesellschaft und ihre psychischen Wirkmechanismen kritisiert. Kaczynskis Bruder kam der im Manifest verwandte Schreibstil bekannt vor, er alarmierte die Behörden. Kaczynski verbüßt seit 1996 eine lebenslange Haftstrafe. Das Manifest wurde in der Presse ausführlich rezipiert, teils auch wohlwollend oder respektvoll, obwohl man sich von der Gewalt distanzierte. | →DATEN |→GEGENWARTSSCHOCK | →RAY KURZWEIL | → SCHREIBMASCHINE | →SCHIZOPHRENIE | →SINGULARITÄT | →ZWEIFEL

THE INTERCEPT ist eine Nachrichtenwebsite in englischer Sprache, die seit Februar 2014 von àLAURA POITRAS und Glenn Greenwald mit dem Anspruch betrieben wird, relevante und geheime Informationen z.B. über Korruption, Bürgerrechtsverletzungen und die NSA-Affäre allgemein verständlich aufzubereiten und zu veröffentlichen. Greenwald kündigte für „The Intercept“ seinen Job bei der britischen Tageszeitung The Guardian“. Am 20. August 2014 gab „The Intercept“ bekannt, dass es Angehörigen des US-Militärs geraten wird, die Website nicht mehr zu besuchen, da das Betrachten dort veröffentlichter geheimer Inhalte von der Army als eine „Nichteinhaltung der Sicherheitsbestimmungen“ verstanden wird. Von Militär-Computern kann die Seite nicht mehr aufgerufen werden. | →EDWARD SNOWDEN | →KEITH ALEXANDER | →COLLETERAL MURDER-VIDEOS | →ONLINE | →ÜBERWACHUNG

THE LION KING (Der König der Löwen) ist ein erfolgreicher Disney-Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1994, der den „Hamlet“-Stoff von Dänemark in die tropische Savanne Afrikas verlegt. Aus der Shakespeare’schen Hofgesellschaft sind Löwen, Paviane und Warzenschweine geworden: Der machthungrige Löwe Scar tötet „versehentlich“ den stolzen Löwenkönig Mufasa. Der rechtmäßige Thronfolger, der junge Löwe Simba, versucht, die Wahrheit ans Licht zu bringen, unterstützt von zwei gewieften Freunden, Timon und Pumbaa.: Charaktere wie Polonius oder Laertes fehlen in der Steppe, zweideutige Wortspiele oder melancholische Selbstmordgedanken gibt es nicht, und wie jeder Disney-Film endet auch dieser natürlich mit einem Happy End. | →ZWEIFEL

TRANSHUMANISMUS ist eine philosophische Richtung, die den Körper nicht mehr als unberührbare Einheit ansieht, sondern statt­dessen die menschlichen Möglichkeiten durch den Einsatz technolo­gischer Verfahren erweitern will. Jeder Mensch soll seine seelischen und körperlichen Möglichkeiten selbst bestimmen und verbessern können. Kritiker wie der Politwissenschaftler Francis Fukuyama sehen im Transhumanismus eine Gefahr – er könne die progressiven Ideale der liberalen Demokratie auf kritische Weise unterminieren, indem er die menschliche Natur und Gleichheit auf fundamentale Weise verändere. Falls man, so Fukuyama, die „gefährlichste Idee der Welt“ nicht stoppe, werde sie das Menschheitsideal bald mit „genetischen Bulldozern und psychotropen Shopping-Malls“ plattwalzen. Lesetipp: Karin Harrasser – „Körper 2.0 – Über die technische Erweiterbarkeit des Menschen“, 2013. | →ANTHROPOZÄN | →DATEN | →RAY KURZWEIL | →POSTHUMANISMUS →ZWEIFEL

ÜBERWACHUNG Lesetipp: Glenn Greenwald, „Die globale Überwachung“ | →DATEN | →KEITH ALEXANDER | →LEAKS | →MICHEL FOUCAULT | →PANOTPICON | →PANOPTISMUS | → POST-PANOPTICON →WHISTLEBLOWER | →WILLIAM SHAKESPEARE | →ZWEIFEL | →LEAK

WEITERE STIMMEN Unsichtbares Komitee, „Der kommende Aufstand“ | Douglas Rushkoff: „PRESENT SHOCK. Wenn alles jetzt passiert“ →GEGENWARTSSCHOCK | Eben Moglen: „Snowden and the Future“ | Friedrich Schiller: “Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet“ | Thomas Assheuer: Der künstliche Mensch | Erwin Piscator: Das Politische Theater| Michel Foucault: „Überwachen und Strafen“ | Tom Stoppard: „Rosencrantz and Guildenstern are dead“ | Franz Schubert/Wilhelm Müller: Winterreise (Das Wirtshaus).

WHISTLEBLOWER Zwei der bekanntesten Whistleblower der letzten Jahre sind Edward Snowden (*1983) und Chelsea Manning (*1987 als Bradley Manning). Zu denen von Manning an Julian Assanges Internetplatform Wikileaks weitergegebenen Geheimdaten zählen neben Botschaftsdepeschen auch die Videoaufnahmen des Beschusses irakischer Zivilisten und Journalisten durch einen amerikanischen Kampfhubschrauber 2007 →COLLATERAL MURDER-VIDEO. Manning wurde verhaftet, nachdem sie sich in einem Chat Adrian Lamo (der 2002 in das Netzwerk der New York Times eingedrungen war) anvertraut, und dieser die Behörden informierte hatte. Nach ihrer Verhaftung wurde die ehemalige Soldatin Manning mehrere Monate speziellen Haftbedingungen (u.a. Schlafentzug) unterzogen, was von vielen Juristen als verfassungswidrig eingestuft wurde. Kritiker warfen den amerikanischen Behörden Folter vor. Derzeit sitzt Manning eine 35jährige Haftstrafe ab und wurde 2011, 2012 und 2013 für den Friedensnobelpreis nominiert. Für diesen wurde auch Ex-Spion Snowden 2014 vorgeschlagen, durch den die Welt vom Ausmaß der weltweiten geheimdienstlichen Überwachungspraktiken erfahren hatte. 2007 waren Snowden erstmals Zweifel an seiner Arbeit gekommen, er erkannte, dass eine Architektur der Unterdrückung aufgebaut wurde. Im Moskauer Asyl sagte er in einem Interview mit Glenn Greenwald: „Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich tue und sage, aufgezeichnet wird.“ | →ALGORITHMUS →KEITH ALEXANDER | →LAURA POITRAS | →ONLINE | →PANOPTISMUS →POST-PANOPTICON | →PROMETHEUS | →REGIZID | →REVOLUTION | →ÜBERWACHUNG | →WILLIAM SHAKESPEARE | →ZWEIFEL

VIDEOART Lars Ullrich und Daniel Hengst haben in der Programmiersprache →MAX/MSP für „Hamlet“ eine Echtzeit-Videoumgebung entwickelt, die den Live-Schnitt und die Echtzeit-Verarbeitung und -Ergänzung der aus dem Bühnenraum per Live-Kamera gesendeten Daten ermöglicht. Daniel Hengst kann so während der Vorstellungen live die „Hamlet“-Bildwelten generieren – die so entstehenden Videokompositionen können aus bis zu 1000 Plains bestehen, die geometrisch sowohl geordnete als auch ungeordnete, fraktale Strukturen annehmen können. | →DATEN |→KAMERAS | →POST-PANOPTISMUS | →PANOPTICON | →ZWEIFEL

WILLIAM SHAKESPEARE Die Komödien und Tragödien des englische Dramatikers William Shakespeare (1564 – 1616) gehören ohne Zweifel zu den berühmtesten Dramen der Welt. „Hamlet“, das auf eine mittelalterliche nordische Erzählung um den jungen Amlet zurückgeht, wurde in der heute vorliegenden Fassung spätestens zwischen Februar 1601 und Sommer 1602 von Shakespeare fertiggestellt. | →DIE MAUSEFALLE →GEGENWARTSSCHOCK | →GLEICHZEITIGKEIT DES UNGLEICHZEITIGEN →MICHEL FOUCAULT | →PANOPTICON | →PANOPTISMUS →REVOLUTION | →REGIZID | →ÜBERWACHUNG | →WHISTLEBLOWER | →ZWEIFEL

WUM UND WENDELIN Ein Zeichentrick-Hund und -Elefant des Humoristen Loriot, die in den komfortgesättigten 1970ern als das Tüpfelchen auf dem in der Quizsendung „Der Große Preis“ auftraten und dort mit dem Moderator Wim Thölke um die Wette spaßten.

ZWEIFEL ist eines der unbestreitbaren Hauptthemen bei „Hamlet“ und bestimmt nahezu jede Handlung dieser „Tragödie des Zweifelns“ (Victor Hugo): Gibt es den Geist von Hamlets Vater wirklich, und falls ja, sagt er überhaupt die Wahrheit? Mord oder kein Mord? Liebt Hamlet Ophelia oder ist das alles nur Schauspiel? Ist Ophelias Ertrinken Unfall oder Selbstmord? Ist Hamlet wahnsinnig oder extrem gewieft? Liebt Gertrud Claudius oder geht es ihr nur um Machterhalt? Hat Gertrud etwas mit dem Mord zu tun oder nicht? Ist Polonius gut oder böse, weise oder wahnsinnig? Wie lang ist der Mord am alten König her – zwei Stunden, zwei Tage, zwei Monate? Sind Rosencrantz und Guildenstern unschuldig oder verlogen? An der Wahrheit wird gezweifelt, an der Sterne Feuer, an der Sonne Licht: Sein oder Nicht-Sein? | →BLADE RUNNER | →FRANKENSTEIN | →HALLUZINATION | →TED KACZYINSKI | →SCHIZOPHRENIE | →WHISTLEBLOWER | →WILLIAM SHAKESPEARE | →LEAK

Quellen: Matthias Seier und Anne-Kathrin Schulz (Dramaturgie Schauspiel Dortmund) unter Verwendung von diversen Quellen aus dem World Wide Web. Szenenfotos: Edi Szekely.

VOM WOLF BESTRAFT

Von Dramaturg Alexander Kerlin

Haben Sie mal versucht, einem kleinen Kind (klein im Sinne von wirklich klein) ein Grimm-Märchen nachzuerzählen? Dann sind Sie bestimmt – wie ich gestern – eher früh als spät auf die Frage gestoßen, ob man nicht doch auf ein paar Details verzichten sollte. Beispiel Aschenputtel: Den Tod der Mama habe ich gestrichen. Die Tauben, die aus Rache die Augenhöhlen der Schwestern leer picken, auch. Die abgehackten Fußteile hingegen: dramaturgisch unverzichtbar. Und ganz ohne Blut macht’s auch keinen Spaß.

„Kinder brauchen Märchen.“ Ja? Ich war immer skeptisch, wenn Lehrer mit Studium in den 1960er Jahren den Bettelheim-Buchtitel wie eine allgemeine Wahrheit zitierten. Wozu denn genau? Die Rollenbilder der Grimms sind furchtbar. Aschenputtel wäre heute eine kichernde Dumpfbacke, die sich von Prinz Bohlen auf einem Braut-Casting willig einkaufen lässt. Es ging den Grimms um die Produktion von Normen für das zu gründende deutsche Gemeinwesen im frühen 19. Jahrhundert: bürgerliche, heterosexuelle Kleinfamilie mit Blutsverwandtschaft und ein starker Souverän im Staat. Vom Weg abgehen wird vom Wolf bestraft. Deutschland war von Anfang an kein Land für Abweichler. Wer der Moral der Märchen Vorbildcharakter zuspricht, unterschreibt auch Online-Petitionen gegen die Besprechung von Homosexualität in Schulen.

In älteren Fassungen sind die Märchen radikaler. In der Urfassung verspeist Rotkäppchen erst ihre Oma und wird dann vom Wolf selbst verschlungen. Schluss. Kein Jäger, der alles wieder gut macht. Nur so ungebändigt sind die Märchen interessant – und definitiv nichts für Kinder. Es sind Splatter-Filme, Exerzitien der sieben Todsünden, Kaleidoskope aller Verbrechen, die Menschen je an Menschen begangen haben. Märchen interessieren sich nicht für Moral. Das ist ihre Stärke und macht sie für das Theater interessant.

In einem Monat hat unser Märchenmassaker „Republik der Wölfe“ Premiere. Wir stecken mittendrin im Proben-Kampf. Wenn Sie wissen wollen, was Sie beim nächsten Mal definitiv weglassen, wenn sie Ihrem Kind ein Märchen erzählen: Buchen Sie noch heute ein Ticket.

Veröffentlicht am 10. Januar 2014 in den Ruhr Nachrichten.