Alle Beiträge von Alexander Kerlin

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

„WAS AUF DEN PHILIPPINEN PASSIERT IST EINE AUSLAGERUNG UNSERER SÜNDEN.“

„Was auf den Philippinen passiert ist eine Auslagerung unserer Sünden.“


Regisseur Moritz Riesewieck und Dramaturgin Tina Ebert über „Nach Manila“


Eine Stadt, drei Schicksale und eine Industrie, von der nur wenige wissen: Maggy, Nasim und Dodong sind „Clickarbeiter“ in Manila auf den Philippinen. Sie sichten und sperren Fotos, die auf Facebook, Tinder und anderen sozialen Netzwerken Anstoß erregen könnten: Pornografie, Gewalt und Missbrauch. Eine Autorin aus dem Westen versucht, dem Leben und der Arbeit der Clickarbeiter auf die Spur zu kommen – und verwickelt sich dabei immer tiefer in die Abgründe unserer digitalen Gegenwart: Wie kann es sein, dass die sozialen Netzwerke so „sauber“ sind – frei von gewalttätigen oder pornografischen Bildern? Wo wird der ganze digitale Müll eigentlich abgeladen? Wer sortiert ihn? Und mit welchen Folgen für die Seele?


Moritz Riesewieck. *1985, aufgewachsen im Ruhrgebiet, studierte bis 2015 Regie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Seine Diplominszenierung Voiceck wurde zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen. 2015 wurde er mit dem Elsa-Neumann- Stipendium des Landes Berlin ausgezeichnet.

Moritz, Du warst vier Mal in Manila und hast dort vor Ort recherchiert. Es ist ein Buch entstanden, jetzt ein Theaterstück. Wird es Dir noch nicht zu viel mit dem Thema?

Das Thema hat so viele Aspekte: Wie normiert wollen wir unsere digitale Öffentlichkeit? Wer und was dürfen dort vorkommen? Wer kommt beim Großreinemachen unter die Räder, wenn die Löschtruppe ihre Arbeit als Mission gegen die Sünden der Welt begreift und lieber einmal zu oft als einmal zu selten löscht? Was wird aus der Gesellschaft, wenn wir alles Unangenehme unsichtbar machen? Haben wir ein Recht darauf, allzu Schreckliches auf Billiglohnarbeiter in Drittweltstaaten abzuwälzen? Genügend Stoff für Buch, Stück und Hörspiel. Jedes Medium erlaubt einen anderen Zugang zu diesen Fragen.

Ihr habt Euch bewusst gegen Dokumentartheater und für eine fiktive Geschichte entschieden. Was ist von der Recherche im Stück übrig geblieben?

Alle Figuren und Szenen haben einen dokumentarischen Kern. Aber das Reale, um das es hier geht, ist für uns mehr als das, was sich mit der Kamera oder dem Diktiergerät festhalten lässt: Das Reale lässt sich nur durch die poetische Übersetzung oder Überhöhung sichtbar machen. Wir haben versucht, Bilder und Sprachbilder zu erfinden, die das Unfassbare greifbar machen. Die Schauspieler erwecken sie zum Leben.

Wenn vier westliche Schauspieler die Leidensgeschichten von philippinischen Click-Arbeitern erzählen, steckt nicht auch eine Anmaßung darin?

Es ist wichtig, im Theater auch über Themen sprechen zu können, die außerhalb des eigenen Kontextes liegen. Was wäre denn die Alternative: Philippinische Schauspieler zu besetzen? Das würde das Problem nicht lösen – die „Repräsentationsfrage“ würde sich weiterhin stellen. Echte philippinische „Content Moderators“ auf die Bühne stellen? Das würde einen ganz anderen Fokus setzen. Uns ist das Problem aber bewusst. Daher versuchen wir, unsere westliche Perspektive immer mit zu erzählen: Unsere Spielleiterin an diesem Abend ist die Figur einer westlichen Autorin, gespielt von Caroline Hanke, die den Garten und die Geschichte aus ihrer Perspektive „entwirft“.

Christliche Passionsrituale auf den Philippinen (Foto: Moritz Riesewieck)

Warum sprecht ihr in Bezug auf die Click-Arbeiter von der „Passionsgeschichte des Internets”?

Was auf den Philippinen passiert, ist eine Auslagerung unserer Sünden. Die Click-Arbeiter werden mit ihnen konfrontiert und leiden in der Folge häufig psychisch und körperlich darunter. Aber lässt sich das „Böse“ outsourcen und durch Stellvertreter löschen? Ist es sinnvoll, ein Regelwerk zu erfinden, das die sozialen Netzwerke wie ummauerte Gärten penibel sauber hält? Wir müssen uns doch mit dem Bösen konfrontieren. Es ist ein Teil des Menschen. Wenn wir es outsourcen, kommt es wie ein Bumerang mit voller Wucht zu uns zurück.

Wo verläuft die Grenze zwischen Zensur und notwendiger Löschung von Inhalten?

Das sollten weder wir entscheiden noch eine kleine Gruppe von Facebook-Leuten im Silicon Valley. Auch keine philippinischen Billiglohnarbeiter. Diese Frage sollte immer wieder neu und demokratisch beantwortet werden. Wir sollten Facebook endlich als das anerkennen, was es längst ist: die digitale Öffentlichkeit. Genauso, wie wir im analogen Leben Wert darauf legen, demokratisch gewählte Vertreter entscheiden zu lassen, sollten wir dies auch für die digitale Öffentlichkeit einfordern.

Raafat Daboul in „Nach Manila“ (Probenfoto)

Premiere von NACH MANILA am 3. Juni, weitere Termine am 9. Juni (ausverkauft), 2. und 5. Juli!

 

ERWACHET!

„ERWACHET!“

„Wir leben im Zeitalter der Troll-Politik, die ist total theatralisch“: Arne Vogelgesang über Propaganda im Netz und das Internet als grenzenlose Bühne


Arne Vogelgesang (*1977) studierte Regie am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. 2005 gründete er das Theaterlabel internil, seitdem erarbeitete er unter diesem Namen freie Theater- und Performanceprojekte in Wien, Leipzig und Berlin, zuletzt vor allem mit Internet- und Software-Material.

Was bist du von Beruf? Archivar? Forscher? Politologe? Künstler? Mein Studienabschluss sagt, dass ich Regisseur bin. Aber ich sitze viel mehr vor dem Computer als im Theater. Das ist natürlich kein Beruf, eher ein Zustand. Irgendwo zwischen Bühne und Com­puter liegt also mein Profil.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Dir aus? Ich bin freischaffend, da ändern sich die Struk­turen ständig. Es gibt Phasen, da schlafe ich kaum, arbeite pausenlos. Texte, Bilder, Videos sortieren, schneiden und verbinden. Vorher muss ich das Material natürlich erstmal finden, also surfen, surfen, surfen. Facebook und Twitter sind z.B. wichtige Anlaufstellen. Ich habe mehrere Accounts in verschiedenen Filterblasen. Ständig stößt man auf etwas Neues. Über manche Entdeckung freue ich mich richtig. Entweder, weil sie wie ein Puzzlestück in einen meiner Zusam­menhänge passt. Oder weil sie derartig skurril ist, dass sie für sich alleine stehen kann. Solche Sachen, bei denen man denkt: Das kann nicht sein, dass jemand tatsächlich so etwas produziert hat. Dass es das wirklich gibt.

„Den Topos des politischen Erwachens findest Du quer durch alle Lager, von der Mitte bis ins Extrem. Aber in welcher Realität wacht man auf, wenn man dann aufwacht?“

Was ist Propaganda? Ich würde sagen: der Versuch, andere zu politischen Zwecken zu beeinflussen. Viele andere. In diesem Sinn gibt es das wahrscheinlich erst seit der Entste­hung der Massenkultur, Propaganda richtet sich nie nur an einzelne. Auch Werbung ist deswegen natürlich Propaganda. Die politische Botschaft ist da nur häufig schlechter zu erkennen, weil sie so Mainstream ist oder wir immer noch denken, es würde um Schuhe gehen, wenn eine Firma sagt: „Sei extrem“ oder „Sei du selbst“.

Und was ist Populismus? Wenn Politiker so sprechen, dass möglichst viele Menschen schnell „ja“ dazu sagen können. Tun das nicht die meisten? Für meinen Bereich spielt das aber kaum eine Rolle, weil ich Parteipolitik nur am Rande streife. Mich interessieren die sogenannten normalen Leute.

 

Die flammenden Köpfe, die Du über die Jahre gesammelt hast, sind sehr unterschiedlich in ihrer Ideologie. Aber sie sind sich in zwei rhetorischen Figuren alle ähnlich: Das politische Establishment muss weg, und die Menschen müssten endlich „aufwachen“. Kann man das so sagen? Ich interessiere mich ja nicht für die, die sagen: „Halt doch mal den Ball flach, ist doch super, wie es läuft“. Deshalb überrascht es nicht, dass fast alle meiner Köpfe mit der politischen Klasse aufräumen wollen. Aber den Topos des „Erwachens“ findest Du tatsächlich quer durch alle Lager, von der mittigsten Mitte bis ins äußerste Extrem. Anfang diesen Jahres gab es im „Tagesspiegel“ ein Interview mit Dunja Hayali und Anja Reschke über Wut und Hassmails. Was geschieht, wenn man den „rechten Volkswillen“ kritisiert? Und am Ende sagen sie sinngemäß: Das mit der er­starkenden AfD sei auch irgendwie gut, weil jetzt endlich die schweigende Mitte aufwache. Aber es kommt darauf an, in welcher Realität man aufwacht, wenn man aufwacht. Oder in welche Realität man die anderen aufwecken will. Und was dann da getan werden soll. Rechte Ver­schwörungsfans reden gerne von den „Schlaf­schafen”, die nur der Werbung hinterher trotten. Deswegen ist der Film MATRIX von den Wachowski-Geschwistern bei Verschwörungsfans auch so be­liebt: die Idee, dass plötzlich einer erkennt, dass wir alle gesteuert werden, dass alles manipuliert ist. Und den Kampf aufnimmt. Das wird dann als Erweckungserlebnis beschrieben, und als nächs­tes produziert man z.B. ein Video, in dem man genau das sagt – im Internet, in dem man weder schlafen noch wach sein kann.

Das Internet ist eine Bürgerbühne. Eher eine Landschaft von unfassbar vielen Bürgerbühnen. Das ist ein Bild dafür, dass die alte Vorstellung von der Bühne im Herzen der Stadt, auf der sich die Polis repräsentiert sieht, immer weniger Sinn macht. Das gilt auch für Parlamente. Es gibt immer weniger Menschen, für die Repräsentation funktioniert. „Wir sind das Volk“ ist auch ein Ausdruck davon, dass man höchstens noch daran glaubt, sich selbst reprä­sentieren zu können. Und je mehr sich die Leute an das Tempo im Netz gewöhnen, desto mehr haben sie das Gefühl, dass die demokratischen Institutionen viel zu langsam sind für sie. Das ganze Aushandeln, Kompromisse schließen, und dann kann ich nicht mal mitreden. Dann lieber Volksentscheidungen oder Revolution. Im Netz sind die Menschen scheinsouverän, da lässt sich das alles prima träumen.

„Das Internet ist eine Landschaft unendlich vieler Bürgerbühnen. Deswegen ergibt die alte Vorstellung von der Bühne im Herzen der Stadt, die die Polis repräsentiert, auch immer weniger Sinn.“

Du hast einmal gesagt, 2011 wäre das Inter­net in die Politik eingebrochen. Das ist natürlich meine spezielle Erzählung. Der „Arabische Frühling“, die Geschwindigkeit der Aufstände. „Occupy Wall Street“, die sich der Mit­tel der spanischen „Indignados“ bemächtigten. Deutschsprachige Islamisten starteten mit Video­botschaften im großen Stil Rekrutierungswellen. Und ein seltsamer Teil des Internets schwappte auf die Straße, „Anonymous“-Masken tauchten auf Demos auf, Rechte begannen mit Straßentheater und harmloser wirkenden Protest-Aktionen, die einen Meme-Charakter hatten. Das heißt, sie waren absichtlich leicht kopierbar, um damit potentiell eine Massenbewegung auszulösen. Und dann An­ders Breivik, der sich quasi aus dem Internet in die Realität gebombt und geschossen hat: eine Art von Guerilla-Marketing für sein „Manifest“, dass zum großen Teil mit Copy & Paste kompiliert ist.

Warum ist es so immens wichtig geworden, die Kulturtechnik des Kopierens gut zu ver­stehen? Man spricht heute viel von der „Ent­wendung der Mittel“, das heißt, dass die ehe­mals klaren Erkennungszeichen politischer Ideologien frei flottieren. Ich glaube, alle Begriffe erodieren. Wir ordnen die Welt nicht mehr sprachlich. Und wir haben erhebliche Zweifel am Sinn des Versuches, die Welt überhaupt zu begreifen. Es läuft ein ande­res Spiel im Moment. Das Argument, das der politische Gegner benutzt, kann ich ihm einfach zurück um die Ohren pfeffern. Es ist egal, was es bedeutet. Entscheidend ist der Effekt, den ein Satz auslöst. Kann ich damit etwas bewirken, z.B. meinem politischen Gegner schaden? „Du nennst mich Nazi? Du Nazi!“ – das ist Trollpolitik, die ist total theatralisch.

„Das Argument, das der politische Gegner benutzt, kann ich ihm einfach zurück um die Ohren pfeffern. Es ist egal, was es bedeutet. Entscheidend ist der Effekt, den ein Satz auslöst.“

Siehst Du in so einer Diagnose nicht auch die Gefahr von Relativismus? Macht Rechts oder Links nicht doch einen Unterschied? Ich bin jemand, der lieber mit dem Zweifel ar­beitet als mit der Beruhigung. Natürlich gibt es sehr unterschiedliche politische Lager und Hand­lungsräume. Natürlich kannst du dich auch in den gegenwärtigen Verhältnissen konkret ver­halten. Tun ja auch viele. Man kann der Neuen Rechten nun wirklich nicht nachsagen, dass sie keine Haltung hätte. Aber vom Theater aus ge­dacht ist eine Haltung dann erkennbar und von Bedeutung, wenn sie in einem konkreten Raum stattfindet. Wo es keinen begrenzten Raum mehr gibt, werden Haltungen austauschbar, weil ihr Ort nur noch eine Frage von Definitionen ist. Paradoxerweise nutzen diese grenzenlose Frei­heit diejenigen momentan weit besser aus, die mehr Grenzen fordern.

Was ist das für ein Raumverlust, von dem Du da sprichst? Das ist die Erfahrung im Netz. Da gibt es keinen Raum und auch keine Zeit. Oder zumindest etwas anderes als geregelte Zeit. Auch der eigene Körper verschwindet teilweise. Es ist ein poten­tiell grenzenloses Gebilde, man ist unterwegs von Link zu Link, Kreuzung zu Kreuzung. Der alte Begriff „surfen“ macht schon Sinn. Das Ende kommt nur, wenn du erschöpft bist oder die Welle alle ist. Aber im Internet ist die Welle nie alle. Weil alle die Welle sind.


Flammende Köpfe: Premiere am 25. März, weitere Aufführungen am 1. und 30. April, mehr Termine folgen.

„WIR ARBEITEN AUS DER TOTALEN DUNKELHEIT HERAUS“

wir arbeiten aus der totalen dunkelheit heraus

kay voges über die probenarbeit zu „hell / ein augenblick“
 
Herr Voges, Ihr neues Stück heißt „hell / ein Augenblick“. Sie nennen das selbst ein großes Experiment und Abenteuer. Worauf dürfen die Zuschauer sich denn freuen?
Wir haben in den letzten Jahren viele gute Erfahrungen darin gesammelt, Theaterabende im Kollektiv zu entwickeln. In „Das Goldene Zeitalter“ habe ich gemeinsam mit Alexander Kerlin und dem Ensemble über Wiederholungen und Einzigartigkeit des Menschen gearbeitet. In „Die Borderline Prozession“ ging es um die Gleichzeitigkeit von Ereignissen, und wie wir das im Theater sinnlich machen können. Nun geht es um den „Augenblick“ – kann man ihn festhalten? Im Leben? Im Theater? Oder bedeutet Leben lernen nicht auch immer, loslassen zu lernen?
 
Das klingt nach „Faust“: „Augenblick, verweile doch – du bist so schön“.
In der Tat. Im Sommer habe ich viel Goethe gelesen und habe dabei immer wieder an die berühmte Stelle zurückgeblättert. Es ist natürlich eine Utopie, den Augenblick für immer konservieren zu wollen. Aber es gibt ein Medium, dass genau das seit bald 200 Jahren versucht: Die Fotografie. Also habe ich mich gefragt, ob man nicht eine Theaterform erfinden kann, die sich mit der Fotografie verbündet.
Kay Voges
Kay Voges
 
Und daran arbeiten Sie sich gerade ab?
Richtig, im Team mit 14 Schauspielern und vielen Mitarbeitern. Wir haben den Fotografen Marcel Schaar engagiert, der vielleicht erste Live-Fotograf in einer Theaterinszenierung. Wir arbeiten aus der totalen Dunkelheit heraus, man sieht nichts. Die anderen Sinne werden dadurch extrem angeregt, insbesondere das Hören. Tommy Finke, der auch schon bei „Die Borderline Prozession“ die Live-Musik macht, komponiert bereits den Soundtrack. Die Schauspieler spielen und sprechen also erstmal im Dunkeln. Dann, wie aus dem Nichts, kommt ein Biltzlicht: Und wir sehen riesige Fotos erscheinen. Das ist die Grundkonstellation für den Abend.
 
Und worum geht es inhaltlich?
Wenn wir über Fotografie sprechen, kommt man automatisch auf die großen, menschlichen Themen: Erinnerung, Vergessen, Vergänglichkeit und Zauber. Wir arbeiten wie schon zuvor mit Textzitaten aus vielen Jahrhunderten, von der jüdischen Kabbala bis zu Charles Bukowski, von Paul Celan bis Rainald Goetz – Goethe, Nietzsche und Baudelaire nicht zu vergessen. Aber das ist nur der Anfang. Wir sind in einer ständigen Suchbewegung und hoffen wie immer, das Publikum am Schluss zu überraschen und zu begeistern. Es ist ein Wagnis, bei dem es thematisch wieder um alles geht: Leben, Liebe und Tod. Und wir wollen uns selbst überfordern, um etwas Einzigartiges zu schaffen.
 

premiere am 11. februar (bereits ausverkauft), weitere termine gibt es hier.
 
anmerkung: zuschauern mit dunkelangst, akuten herzkrankheiten oder epilepsie wird dringend von einem besuch der vorstellung abgeraten.
 

WAS WIR SEHEN

stbDonald Trump mit roter Krawatte, wie er sich hinter Hillary Clinton ins Fernsehbild schiebt; Jaber al-Bakr auf einem schäbigen Sofa, mit Verlängerungsschnüren gefesselt, von hinten fest gehalten von einem Mann, dessen Kopf vom oberen Bildrand abgeschnitten wird; Andrea Nahles‘ riesig projiziertes, strahlendes Gesicht hinter dem zierlichen Körper von Caren Miosga im Studio der Tagesthemen; entschlossene Münder und Gewehrläufe vor einem Maschendrahtzaun in Warschau bei der neuen EU-Behörde für Grenz- und Küstenschutz; ein wütender Schreimund, ein Mittelfinger, zerdrückte Bierdosen, ein tätowierter Reichsadler, viele Glatzen im Dortmunder Hauptbahnhof; zehn übervolle Schlauchboote im Gegenlicht, dazwischen orange Schwimmwesten, schon im Wasser; eine Schlagzeile: „Was wir wissen, und was nicht“; ein braungebrannter Mann mit tropfendem Bart und Schnorchel, lächelnd, im Hintergrund weißer Sand und türkisener Himmel; Putin und Erdogan in tiefen Stühlen an einem runden Tisch, den Blick fest in der Ferne; ein weißer Bus fährt auf dem Parkplatz ein, 2005, mit einem verräterischen Voice-Over; das Modell zweier Molekülringe, ineinander gefügt (der preisgekrönte Durchbruch für die kleinsten Motoren der Welt); eine Bushaltestelle in Jerusalem, Blut und Beton, von Projektilen geborstenes Glas; ein Wirtschaftswissenschaftler mit grauem Pullover, der erklärt, warum Vertragstheorie kein trockener Stoff ist (Karlsruhe oder anderswo); Ronald Barnabas Schills Rückenfalten bei „Adam sucht Eva“; ein explodierendes Samsung-Telefon; Frauke Petry und Sarah Wagenknecht auf derselben Seite; Straßenzüge in Aleppo 2016 als Straßenzüge in Berlin 1945; der Zeigefinger von Jogi Löw und die Venen auf dem Unterarm von Thomas Müller; der goldene Glanz der Siegessäule und Rauchentwicklung auf dem Europa-Center; Jan Böhmermann auf Youtube und an einem Schreibtisch, irgendwo ein Mainzelmännchen, im Hintergrund schwarzer Moltonstoff mit unregelmäßigem Faltenwurf; die Kanzlerin, mintfarben in Addis Abeba, auf dem Teppich vor dem Palast; das Lächeln der Anne Will und die erstaunt angewinkelten Augenbrauen des Heiko Maas; die Geberkonferenz; ein männliches Küken (niedlich) vor dem Eingang zum Schredder; eine Sechserpackung Alnatura-Eier; eine kurdische Kämpferin mit Kopftuch und Kalaschnikow; die Theateraufführung am morgigen Donnerstag, bei der dieser Text zu hören sein wird, zum ersten und zum letzten Mal –
Borderline Bühne 2 bb
Ursprünglich erschienen am 12. Oktober in den Dortmunder Ruhrnachrichten.

SO WAR ES. NICHT WAHR?

stbLesen Sie diese Kolumne schon länger? Wenn ja, dann erinnern Sie sich vielleicht dunkel an ein psycho-soziales Experiment, von dem ich Ihnen an dieser Stelle irgendwann in der zweiten Jahreshälfte 2014 erzählt habe. Den Namen der Studie habe ich vergessen, man müsste in der Kolumne von damals nachschauen.

Worum ging es nochmal? Forscher hatten gezeigt, dass es möglich ist, Menschen Ereignisse in die Erinnerung zu pflanzen, die in Wirklichkeit nie stattgefunden haben. Den Probanden wurde erzählt, dass sie in ihrer Jugend diese oder jene Tat begangen hätten. Wenn die Probanden dann widersprachen, antworteten die Forscher mit der Vermutung, dass die Ereignisse vielleicht verdrängt worden seien – und zeichneten die Tat im wahren Sinne des Wortes vor deren innerem Auge nach. SO WAR ES. NICHT WAHR? weiterlesen

SELFIE MIT MONA LISA

stb

Das Museum „Louvre“ in Paris ist eine begehbare Cloud. Frankreich hat dort 5.000 Jahre Kulturgeschichte abgespeichert: 380.000 Malereien, Skulpturen und Graphiken auf 60.000 m². Superlativ! 10 Millionen Augenpaare jährlich lassen ihre Blicke rastlos über die Wände und durch die Säle schweifen. Und 10 Millionen Kameraaugen arbeiten an der unendlichen Vervielfältigung der Werke: Niemand, der im Louvre nicht fotografiert. Und fotografiert. SELFIE MIT MONA LISA weiterlesen

SO ETWAS WIE EM-PATHIE

Zu meinen eistbndrücklichsten Kindheitserinnerungen gehört ein Fußballspieler namens Roger Milla. Ich habe fast noch den Wortlaut davon im Ohr, wie Millas Einwechslung im ersten Spiel der Nationalmannschaft Kameruns bei der WM 1990 kommentiert wurde. „Und jetzt kommt Roger Milla, ein ganz interessanter Mann.“ In der Tat, Milla war schon fast vierzig, seine Auszeichnung zum besten Spieler Afrikas lag 15 Jahre zurück, ihm eilte der Ruf der Trainingsfaulheit voraus – und dennoch schenkte er den Rumänen zwei Buden ein, im Achtelfinale gegen Kolumbien gelang ihm noch mal ein Doppelpack.

SO ETWAS WIE EM-PATHIE weiterlesen

PROTEST IM ZEITRAFFER

stbSamstag, 9 Uhr, mit Enthusiasmus los, Sonne, Himmel blau. Arabischer Bäcker: „Auch zur Demo? Gegen Faschisten? Möge Gott mit Euch sein.“ Inschallah! Treffpunkt vor dem Schauspielhaus, Kamerateam „Arte Tracks“, ein Silberwürfel voran, 70 Leute hinterher, via Schützenstraße, am Hafen Treffpunkt, 1000 Leute, Euphorie, Musik, Tempo und die Ahnung, dass Gruppengröße und Schlauheit sich umgekehrt proportional verhalten. Jemand fragt: „Hätte man klarer sagen müssen, dass es heute um zivilen Ungehorsam geht?“

Schon renne ich, ohne zu wissen wohin, neben mir joggt in Gruppen von 12 die behelmte Humorlosigkeit (es ist ihr Job, hier und heute humorlos zu sein), die Sonne brennt, Silberwürfel aufblasen im Dauerlauf, Sunderweg Ecke Treibstraße ist schon Schluss, Coitus Interuptus, 1000 im Polizei-Kessel, geraden noch positive Erregung ändert das Vorzeichen, gegenseitige Schuldzuweisungen, die 1000 zerfallen sofort in Kleingruppen, wütende oder verunsicherte Einzelne, schwarze Tücher vor Gesichtern, Wut auf Handy-Kameras (zu recht), drei Kinder im dritten Stock am offenen Fenster, Gesänge „Frontex, Polizei, Militär – Mörder im Mittelmeer.“

PROTEST IM ZEITRAFFER weiterlesen

WELT VOLLER DEPPEN?

stbPolemik ist die einzige Form des Sprechens und Schreibens, die noch gehört wird. Wer heute schreibt, egal was, muss sich fragen: Was ist meine große Kampfansage? Welches eklatante Versäumnis der Menschheit decke ich nun auf? Welche Idiotie vernichte ich als nächstes? WELT VOLLER DEPPEN? weiterlesen

GRAUBEREICHE DES LEGALEN

stbWurde über die Causa Böhmermann schon genug gesagt? Ja. Und nein. Was man liest, ist viel Affekt und wenig Analyse. Es gibt etwas an dem Konflikt, der es bis in die Tagesschau „geschafft“ hat, das mich nachhaltig fasziniert. Vermutlich, weil ich mich für Graubereiche des Legalen in der Kunst interessiere. Wie kann es sein, dass ein Gedicht – übervoll rassistischer Klischees – der Ausgangspunkt eines gewaltigen Medien-Kunstwerks werden kann, das meiner Meinung nach gefeiert werden sollte? GRAUBEREICHE DES LEGALEN weiterlesen

APROPOS BRÜSSEL…

stbWas denken Sie: Warum nehmen Sie 3.500 Verkehrstote jährlich hin, ohne mit der Wimper zu zucken? Warum haben Sie mehr Angst vor Terror, als vor einem Autounfall – obwohl die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland durch Terror getötet zu werden, statistisch gegen null geht? Ändern die Anschläge von Paris und Brüssel mathematisch etwas an dieser Wahrscheinlichkeit? Woran liegt es, dass die Angst vor Kriminalität wächst, obwohl Statistiken belegen, dass Deutschland heute mindestens genauso sicher ist wie vor zehn Jahren? Tendieren Sie eher dazu, Negatives oder Positives in ihr Weltbild zu integrieren? Sind Statistiken unmenschlich? APROPOS BRÜSSEL… weiterlesen

KLEINER BRAUNER FLECK

stbÜber unserem Küchentisch hängt eine Weltkarte, schön in Pastellfarben. Wenn die Kinder fragen, in welchem Land wir leben, antworten meine Frau und ich, der Wahrheit entsprechend: „Seht nur, in dem kleinen, braunen dort.“ In der Tat: Australien ist gelb, USA pink, China grün. Aber der kleine, braune Fleck: Deutschland. KLEINER BRAUNER FLECK weiterlesen