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JEDER MENSCH HAT EINEN NAMEN

 

„Jeder Mensch hat einen Namen“

Von Donnerstag, 20.6. bis Samstag 22.6. ruft ein breites Bündnis um Seebrücke Dortmund, Evangelischer Kirchenkreis Dortmund, EKD, Schauspiel Dortmund u.v.a. zur Aktion „Jeder Mensch hat einen Namen“ auf. Anlässlich des Evangelischen Kirchentages soll in der Reinoldikirche und auf dem Platz der Alten Synagoge den in den Jahren 2014-18 auf der Flucht über das Mittelmeer Ertrunkenen gedacht werden, indem deren Namen von jeder/m Interessierten auf große Banner geschrieben werden.

Die Banner werden im Anschluss weithin sichtbar am Kirchturm der Reinoldikirche aufgehängt.


Was ist das Ziel der Aktion „Jeder Mensch hat einen Namen“?

Paul Gerhard Stamm (SEEBRÜCKE Dortmund):  „Wenn ich den Namen eines Ertrunkenen auf das Banner schreibe, dann trete ich in diesem Moment in eine Beziehung zu diesem Menschen. Ich lasse mich berühren, werde sicher nachdenklich. Aus einer abstrakten Zahl von Ertrunkenen – in diesem Jahr schon wieder 543 – werden Menschen, die leben wollten und denen wir nicht geholfen haben.“

Anja Sportelli (SEEBRÜCKE Dortmund):  „Die Banner an der Reinoldikirche werden ein Mahnmal sein. Wir erhoffen uns von dieser Aktion, dass der Aufschrei in der Zivilbevölkerung lauter wird, bis er von den Politker*innen nicht mehr überhört werden kann und es eine politische Lösung für sichere Fluchtwege gibt.“

Wie kam es zu der Kooperation?

Michael Eickhoff (Schauspiel Dortmund): „Die Aktion geht auf eine Idee der NGO Sea-Watch zurück, mit der wir seit einigen Jahren in verschiedenen Projekten zusammenarbeiten. Das ist die NGO, die ja aktuell leider wieder in der Presse ist, weil ihr zivil betriebenes Rettungsschiff „Sea-Watch 3“ keinen italienischen Hafen anlaufen darf. Sea-Watch verfügt über eine Liste, die alle bekannten Namen von auf der Flucht im Mittelmeer Ertrunkenen auflistet – dabei sind allerdings auch jede Menge Menschen, deren Namen und Identität nie bekannt wurden.“

Dirk Baumann (Schauspiel Dortmund): „Mit der Idee sind wir bei Seebrücke Dortmund und einem breiten Bündnis aus Kirche und Gesellschaft auf offene Ohren gestoßen. Ohne ein breites Bündnis wäre so eine große Aktion auch gar nicht zu schaffen. Als Schauspiel sehen wir uns in der Pflicht zivilgesellschaftlich und auch politisch zu wirken, indem wir die Besucher*innen des Kirchentages und andere Interessierte dazu aufrufen, aktiv zu werden, indem sie die unsichtbaren Schicksale sichtbar werden lassen.“

Was können Interessierte/Engagierte tun? Was passiert konkret?

Dirk Baumann (Schauspiel Dortmund): „Jede*r Interessierte*r kann einen oder mehrere Namen von auf der Flucht Ertrunkenen auf eines der Banner schreiben – und sie damit dem Vergessen entreißen. Schicksale, bei denen die Namen nicht bekannte sind, notieren wir das Ereignis und die Anzahl der Todesopfer. Das sind eine Menge.“

Was wollen Sie mit der Aktion erreichen? Was sind Ihre Forderungen?

Paul Gerhard Stamm (SEEBRÜCKE Dortmund): „Für uns, die SEEBRÜCKE-Aktivist*innen, ist es unerträglich, dass wir die Deklaration der Menschenrechte und das Grundgesetz feiern, während gleichzeitig im Mittelmeer die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Seenotrettung ist Menschenrecht – in unseren Augen.
Gemeinsam mit vielen Verantwortlichen aus Kommunen, Kirchen und der Zivilgesellschaft meinen wir:
1.    2019 darf nicht zu einem verlorenen Jahr für die Seenotrettung im Mittelmeer werden.
2.    Die Kriminalisierung der zivilen Seenotrettung muss ein Ende haben. Jetzt!
3.    Seenotrettung muss auch eine staatliche Aufgabe bleiben. Was ist aus der europäischen Seenotrettung geworden? Deutschland sollte hier ein Zeichen setzen und Schiffe entsenden!
4.    Wir brauchen noch in diesem Sommer eine politische Notlösung, einen vorübergehenden Verteilmechanismus für Bootsflüchtlinge. Viele Städte und Kommunen in Europa wollen „Sichere Häfen“ sein! Lassen wir das Realität werden!
5.    Wir brauchen in der EU eine „Koalition der Willigen“, die jetzt handelt. Und eine zukunftsfähige Migrationspolitik entwickelt. Denn Menschen ertrinken lassen oder in die Lager Libyens zurückschicken, kann keine Option für Europa sein.“

Wie können sich Gemeinden und Kirchenmitglieder konkret in der Seenotrettung (auf dem Mittelmeer) engagieren?

Dr. h.c. Annette Kurschus (Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen): „Die Menschen, die in Booten und Lagern hocken; die Seenotretter, die kriminalisiert werden; die Politikerinnen und Politiker, die helfen oder helfen könnten: Sie alle brauchen unsere Aufmerksamkeit, unsere Solidarität, unseren Protest. Die Situation im Mittelmeer darf nicht aus unseren Gedanken, nicht aus den Medien, nicht aus unseren Gebeten und Gottesdiensten verschwinden – solange, bis sich wirklich etwas ändert. Ich bitte jeden und jede Einzelne, ich bitte unsere Gemeinden und Kirchenkreise: Bleiben Sie unruhig, halten Sie Barmherzigkeit wach und Protest lebendig. Auch nach dem Kirchentag. Unterstützen Sie – wo es geht – die Hilfsorganisationen wie Sea-Watch, Pro Asyl und Mediterranean Hope! Bitten Sie die Europaparlamentarier und Bundestagsmitglieder aus Ihrer Region, sich stärker für die Seenotretter und einen kurzfristigen Verteilmechanismus mit deutscher Beteiligung einzusetzen! Damit das Sterben im Mittelmeer endlich ein Ende hat.“


Ablauf

Donnerstag, 20. Juni 2019
22:30 – 23:30
Politisches Nachtgebet in der Reinoldikirche

Freitag, 21. Juni 2019
10:00 – 18:00
Platz der Alten Synagoge/Opernplatz: Beschriftung des Banners und Begleitausstellung zum Thema Flucht

Samstag, 22. Juni 2019
10:00 – 17:00
Platz der Alten Synagoge/Opernplatz: Beschriftung des Banners und Begleitausstellung zum Thema Flucht

17:00 – 18:00
Abschlussprogramm auf dem Platz der Alten Synagoge/Opernplatz

18:00 – 19:00
Trauermarsch zur Reinoldikirche und Hängung der Banner